Nach dem Überfall durch die USA erschüttert ein Erdbeben Venezuela

Erneute Katastrophe

Das schwerste Erdbeben in der jüngeren Geschichte Venezuelas hatte nach offiziellen Angaben zu Beginn dieser Woche bereits knapp 1.500 Todesopfer und tausende Verletzte gefordert. Weitere Zigtausende werden noch immer vermisst. Und ein Ende der Meldungen über weitere Opfer, eingestürzte Gebäude und zerstörte Infrastruktureinrichtungen ist nicht abzusehen.

Am Mittwoch vergangener Woche hatten zwei Erdstöße mit der Stärke 7,2 und 7,5 das seit mehr als zehn Jahren unter ständig verschärften Sanktionen der USA, der EU und anderen Ländern leidende Land erschüttert. Geologische Dienste registrierten in den 24 Stunden nach den ersten Stößen 138 Nachbeben. Der Küstenstaat La Guaira wurde am stärksten beschädigt, doch auch die Hauptstadt Caracas und andere Orte erlitten massive Zerstörungen. Einem Bericht der Vereinten Nationen zufolge könnten etwa sieben Millionen Menschen und damit fast ein Viertel der Bevölkerung von den Folgen betroffen sein. „Ein Beben dieser Stärke lässt sich einfach nicht vorhersagen“, erklärte der Leiter des Schweizerischen Erdbebendienstes, Stefan Wiemer. Ähnliche Erschütterungen seien in den kommenden Wochen zwar nicht sehr wahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen.

Für die Bevölkerung ist die Naturkatastrophe der zweite schwere Rückschlag in nur sechs Monaten. Nachdem die 2015 vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama verhängten und von dessen Nachfolger Donald Trump ständig verschärften Sanktionen nicht zum erwünschten Sturz von Präsident Nicolás Maduro geführt hatten, fielen am 3. Januar US-Spezialeinheiten über das Land her, ermordeten Angehörige der venezolanischen Streitkräfte, kubanische Sicherheitsexperten und unbeteiligte Zivilisten und verschleppten das Präsidentenpaar in die USA.

Kurz nach dem Beben meldeten Trump und sein Außenminister Marco Rubio sich nun bei der geschäftsführenden Präsidentin Delcy Rodríguez, die US-Militärs nach dem Angriff auf Caracas noch mit dem Tod bedroht hatten, falls sie sich den Anordnungen Washingtons widersetze. Beide hätten sie angerufen und ihr die Unterstützung der USA angesichts der Katastrophe zugesichert, schrieb Rodríguez auf X. Die Hilfe sah zunächst so aus, dass mehr als 200 US-Soldaten sowie Hubschrauber und Militärflugzeuge nach Venezuela entsandt wurden. Zusätzlich landeten etwa 130 Marines im Hafen von La Guaira. Das US-Südkommando (Southcom) teilte mit, dass rund 100 Angehörige der Luftwaffe, die auf den Betrieb von Flugplätzen spezialisiert sind, dabei helfen würden, den Flugverkehr am schwer beschädigten Internationalen Flughafen Simón Bolívar in Caracas wieder aufzunehmen. Außerdem würden die US-Weltraumstreitkräfte Satellitenbilder der betroffenen Gemeinden und der beschädigten Infrastruktur bereitstellen, um den Rettungskräften dabei zu helfen, „zu beurteilen, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird“. US-Außenminister Marco Rubio erklärte am Freitag vergangener Woche zudem, dass die USA 150 Millionen US-Dollar an humanitärer Hilfe für Venezuela zugesagt hätten.

Obwohl die Summe angesichts des Ausmaßes der durch US-Sanktionen verursachten Schäden wie Hohn wirkt, bedankte Rodríguez sich im Namen ihrer Regierung und ihres Volkes artig. Insgesamt hatte der seit über zehn Jahren ständig verstärkte Würgegriff neben gigantischen ökonomischen Verlusten zum Verfall der Infrastruktur und Einschränkungen im Gesundheitssystem geführt, was ja beabsichtigt war. Die seit 2015 mehr als 1.400 Sanktionen verursachten bereits in den ersten fünf Jahren bis 2020 einen Rückgang der Staatseinnahmen um 98 Prozent, teilte der Minister für Anti-Blockade-Politik, William Castillo, Ende 2025 mit.

Obwohl auch linke Kritiker den Regierungen von Maduro und Rodríguez nun mangelnde Vorsorge vorwerfen, machen Teile der rechten Opposition und einige Medien allein die Chavisten für alle Mängel und die Probleme verantwortlich, die die Rettungsarbeiten erschweren. „Der Staat liegt in Trümmern“, die von Delcy Rodríguez geführte Regierung „lässt die Bevölkerung so schutzlos, wie seit Jahren“, schrieb etwa die deutsche „taz“, ohne die von den USA und der EU verhängten Sanktionen in diesem Artikel auch nur zu erwähnen. Die Berichterstattung großer westlicher Medien unterscheidet sich davon nicht wesentlich. „Für den Imperialismus ist eine Naturkatastrophe kein Notfall, der Hilfe und die Achtung der Souveränität des betroffenen Landes erfordert, sondern öffnet ein Zeitfenster für den angestrebten institutionellen Zusammenbruch“, erklärte der venezolanische Politologe Oscar Bravo die nicht überraschenden Artikel.

Aber auch durchaus regierungskritische Venezolaner wie Jesús Sotillo Bolívar ignorieren im Gegensatz zu westlichen Medien die Fakten nicht. „Wenn die USA Venezuela helfen wollen, so reicht es nicht aus, wirtschaftliche Hilfe und technische Ausrüstung anzukündigen – die wir übrigens gerne annehmen würden –, sondern sie müssen die Sanktionen aufheben, die derzeit unsere Wirtschaft blockieren, und es Venezuela als souveränes Land und Mitglied der Vereinten Nationen ermöglichen, seine Einnahmen zu verwalten und entsprechend den aktuellen Umständen über deren Verteilung selbst zu entscheiden, um diese schwerwiegenden Auswirkungen zu bewältigen“, schrieb der Professor der Universidad Central de Venezuela (UCV) im Onlineportal „Aporrea“.

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"Erneute Katastrophe", UZ vom 3. Juli 2026



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