Es sieht nicht gut aus für Selenski. Ein FAZ-Reporter bietet mehr Mordhilfe an, und EU-Unternehmen wollen das verwirklichen

„Helfen, mehr Russen zu töten“

Am Samstag fragte FAZ-Südosteuropakorrespondent Michael Martens in Belgrad bei der gemeinsamen Pressekonferenz von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić und dem ukrainischen Präsidenten Wladimir Selenski letzteren: „Can you tell us Europeans, what can we concretely do to help you to kill more russians … russian soldiers of course?“ („Können Sie uns Europäern sagen, was wir konkret tun können, um Ihnen zu helfen, mehr Russen zu töten … russische Soldaten natürlich?“). Am Dienstag beantwortete das „Handelsblatt“ seine Frage auf mehreren Seiten. Schlagzeile: „Europas Antwort auf den Patriot-Mangel“. Unterzeile: „Die Ukraine fängt ballistische Raketen aus Russland kaum noch ab. Der Raketenbauer Fire Point will das ändern – bis spätestens 2027.“ Im Innenteil berichtet das Wirtschaftsblatt: „Auf Fire Point ruhen gewaltige Hoffnungen. Inzwischen beteiligen sich zehn europäische Regierungen und 13 europäische Unternehmen an dem Projekt.“ Freyja soll demnach „fünfmal günstiger“ sein als die Patriot aus den USA.

Die hatte Donald Trump Selenski zuletzt beim NATO-Gipfel in Ankara im Juli zugesagt und wollte der Ukraine sogar eine Lizenz dafür erteilen. Sie könne die Raketen dann „ziemlich schnell“ herstellen. Danach zog er alles zurück, obwohl Selenski zwischendurch in Washington erschien und 300 Patriots sofort verlangte. Am Freitag sinnierte der US-Präsident schließlich bei einer Kabinettssitzung in Camp David, die Rakete könne aus der Ukraine in russische Hände gelangen oder auf dem Waffenschwarzmarkt wie andere westliche Spenden. Und: „Menschen, denen man diese Technologie gibt, können sich eines Tages gegen einen wenden.“ Eine Lizenz haben übrigens bisher nur Deutschland, das ab 2027 „Patriot“ produzieren will, und Japan.

Der Stoßseufzer des FAZ-Mannes in Belgrad ist jedenfalls angebracht: Es läuft nicht gut für Selenski. Das war Anfang Juli noch anders. Da hieß es zum Beispiel von FAZ-Kollegen in einem Podcast der Zeitung am 1. Juli: „Für Putin läuft es schlecht. Benzin und Lebensmittel werden knapp. Wächst der Unmut in der russischen Bevölkerung? An der Front kommt Russland kaum voran, während die Ukraine Ziele tief im russischen Hinterland trifft.“ FAZ-Moskau-Korrespondent Friedrich Schmidt erklärte sich die mangelnde Kapitulationsbereitschaft Wladimir Putins damals damit, dass da „eben einfach ein völlig starres, verkrustetes System“ herrsche. Wenn die Ukraine die Oberhand gewinne „oder sagen wir mal, die Initiative gewinnt, dann liegt das vor allem an diesen Schlägen, die tief ins russische Hinterland gehen“. Da galt die Drohne noch alsWunderwaffe.

Schmidt weiter: Wenn aber die russische Bevölkerung sich nicht gegen Putin auflehne, liege das eben am „Fatalismus“: „Sie haben es eigentlich verlernt, eigenständig zu denken, sind eigentlich depolitisiert.“ Das Menschenbild von „Russen“ und Osteuropäern insgesamt hat sich seit 85 Jahre in westdeutschen Herrschaftskreisen nicht geändert. Warum auch? Man hatte ja vermeintlich 1990 gesiegt.

Jetzt offenbar nicht mehr. Die FAZ selbst veröffentlichte am Sonnabend einen Artikel von Robert Putzbach aus Kiew, der so beginnt: „Die ukrainische Armee bereitet sich auf die Verteidigung der letzten verbliebenen Festungen im Donbass vor. Die Distanz der Zwillingsstädte Kramatorsk und Slowjansk zu den Stellungen der vorrückenden russischen Truppen wird immer geringer. Kartendienste wie das ukrainische Portal „Deepstate“ weisen Territorium 15 Kilometer östlich der Städte schon als russisch kontrolliert aus.“ Alle anderen Städte im Gebiet Donezk seien bereits „russisch besetzt oder derzeit entvölkert und umkämpft“. Andere Medien, sogar „Bild“, berichteten Ähnliches über Erfolge der russischen Streitkräfte. Die Reaktion Selenskis: Auf der Belgrader Pressekonferenz klagte er, die vereinbarten monatlichen „Patriot“-Lieferungen kämen nicht oder seien unzureichend.

Nun helfen also die EU-Europäer mit der neuen Wunderwaffe Freyja. Das „Handelsblatt“ jubelt, deren Reichweite „würde auch für Angriffe auf Moskau ausreichen“. Auf die Frage, ob mit Freyja die Krim-Brücke von Kertsch zerstört werden könne, antwortete die Fire-Point-Chefin mit „Ja“. Die mit 19 Kilometern längste Brücke Europas ist ein Lieblingsziel Kiews, konnte aber bisher nicht gesprengt werden. Seit dem ersten Anschlag im Oktober 2022 reagiert Russland mit Zerstörung ukrainischer Infrastruktur.

Solange Freyja noch nicht da ist, nutzt Kiew weiterhin Drohnen, um massiv russische Zivilisten und zivile wirtschaftliche Einrichtungen anzugreifen. Seit Mitte Juli betrifft das uner anderem Lagerhäuser des größten russischen Onlinehändlers Wildberries, den monatlich 79 Millionen Menschen, das heißt mehr als die Hälfte der Bevölkerung, nutzen. Die „Begründung“ Kiews, Wildberries beliefere auch das Militär, ist absurd: Vertrieben wurden Utensilien für Soldaten. Am Freitag setzte Kiew in Jekaterinburg, der viertgrößten Stadt Russlands, etwa 1.500 Kilometer östlich von Moskau, ein Logistikzentrum in Brand. Da es rechtzeitig evakuiert wurden, kamen keine Menschen zu Schaden. Bis zum Montag hatte es bei 23 Angriffen auf Wildberries-Lagerhäuser aber mindestens 13 Tote gegeben. Am Montag griffen nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums 456 ukrainische Drohnen in 15 Regionen Russlands an. Allein in der 240.000-Einwohner-Stadt Nischnekamsk in der Republik Tatarstan wurden dabei 13 Menschen getötet und 75 weitere verletzt.

Kiew wird beim Terror wahllos: Am Samstag explodierte in Bulgarien eine mit Sprengstoff beladene ukrainische Drohne in der Nähe einer Kompressionsstation, durch die russisches Gas fließt. Die Regierung in Sofia traute den Unschuldsbeteuerungen aus Kiew nicht und bestellte die ukrainische Botschafterin ein. Zuvor waren am 3. und am 7. August mindestens zwölf Menschen in Urlaubsorten der Krim zum Teil beim Baden am Strand von ukrainischen Drohnen angegriffen worden. Vermutlich sind solche Zahlen für Martens von der FAZ einfach zu niedrig.

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"„Helfen, mehr Russen zu töten“", UZ vom 14. August 2026



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