Die internationale Solidarität befreite Angela Davis aus dem US-Gefängnis

Eine Million Rosen

Angela Davis

Frau, schwarz, Kommunistin – Letzteres wohl der Hauptgrund, warum Angela Davis 1970, nach nur einem Jahr Lehre an der Universität Kalifornien, gekündigt werden sollte. Doch Solidarität und ein Gericht verhinderten das. Der damalige kalifornische Gouverneur und spätere US-Präsident Ronald Reagan konnte das nicht auf sich sitzen lassen. So wurde eine Anklage konstruiert und Davis mit der Todesstrafe bedroht. 488 Tage war sie in Haft, bevor sie am 4. Juni 1972 freigesprochen wurde. „Zu jenen, die Angela Davis unverzüglich zu Hilfe eilten, gehörte die DDR. Deren Vorhut bildeten Kinder aller Altersstufen, die der mit dem Tode Bedrohten eine bis heute archivierte volle Million selbstentworfener und gemalter Rosen in ihre Zelle schickten“, schrieb Klaus Steiniger, der für das „Neue Deutschland“ den Prozess in den USA beobachtete, zu Davis’ 70. Geburtstag. Am 26. Januar begeht sie ihren 80. – herzlichen Glückwunsch!

Wir dokumentieren hier das Vorwort, das Davis 2009 zum Prozessbericht Steinigers beisteuerte. Das Buch „Angela Davis. Eine Frau schreibt Geschichte“ ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

Während der letzten Jahre bemerkte ich, dass ich mich mehr und mehr mit der Zeit der frühen Siebziger beschäftigte, als ich mich wegen der mir vorgeworfenen Kapitalverbrechen Mord, Menschenraub und Verschwörung in Untersuchungshaft befand. Nicht weil ich es für notwendig erachte, persönlich an diesen Erinnerungen festzuhalten. Zwar war es ein aufregender, überwältigender und oftmals beängstigender Abschnitt meines Lebens und ich möchte jene Zeiten so lebendig wie möglich im Gedächtnis behalten. Aber vor allem will ich in der derzeitigen Epoche des globalen Krieges gegen „Terror“, der konservativen Anstrengungen, den zerfallenen Wohlfahrtsstaat wieder ins Gleichgewicht zu bringen, des alles durchdringenden Rassismus im Erziehungswesen und im Gefängnissystem betonen, dass in meinem Fall eine gewaltige internationale Massenbewegung unwiderruflich über den Staat triumphiert hat. Wenn ich im Jahr 2009 an die Geschichte meines Prozesses und an die Kampagne denke, die uns zu einem siegreichen Abschluss führte, geht es mir nicht in erster Linie um meine Geschichte, sondern um die Möglichkeiten kollektiver, grenzüberschreitender Solidarität.

Heute sind die Auswirkungen des globalen Kapitalismus auf die Menschen weitaus gewaltiger als alles, was wir uns damals – selbst in unseren leidenschaftlichsten Anstrengungen gegen die Macht des Kapitals – vorstellen konnten. Wir hielten die Gegenwart für etwas Änder- und Umwandelbares. Auch heute müssen wir imstande sein, sie uns als wandelbar vorzustellen. Wir müssen unser kollektives Vertrauen in eine Zukunft setzen, die von den Gemeinschaften des Kampfes geschmiedet wird – von Arbeitern, Studenten, Künstlern, Gefangenen, mit Menschen von unterschiedlichem rassischen, ethnischen und nationalen Hintergrund.

Die beeindruckende Aktion „Freiheit für Angela Davis“ in der DDR hat mich in jenen Tagen besonders bewegt. Ich wusste von meinen Genossen in der Führung der Kommunistischen Partei und von Menschen, die mit Klaus Steiniger und Horst Schäfer gesprochen hatten, dass unsere Genossen in der DDR eine entschiedene Kampagne mit der Forderung nach Freiheit für mich führten. Als Sonderkorrespondent, den „Neues Deutschland“ entsandt hatte, nahm Klaus Steiniger am Prozess in San Jose teil und berichtete auch über die Kampagne, die in der ganzen Welt immer mehr Anhänger fand.

Es berührte mich mehr, als ich es mir je hätte vorstellen können, als ich die wahren Ausmaße dieser Aktion erfuhr. Wie Sie dem Buch entnehmen werden, befand ich mich zu jener Zeit in Untersuchungshaft in einem Gefängnis Kaliforniens. Man berichtete mir, welche Ausmaße die Bewegung in der DDR angenommen hatte. Ich war damals in der dritten Haftanstalt seit meiner Festnahme. Zunächst hielt man mich im New-Yorker Frauengefängnis fest, dann, nach der Auslieferung an den Staat Kalifornien, im Gefängnis der Marin County und schließlich in einer Einrichtung in Palo Alto, nicht weit von San José, wo der Prozess stattfand. Es war eine kalte, feuchte Zelle, und ich erinnere mich an ihr durchdringendes Grau – sowohl der Farbe als auch der Wirkung nach. Die Zelle war für zwei Gefangene bestimmt, ich konnte die obere und die untere Koje benutzen, weil ich in Einzelhaft gehalten wurde. Da es sich um eine Haftanstalt handelte, in der die Gefangenen übergangsweise festgehalten wurden, gab es dort keine Aufenthaltsräume, keine offenen Korridore oder andere Plätze, wo man sich hätte bewegen, ein paar Schritte gehen, etwas Sport treiben oder mit anderen Insassen zusammen sein können. Es existierte nicht einmal ein Besucherraum. Mit anderen Worten: Die Anstalt erzeugte extreme Platzangst. Mitglieder des Nationalen Vereinigten Komitees für die Befreiung von Angela Davis und aller politischen Gefangenen protestierten gegen diese Haftbedingungen. Das führte dazu, dass mir die Gefängnisaufseher den Zugang zu einer angrenzenden Gummizelle gestatteten. Dieser Ort wurde von den Beamten – ohne einen Anflug von Ironie – als „Suite“ bezeichnet. Aber ich muss zugeben, ich schätzte den Extraraum, auch wenn ich besorgt sah, dass das Loch in der Mitte des Fußbodens, das den Inhaftierten vor mir als Toilette gedient hatte, überfließen und meine Bücher nass werden konnten. In diese Zelle brachte mir einer der diensthabenden Wärter täglich meine Post, die ich immer ungeduldig erwartete. Gewöhnlich verwandte ich mehrere Stunden am Tag auf die Korrespondenz. Zu Beginn meiner Haft war es mir möglich, jeden Brief zu beantworten, aber als die Bewegung dann stärker wurde, hatte der Tag nicht mehr genug Stunden, um den wachsenden Stapel von Briefen zu bearbeiten. Ich bemühte mich, sie alle zu lesen, und versuchte, wenigstens all den Kindern und anderen Gefangenen, die mir ihre Botschaften schickten, zurückzuschreiben. Eines Tages, als ich meine Post durchging, bemerkte ich, dass ich viele Karten mit Solidaritätsbotschaften aus der DDR erhielt. „Freiheit für Angela!“, stand da, und es schien mir, als seien sie von Kindern geschrieben worden. Die Postkarten waren mit roten Rosen geschmückt, jede anders gezeichnet und Ausdruck der Kreativität jedes einzelnen Kindes, das sie mir geschickt hatte. Ich weiß noch, wie reizend ich es fand, dass mir die Kinder aus der DDR Rosen sandten, die niemals verwelken würden.

Anfangs konnte ich jede der 15 bis 20 eintreffenden Karten in Augenschein nehmen, jeden Tag kamen mehr, dann 100, dann 500, und schließlich erreichten mich die Karten der Kinder so zahlreich, dass sie mir in großen Säcken des U. S. Post Office zugestellt wurden. Zunächst las und genoss ich jede einzelne und versuchte mir vorzustellen, wie das Kind wohl sein mochte, das mir die Karte geschrieben hatte.

Doch dann war es ein solches Übermaß an Karten, dass die Zeit nicht ausreichte, sich mit jeder einzelnen zu beschäftigen, so sehr ich das gewollt hätte. Hunderte, Tausende, dann Zehntausende, ja eine Million herrlicher Rosen! „Eine Million Rosen für Angela.“ Schließlich waren so viele Karten eingetroffen, dass sie an einen anderen Ort gebracht werden mussten. Heute werden sie in den Archiven der Stanford-Universität in Palo Alto aufbewahrt, nicht weit von jenem Gefängnis, in dem ich saß, als die Postkarten eintrafen. Wenn ich an die internationale Kampagne für meine Freiheit zurückdenke, kommt mir die Million Rosen der Schulkinder aus der DDR zuallererst in den Sinn.

Nun, fast 40 Jahre später, bin ich vielen deutschen Frauen und Männern begegnet, die mir berichteten, sie hätten als Kinder rosengeschmückte Postkarten in das Gefängnis geschickt, in dem ich festgehalten wurde. 2003 besuchte ich Berlin anlässlich der Beisetzung der Asche Herbert Marcuses auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof. Während meines Aufenthalts in der Stadt erzählten mir viele Menschen, sie hätten als Kinder an der Kampagne „Eine Million Rosen“ mitgewirkt. 2005 lud man mich ein, auf der jährlichen Rosa-Luxemburg-Konferenz der „jungen Welt“ zu sprechen. Ich nahm gemeinsam mit meinen Freunden Horst und Itte Schäfer an der Veranstaltung teil. Auch während dieses Besuchs traf ich auf Leute, die als Kinder Postkarten geschrieben hatten und stolz darauf waren, dass diese politische Geste in ihrer Jugend eine wichtige Rolle gespielt hat.

Unlängst hielt ich Vorlesungen an einer Reihe von Universitäten in verschiedenen Gegenden quer durch die USA. Deutsche Emigranten ließen mich wissen, auch sie hätten an der Kampagne „Eine Million Rosen“ teilgenommen. Ich habe Erwachsene überall auf der Welt getroffen, die voller nostalgischer Freude strahlten, als sie mir von ihrer Kindheitserinnerung berichteten, in der Schule eine Postkarte für mich gestaltet zu haben.

Jedes Mal, wenn ich einem dieser Million Kinder von einst begegne, wird mir bewusst, wie wichtig es ist, die historische Erinnerung an das zu bewahren, was die sozialistischen Länder erreichen konnten. In der Tat verdanke ich meine Freiheit jenen Kampagnen, die von den Regierungen der sozialistischen Länder unterstützt wurden – von der DDR über die UdSSR bis Kuba – und von den kommunistischen Parteien in der ganzen Welt. Aber darüber hinaus täten wir gut daran, uns auf die Errungenschaften der sozialistischen Gemeinschaft der Nationen zu besinnen, wenn wir versuchen, das Eindringen kapitalistischer Interessen in die intimsten Sphären unseres Lebens abzuwehren und hier, in den USA, für grundlegende Rechte kämpfen.

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"Eine Million Rosen", UZ vom 26. Januar 2024



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