Die Beschäftigten des Uniklinikums in Frankfurt am Main nehmen den Staffelstab im Kampf um Entlastung auf

Gleicher Kampf, neue Strategien

Es ist ein Kampf, der beindruckt. Die Beschäftigten an immer mehr Krankenhäusern setzen sich für mehr Personal ein, zuletzt in NRW. Offenbar beeindruckt ist auch der Vorstand der Frankfurter Uniklinik, der bereits Anfang des Jahres ver.di einlud, um einen Tarifvertrag Entlastung zu verhandeln. Auf einer ver.di-Kundgebung erklärten Mitglieder dieses Klinikvorstands den Beschäftigten öffentlich ihre Unterstützung. Es entstand fast der Eindruck, man könne bei den anstehenden Streiks mit einem Block der Anzugträgerabteilung rechnen.

Diese „Befürchtung“ bewahrheitete sich bei den ersten beiden Warnstreiktagen Ende vergangener Woche jedoch nicht. Stattdessen machte der Vorstand mit einem ersten Angebot deutlich, wie er sich Entlastung für die Beschäftigten vorstellt. Zunächst sollen kurzfristig zehn Springer eingestellt werden, um Löcher bei Ausfällen zu stopfen. Zehn Stellen entsprechen bei etwa 4.000 nichtärztlichen Beschäftigten einem Personalaufbau von 0,25 Prozent. Bei den Besetzungen der verschiedenen Stationen könne man sich sogar vorstellen, Personal bis maximal an die Empfehlungen der jeweiligen Fachverbände aufzubauen. Im Klartext: Maximal so viel Personal wie ohnehin von offiziellen Stellen angezeigt ist.

Besondere Belastungen sollen durch Ausgleichstage kompensiert werden. Im Tarifabschluss für die Unikliniken in NRW ist vereinbart, dass dies nach einem Einführungszeitraum bis zu elf Tage sind, je ein freier Tag pro sieben Belastungsschichten. Der Frankfurter Vorstand schlägt Ausgleichstage nach 20 Belastungsschichten vor – mehr als zwei Ausgleichstage könne es pro Jahr allerdings nicht geben. Auf UZ-Anfrage erklärte der Pressesprecher des Vorstands: „Das Angebot der Arbeitgeberseite erfüllt damit die wesentlichen Forderungen der Arbeitnehmerseite“ und orientiere sich an anderen Abschlüssen in Universitätskliniken.

So vergleichbar mit anderen Kliniken wie der Frankfurter Vorstand sein Angebot hält, so vergleichbar sind die Arbeitsbedingungen. Sonja berichtet in ihrer Rede am ersten Streiktag stellvertretend für die Azubis von einem ständigen Hin-und-her-Geschiebe der Azubis als Lückenbüßer auf den Stationen. Es fehle zudem an Anleitung, die einerseits zu Unter- und andererseits zu Überforderung führe. Mit Ausbildung habe das wenig, mit Ausbeutung dagegen viel zu tun. Für Natali, eine junge MTA (Medizinisch-technische Assistentin), ist es der erste Streik, an dem sie teilnimmt. „Aber auch meine Chefin hat uns aufgefordert teilzunehmen, einfach weil es für die Zukunft wichtig ist. Das sehe ich auch so. Denn so kann es nicht weitergehen. Wir haben immer weniger ausgebildete MTAs. Stattdessen werden immer mehr weniger qualifizierte MFAs (Medizinische Fachangestellte, Anm. d. Redaktion) eingesetzt.“ „Ich schätze, dass durch Corona aktuell 25 Prozent Mehrarbeit auf den ohnehin unterbesetzten Stationen erforderlich sind“, erklärt Marcel, Pfleger auf einer Normalstation, die aber auf Anweisung des Vorstands flexibel Corona-Patienten aufnehmen muss. „Aus meiner Sicht gefährdet das Patienten und Beschäftigte gleichermaßen.“

Mit deutlich über 300 Kolleginnen und Kollegen war die Beteiligung an den ersten beiden Warnstreiktagen gut. Gegenüber UZ bestätigte ein Sprecher der Klinik, dass diverse Stationen ganz geschlossen wurden, in vielen weiteren die Bettenanzahl reduziert werden musste. Nicht zwingend notwendige Eingriffe wurden weitgehend abgesagt. Für die MTA Natali war alles noch etwas neu und ungewohnt. Sie wunderte sich, dass ihre Chefin dann doch nicht mitgestreikt hat. Sie war aber an beiden Tagen dabei. „Durch die Teamdelegierten waren wir auf unserer Station gut informiert. Das funktioniert. Da habe ich alles mitbekommen und wollte dann auch mitmachen. Aber eigentlich bin ich gar kein Mitglied bei ver.di.“

Sollte sich diese neue Streikstrategie durchsetzen, könnte es Gewerkschaften gelingen, bisher für sie nicht erreichbare Beschäftigtengruppen für Aktionen zu gewinnen und so Kampfkraft in bisher als unbestreikbar geltenden Betrieben der öffentlichen Daseinsvorsorge aufzubauen. Gerade für diese Bereiche könnten die Streiks in den Krankenhäusern Leuchttürme werden, die zeigen, was möglich ist. Die Auszubildende Sonja betonte in ihrer Rede auf der Streikkundgebung, dass es darauf ankomme, sich nicht spalten zu lassen. „Wir kämpfen gemeinsam, ob Küche oder Kardiologie, ob Pflege oder Pförtner, ob IT oder Innere.“ SDAJ und DKP Frankfurt unterstü­tzten die Streikenden mit heißem Kaffee, frischen Brezeln und Kleinzeitungen.

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"Gleicher Kampf, neue Strategien", UZ vom 2. September 2022



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