Zu Übernatürlichem

Engels statt Engel

Friedrich Engels beschrieb 1844 das 18. Jahrhundert als „vorletzten Schritt zur Selbstbefreiung der Menschheit aus ihrer Vereinzelung, in die sie durch das Christentum geworfen war“. Seitdem haben die einen gewartet, die anderen gehofft und die nächsten dafür gewirkt, dass auch noch der letzte Schritt kommt. Irrationale und Obskurantisten aller Art taten dagegen, zuletzt vor allem im Windschatten der neoliberalen Gegenreform, das Ihre dazu, die Vernunft zu betäuben – so gut es auf dem ihnen gegebenen Argumentationsniveau eben geht.

Besser ist daher auf jeden Fall, wenn sich die erste Liga der Gegenaufklärung einmischt. Am vergangenen Freitag gab der Vatikan eine Neufassung der zuletzt 1978 editierten „Normen zu mutmaßlichen übernatürlichen Phänomenen“ heraus. Gemeint sind tränende Madonnenstatuen, aus der Seite blutende Erlöserfiguren oder aus dem Nichts erschienene Marien, deren Wallfahrten-Marketing beträchtliche Geldmengen generiert; meist treten diese Erscheinungen in unsicheren oder Kriegszeiten auf. Dass Kritik am Kommerz die Schäfchen vom rechten Weg abkommen lässt, soll der gute Hirte verhindern. Ob diese römische Schrift dabei allerdings hilfreich ist, werden sich Glaubenskrieger an der Basis nach Lektüre des Dokuments mit Recht fragen.

Wie weit nämlich die Saat des Zweifels mittlerweile selbst die Fundamente des vatikanischen Glaubensgebäudes beschädigt hat, zeigt sich schon an der Überschrift. Was heißt da „mutmaßlich“? Ungefragt warnt der Heilige Stuhl vor der Gefahr, dass „die Gläubigen in den Bann eines einer göttlichen Initiative zugeschriebenen Ereignisses geraten“ können. Und behauptet, dass „in einigen Fällen von Ereignissen, die mutmaßlich übernatürlichen Ursprungs sind, sehr ernste Probleme zum Schaden der Gläubigen auftreten“. Selbst ein festgestelltes Anzeichen für das Wirken des Heiligen Geistes wird fortan nicht mehr als Gewissheit übernatürlicher Echtheit verbreitet.

Der oberste vatikanische Renegat kritisiert schon länger übernatürliche Erscheinungen – wie die Wandlung der Bandera-Fans zu aufrechten Demokraten oder die der NATO zu einem Friedensbündnis. Der Papst will Verhandlungen, weil er weder einem Schaden für Gläubige noch für Ungläubige zusehen mag. Siegt die Vernunft? Wenn, dann wohl mutmaßlich nach Engels-Lektüre.

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"Engels statt Engel", UZ vom 24. Mai 2024



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