Ein Hintergrundgespräch mit Orhan Akman zu den Monopolisierungstendenzen im Handel

Eine Handvoll Konzerne bestimmt, was wir konsumieren

„Kauflust kehrt etwas zurück“, meldete die „Tagesschau“ zum Ende eines mäßigen Weihnachtsgeschäfts, das für viele Einzelhändler überlebenswichtig ist. Anfang Januar meldete das Statistische Bundesamt einen Rekordumsatz des Handels, der allerdings preisbereinigt im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken ist. Während Galeria Kaufhof jetzt endgültig in die Pleite geführt wird, feierten große Konzerne in den letzten Jahren Rekordgewinne. Für jeden sichtbar sind die Veränderungen im Handel in den Innenstädten: immer weniger lokale Händler, mehr und neue Ketten. Dazu Leerstand, Abriss, Neubau. UZ sprach mit Orhan Akman, politischer Gewerkschaftssekretär in der ver.di-Bundesverwaltung und Kandidat für den ver.di-Bundesvorstand.

UZ: Während der Pandemiemaßnahmen herrschte in den Innenstädten gähnende Leere. Doch schon davor waren die regionalen Einzelhändler verschwunden. Kaufhäuser werden abgerissen oder umgebaut. Traditionsreiche Unternehmen gehen pleite, neue erobern den Markt. Was ist im Handel los?

Orhan Akman: Es gibt mehrere Parameter, warum sich der Handel verändert – und in Teilen auch verändern muss. Ein Blick in die Geschichte kann helfen, die Gegenwart ein bisschen besser zu verstehen. Früher haben die Menschen Produkte oder Lebensmittel aus eigenem Landbau auf dem nächstgelegenen Markt verkauft oder gegen andere Waren ausgetauscht. Der klassische Markt beziehungsweise der sogenannte Wochenmarkt, den es ja immer noch gibt. Das Ganze findet heute weitestgehend im virtuellen Raum auf Plattformen und Websites statt. Dort hat der Kunde eine sehr große Auswahl von zehntausenden Artikeln. Und diese Plattformen sind räumlich nicht eingegrenzt. Ich kann heute als Kunde, der in Stuttgart oder in Schwäbisch Hall sitzt, Waren aus den USA, aus Südafrika, aus China oder Japan bestellen. Das heißt: Plötzlich steht der gesamte Weltmarkt im Wohnzimmer zur Verfügung.

Dahinter verbirgt sich aber auch eine enorme Macht und Konzentration. Konzerne bestimmen darüber, wen sie auf ihre Websites lassen und damit auch, wer überhaupt am Markt teilnehmen darf. Amazon ist im Onlinehandel nicht irgendein Akteur, sondern Amazon ist der Markt. Das heißt: Künftig wird die Frage sein, inwieweit der Staat bereit und in der Lage ist, den Zugang zu den Onlineplattformen zu regeln und zu kontrollieren, damit es keine Wettbewerbsverzerrungen gibt. Wir haben einen riesigen Regulierungsbedarf. Das hat zur Folge, dass bereits heute jedes Unternehmen im Handel sich fragen muss: Wie will ich mich künftig aufstellen?

UZ: Welchen Herausforderungen müssen sich die Händler in der Zukunft stellen?

Orhan Akman: Der Kunde ist nicht mehr derselbe wie vor 20 Jahren – sein Einkaufsverhalten hat sich nachhaltig geändert. Er bedient sich heute sehr unterschiedlicher Vertriebskanäle. Er kauft online und holt die Ware im Laden ab. Er kauft online und lässt sie nach Hause liefern. Er geht in den Laden und bestellt sie online. Er kauft in einem realen Laden ein. Der Kunde ist flexibler und deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass die stationären Händler gut beraten sind, ihre Unternehmen zu digitalisieren. Sie brauchen den digitalen Laden beziehungsweise das digitale Warenhaus. Wer das zu spät erkennt, endet wie Hertie, Schlecker oder Praktiker. Alle sind wegen Missmanagement und einem enormen Investitionsstau vor die Wand gefahren worden. Diesen Investitionsstau finden wir im Grunde auch bei Galeria Karstadt Kaufhof wieder.

Neben dem virtuellen Leben und dem virtuellen Markt gibt es natürlich noch ein reales Leben und auch noch reale Kunden und reale Menschen, die eine Interaktion in der Stadt, im Laden, in der Kultur brauchen. Deswegen muss man über die Funktion der Innenstädte nachdenken. Eine Fehlentwicklung, die neben dem Onlinehandel zur Verödung der Innenstädte geführt hat, haben die Kommunen zu verantworten: Mit einer enormen Flächenerweiterung auf der grünen Wiese – also mit Einkaufszentren – fließt zunehmend Kaufkraft aus den Innenstädten ab. Dazu beigetragen haben enorme Mietforderungen in den 1A-Lagen. Wenn man bedenkt, dass in einigen Städten 5.000 Euro pro Quadratmeter an Miete verlangt werden, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass der klein- und mittelständische Handel und Einzelhandel über die Wupper geht.

UZ: Erst konnten sich die Kleinen die Miete nicht mehr leisten, jetzt werden die Kaufhäuser aus den 1960er-Jahren abgerissen …

Orhan Akman: Ja, genau. Es zeigt sich, dass Unternehmen immer wieder versäumt haben, in Zukunftsbereiche zu investieren. Schauen wir uns mal den Textileinzelhandel an. H&M, Zara oder Esprit hatten ihre Hochphase, als die Kauf- und Warenhäuser den Bach runtergingen. Ihre Umsätze und Gewinne schossen total durch die Decke. Aber sie haben mit Ausnahme von Zara (Inditex Gruppe) nicht ins operative Geschäft investiert, sondern haben eine Filiale nach der anderen eröffnet. Damit haben sie enorm zur Überkapazität an Verkaufsflächen und Filialen in Deutschland beigetragen. Es gibt in gewissen Segmenten eine Überversorgung und einen hohen Konzentrationsprozess.

Beispielsweise beherrschen im Drogerieeinzelhandel die drei Konzerne Rossmann, dm und Müller weit über 90 Prozent des Marktes. Ähnlich sieht es im Lebensmittelhandel aus. Da sind es vier, fünf Konzerne, die weit über 80 Prozent des Marktes beherrschen. Und das hat natürlich Folgen auf dem realen Markt: Es verstärkt den Verdrängungswettbewerb und die Kannibalisierung.

Aber es hat auch Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette. Diese Konzerne üben einen enormen Druck aus auf die Erzeuger, die Produzenten, die Lieferanten und die Beschäftigten. Gleichzeitig führt diese Entwicklung zu Eintönigkeit. Über 80 Prozent der Deutschen kaufen ihre Lebensmittel nur noch bei vier Konzernen. Da können die regionalen Anbieter und kleinen Läden nicht mithalten. Der Kapitalismus im Einzelhandel hat ein Niveau erreicht, auf dem Monopole entstanden sind. Es bedarf der Regulierung durch den Staat und die Gesellschaft muss sich fragen: Wollen wir, dass Konzerne wie Amazon und Konsorten mehr Macht haben als die gesamte Bevölkerung?

UZ: Der Staat müsste also im Interesse der Mehrheit eingreifen, hat es aber während der letzten Jahre nicht getan, sondern die Konzentrations- und Zentralisationsprozesse vorangetrieben.

Orhan Akman: Der Staat hat das nicht nur befördert, sondern er hat die Instrumente zur Beschleunigung der Entwicklung geschaffen. Zum Beispiel mit dem Ladenschlussgesetz: Als der SPD-Minister Franz Müntefering 2006 die Zuständigkeit für die Ladenöffnungszeiten vom Bund auf die Länder verlagert hat, hat er damit den Wettbewerb angeheizt. Die Großkonzerne haben gesagt: Wir öffnen dann, wenn sich das die anderen nicht mehr leisten können. Das hat viele kleine und mittelständische Unternehmen in die Insolvenz getrieben.

Ein weiteres Instrument der Strukturveränderung ist die Auflösung der Grenzen zwischen den unterschiedlichen Vertriebskanälen. Man kann heute in einem Baumarkt Wein kaufen oder bei Lidl seinen gesamten Textilbedarf decken – der Lebensmitteldiscounter Lidl gehört mittlerweile zu den größten Textilhändlern in Deutschland. Der Facheinzelhandel, dessen Merkmal die Spezialisierung ist, hat kaum noch Überlebenschancen. Die Großkonzerne zum Beispiel im Lebensmittelhandel verdienen ihr Geld nicht mehr nur in ihrem Hauptfeld – also mit Lebensmitteln –, vielmehr wird ein nicht unwesentlicher Teil der Gewinne mit Non-Food-Produkten erwirtschaftet. Auch hier hat der Staat nicht nur zugeschaut, sondern erlaubt, dass der klassische Mix aus unterschiedlichen Unternehmen zunehmend abgenommen hat und dass Großkonzerne heute fast alles abdecken.

UZ: Welche Auswirkungen hat die Herausbildung von Monopolen im Groß- und Einzelhandel für die Beschäftigten?

Orhan Akman: Entscheidend für die Beschäftigten ist die massive Tarifflucht, die seit Anfang der 2000er-Jahre stattfindet. Weit über 70 Prozent der Einzelhandelsunternehmen und weit über 80 Prozent der Großhandelsunternehmen sind nicht mehr tarifgebunden. Die Unternehmerverbände und vor allem der Handelsverband Deutschland haben es geschafft, die Löhne und Gehälter zum Spielball des Wettbewerbs zu machen. Die Konzerne haben das auch als Instrument genutzt, um den Wettbewerb nicht nur zu verzerren, sondern um damit die Konkurrenz kaputtzumachen. Im Übrigen hätte die Politik die Möglichkeit, vorhandene Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären.

Selbstkritisch muss allerdings auch gesagt werden, dass die Tarifabschlüsse der Gewerkschaften in den letzten Jahren durch Reallohnverluste geprägt waren. Deutschland ist – obwohl eines der reichsten Länder – ein Billiglohnland geworden. Dazu gehört auch, dass die Stärkung der Kaufkraft im Inneren vernachlässigt wurde. Wir haben eine enorme Kapital- und Geldkonzentration in wenigen reichen Händen und Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze. Wenn man bedenkt, dass die Tafeln kaum noch Kapazitäten haben, Menschen zu versorgen, dann ist dies das Spiegelbild dieser Fehlpolitik. Das führt dazu, dass Menschen die Discountbrille aufsetzen, wenn sie einkaufen. Dann zählt nur noch der Preis, anstatt auch Qualität und Service zu berücksichtigen.

Wenn man das alles zusammenzählt, dann braucht man sich nicht zu wundern, dass die Innenstädte veröden, dass es einen enormen Konzentrationsprozess gibt und dass wenige Konzerne damit darüber entscheiden, was wir tagtäglich essen oder welchen Service wir bekommen. Dieser Konzentrationsprozess hat auch enorme Auswirkungen auf Länder, die Waren für uns produzieren, an uns liefern. Ob das jetzt Textilien aus Bangladesch, Wein aus Südafrika oder der Orangensaft aus Brasilien sind – die Konzerne haben enormen Einfluss auch auf die Arbeits- und Lebensbedingungen von Millionen Menschen am anderen Ende der Lieferkette.

UZ: Der Staat hat also nicht nur die Herausbildung von Monopolkonzernen im Handel unterstützt, sondern diesen auch ermöglicht, weltweit auf die Jagd nach Profiten zu gehen. Damit exportieren die Konzerne natürlich auch soziale und ökologische Probleme, die aus dem Konsum bei uns entstehen.

Orhan Akman: Genau. Man kann es sehr banal aufteilen: Im Globalen Norden wird von einigen wenigen das Kapital akkumuliert, der Globale Süden wird in einer Art neuem Kolonialismus, einem indirekten Kolonialismus, ausgebeutet. Und zwar nicht nur die Menschen, sondern auch die gesamte Natur. Amazon verpestet die Umwelt mehr als die Schweiz oder Dänemark. Die Folgen der Politik der großen Konzerne sind etwa Monokulturen beim Soja- oder Orangenanbau in Brasilien mit enormen Auswirkungen für die Umwelt in der Region. Die Textilindustrie in Bangladesch oder in Sri Lanka verursacht einen großen Wassermangel und trägt zur Austrocknung von Flüssen bei. Es ist richtig, wenn wir über ein Lieferkettengesetz nachdenken. Doch so, wie das Problem im Moment angegangen wird, dauert es Jahrzehnte, bis etwas passiert, da sich die Politik nicht mit den Konzernen anlegen will.

Als Gewerkschaften müssen wir uns unserer Hausaufgaben bewusst werden. Ich halte wenig davon, dass wir in Deutschland noch über regionale, kleinteilige Tarifverträge reden, sondern wir müssen uns national aufstellen, im Idealfall international mit den Kollegen entlang der Wertschöpfungs- und Lieferketten. Wir müssen Wege finden, wie wir gemeinsam Tarifpolitik machen. Es sind die Konzerne des Globalen Nordens, die mit Handlangern aus dem Süden Mensch und Natur ausbeuten. Mittelfristig bin ich der festen Überzeugung, dass wir Tarifverträge entlang der Wertschöpfungsketten brauchen, damit wir den Konzernen einigermaßen etwas entgegensetzen können.

UZ: Das ist eine große Verantwortung für die Gewerkschaften. Momentan scheinen sie allerdings eher darauf zu setzen, „mitgestalten“ zu wollen.

Orhan Akman: Es ist gut und hilfreich, wenn man Gesetze oder Tarifverträge hat. Aber wenn man keine Instrumente und Strukturen hat, sich durchzusetzen, nutzen sie wenig. Wir müssen als Gewerkschaft lernen, dass wir uns von Parteien und der bürgerlichen Politik unabhängig machen. Der DGB freut sich, dass der gesetzliche Mindestlohn auf 12 Euro steigt. Gleichzeitig müsste man sagen: Warum brauchen wir den überhaupt? Warum gelingt es uns nicht, ganze Branchen mal wieder zu tarifieren? Statt sich selbstkritisch zu hinterfragen, werden minimale Erfolge der Politik hochgelobt. Die haben eine enorme Kehrseite: Sie zeigen die Schwäche der Gewerkschaften.

UZ: Der Mindestlohn schützt ja weder vor Armut, insbesondere im Alter, noch gleicht die Erhöhung auf 12 Euro die Inflation aus.

Orhan Akman: Worüber reden wir denn? 12 Euro sind ein Armutslohn. Da gibt es nichts zu feiern. Wenn Menschen in Deutschland mit 1.500 Euro netto nach Hause gehen und davon sich und ihre Familie ernähren müssen, dann ist das ein Armutszeugnis für Deutschland. Für diesen Schlag ins Gesicht jener Menschen braucht sich keiner zu feiern – weder die Sozialdemokratie noch die Grünen noch die DGB-Gewerkschaften.

Ich höre nichts von einer Umverteilung von oben nach unten. Ich höre nichts von einer vernünftigen Steuerpolitik, die die unteren Einkommensschichten entlastet. Wenn wir als Gewerkschaften unsere Hausaufgaben nicht machen, dann hat das enorme Folgen für die Binnennachfrage und die Schere zwischen Arm und Reich. Wir brauchen auch nicht anderen Ländern zu sagen, dass es bei uns demokratischer zugeht. Wenn man betrachtet, was die Beschäftigten schaffen und was sie am Ende kriegen, ist die Ausbeutung bei uns größer.

Chancen und Gefahren der Digitalisierung

UZ: Lass uns noch einmal auf die Innenstädte zurückkommen. Mit der Insolvenz von Galeria Kaufhof werden viele Beschäftigte ihre Arbeit verlieren. In den Innenstädten wird der nächste „Umgestaltungsschub“ kommen, der unter kapitalistischen Bedingungen ja nichts verbessern wird. Wie können die Innenstädte gerettet werden?

Orhan Akman: Man kann das nicht mit einzelnen Konzernen erklären. Es greift auch zu kurz, die Pleite von Galeria Kaufhof auf den Eigentümer René Benko zurückzuführen. Wir müssen die Städte neu denken, weil sich der Handel und das Leben der Menschen verändern. In den Innenstädten müssen wieder normale Menschen wohnen, leben, Zeit verbringen können. Eine ganz normale Familie mit zwei oder drei Kindern kann sich ja schon den Gang in die Innenstadt kaum noch leisten. Das fängt beim Ticket für den ÖPNV an, sie müssten in der Innenstadt auch mal einen Eiscafé-Besuch bezahlen können. Das hat mit der Einkommenssituation zu tun. Aber auch damit, dass die Innenstädte wieder Begegnungsstätten werden, soziale Räume, wo Kultur stattfindet, wo ich aber auch Dinge erledigen kann. Deswegen fand ich gar nicht verkehrt, was Galeria Kaufhof in Kassel gemacht hat: Durch die Kommune wurden gewisse Leistungen im Kaufhaus angeboten. Da kann ich mich um Anliegen in der kommunalen Behörde kümmern und anschließend einkaufen.
Das andere Problem, das wir in den Griff bekommen müssen, ist die sogenannte „letzte Meile“. Heute fahren teilweise mehr als zehn Lieferanten die gleiche Straße an. Das ist schlecht für die Umwelt und die Lebensqualität.

UZ: Das ist ein sehr umfassender Ansatz …

Orhan Akman: Wenn man sich besinnt, dann könnte man die Digitalisierung genau dazu nutzen. Derzeit wird die Digitalisierung nur genutzt, um die Kosten zu senken, was zulasten der Beschäftigen geht. Die Möglichkeiten werden nicht genutzt. Die Beschäftigten werden nicht qualifiziert, um mit der Digitalisierung umgehen können und die Hände und den Kopf frei zu haben, um möglichst gut zu beraten. Wir haben abertausende Kolleginnen und Kollegen im Handel, die den Job gern machen – die wollen beraten und sich um ihre Kunden kümmern. Nur wenn man immer gestresst ist und die Technik dazu genutzt wird, dass der Beschäftigte nur noch hin und her springt, dann ist das weder im Sinne der Beschäftigten noch der Kunden. Eine Debatte in diese Richtung hatten wir bei H&M. Dort konnten wir einen Digitalisierungstarifvertrag abschließen. Wichtig ist, dass Digitalisierung nicht dazu führen darf, dass Menschen abgruppiert werden, also weniger verdienen. Wollen Unternehmen langfristig noch am Markt bleiben, dann dürfen sie nicht die kurzfristigen Gewinne im Blick haben, sondern müssen investieren, vor allem in ihr Personal.

UZ: Wie wirken sich Digitalisierungsprozesse derzeit auf die Beschäftigten aus?

Orhan Akman: MediaMarktSaturn wirbt etwa mit „Click & Collect“ – man kann online bestellen und die Waren im Laden abholen. Das Gleiche gibt es auch bei Rewe. Das stellt die Beschäftigten vor eine enorme Herausforderung. Die Konzerne machen dem Kunden ein Versprechen, das nur erfüllt werden kann, weil der Beschäftigte zusätzliche Aufgaben übernehmen muss. Neben den normalen Tätigkeiten muss er nun auf einer großen Fläche, die nicht dafür eingerichtet ist, die Waren zusammensuchen. Daneben verändert sich das Verhältnis zwischen dem Beschäftigten und dem Kunden. Der Kunde taucht im Laden auf und sagt: Ich habe das vor zwei Stunden bestellt, ihr habt versprochen, dass ich es jetzt abholen kann. Er bittet also nicht mehr um etwas, sondern er übernimmt Direktionsaufgaben. Ohne tarifvertragliche – besser gesetzliche – Regelungen besteht die Gefahr, dass die Beschäftigten entgegen ihrem Arbeitsvertrag von jedem x-beliebigen Kunden herumkommandiert werden können.

UZ: Es wird ja ohnehin viel auf die Beschäftigten abgewälzt. Besonders viel war es während der Pandemie, wo die Beschäftigten weitere Kontrollaufgaben übernehmen mussten.

Orhan Akman: Das sind die Beschäftigten gewohnt, das ist leider so. Es ist schwierig, Kunden zu gewinnen – gerade in einem hart umkämpften Markt wie hier in Deutschland, wo der Wettbewerb enorm ist. Viel schneller kann man Kunden verlieren. Vor allem dann, wenn die Unternehmen den Kunden etwas in Aussicht stellen, was sie nachher nicht erfüllen. Die Beschäftigten bekommen das auf der Verkaufsfläche oder an der Kasse zu spüren.

UZ: Wie siehst du die Perspektive des Handels?

Orhan Akman: Wir haben beim Onlinehandel noch nicht über die „Pure Player“ gesprochen, also Amazon, Otto oder Zalando, zukünftig vielleicht auch der chinesische Anbieter Alibaba und andere. Die verändern die Marktregeln noch einmal ganz anders. Wenn es Amazon zum Beispiel gelänge, mit dem Online-Lebensmittelhandel Geld zu verdienen, wäre das eine Riesenherausforderung. Von den 5,4 Millionen Beschäftigten im Groß- und Einzelhandel in Deutschland arbeiten 1,5 Millionen Beschäftigte im Lebensmittelhandel. Das würde die gesamte Teilbranche richtig aufwirbeln. Das heißt auch: Die Konzerne wären gut beraten, wenn sie Zukunftskonzepte mit den Beschäftigten und mit den Interessenvertretungen der Kolleginnen und Kollegen entwickeln. Ansonsten werden die Digitalisierungsprozesse nicht zu Unrecht als Gefahr gesehen. Anders ist es, wenn sozusagen Beschäftigte eingebunden werden, wenn ihr Know-how, ihre Erfahrungen in solche Prozesse einfließen, wenn Betriebsräte, Gesamtbetriebsräte und auch die Tarifgewerkschaften hier eingebunden werden.

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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Eine Handvoll Konzerne bestimmt, was wir konsumieren", UZ vom 20. Januar 2023



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