Grabungen an einem vergessenen Ort

Hannelore Tölke

Im Zuge des Erweiterungsbaus der Dortmunder Westfalenhalle werden derzeit auf dem Baugelände archäologische Untersuchungen durchgeführt. Dabei rückt ein Ort wieder in den Blick, der für die Geschichte Dortmunds und des NS-Zwangsarbeitssystems von herausragender Bedeutung ist. Auf dem Gelände der Westfalenhalle befand sich von Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1945 das Mannschaftsstammlager (Stalag) VI D, ein Kriegsgefangenenlager des Wehrkreises VI. In der Zeit seines Bestehens haben hunderttausende Kriegsgefangene das Lager durchlaufen.

Vom Volkspark zum Kriegsgefangenenlager

In den 1920er Jahren entstand im Süden Dortmunds ein Volkspark mit Sportanlagen und einer großen, frei zugänglichen Grünfläche, der Volkswiese. Der Volkspark sollte für ein besseres Leben in der Arbeiterstadt Dortmund sorgen. Teil der Anlage war auch die am 28. November 1925 eingeweihte Westfalenhalle. Nach der Machtübertragung erkannten die Faschisten sofort den propagandistischen Nutzen des Volksparks mit seiner Westfalenhalle. In den folgenden Jahren wurden die Halle und die Volkswiese zu Orten nationalsozialistischer Propagandaveranstaltungen. So wurde dort zum Beispiel die „Große antibolschewistische Schau“ gezeigt. Mit dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 endete der reguläre Veranstaltungsbetrieb. Westfalenhalle und Volkswiese wurden „für die Durchführung kriegswichtiger Aufgaben“ beschlagnahmt. Die Wehrmacht übernahm sämtliche Haupt- und Nebenräume sowie das gesamte Freigelände. In und an der Westfalenhalle entstand das Kriegsgefangenenlager Stalag VI D.

Für das Kriegsgefangenenwesen war die Wehrmacht verantwortlich. Bis September 1941 bestanden 125 Mannschaftsstammlager (Stalag) und Offizierslager (Oflag). Sie waren militärischen Verwaltungseinheiten, den Wehrkreisen I bis XXI, zugeordnet. Dortmund gehörte zum Wehrkreis VI, der im Wesentlichen das heutige Nordrhein-Westfalen sowie das Emsland und die Grafschaft Bentheim umfasste. Das Stalag VI D war das vierte Lager im Wehrkreis VI.

Zwangsarbeit in Landwirtschaft, Industrie und Handwerk

Nach dem Überfall auf Polen trafen Ende Oktober 3.000 polnische Kriegsgefangene im Stalag VI D in Dortmund ein. Sie wurden in den Pferdeställen an der Westfalenhalle untergebracht. Schon nach kurzer Zeit wurden die Gefangenen in Arbeitskommandos, insbesondere in der Landwirtschaft, gebracht. Im Frühjahr 1940 wurden sie zwangsweise „zivilgeschrieben“. Das bedeutete, dass sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden und fortan als zivile Zwangsarbeiter schuften mussten.

Nach dem Einmarsch in Frankreich im Mai 1940 erreichten ab Mitte Juni 1940 französische und belgische Kriegsgefangene das Stalag VI D. Auch ihr Aufenthalt war kurz, weil sie schnell in Arbeitskommandos verlegt wurden. Nur etwa 3.000 Männer befanden sich dauerhaft im Lager. Zunächst wurden die Gefangenen in Zelten und Baracken auf dem Außengelände untergebracht. Ab November 1940 diente die Westfalenhalle als Unterkunft. Die Lebensbedingungen der französischen und belgischen Kriegsgefangenen unterlagen der Kontrolle des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) sowie des Diplomatischen Kriegsgefangenendienstes. Das IKRK führte regelmäßige Inspektionen durch. Die Gefangenen konnten Briefe mit ihren Angehörigen austauschen, Lebensmittelpakete empfangen und erhielten zusätzliche Versorgung. Außerdem standen ihnen eine Lagerzeitung, eine Theatergruppe und eine Bibliothek zur Verfügung. Dennoch blieb das Stalag VI D hinter den üblichen Standards zurück.

Im Juni 1941 waren dem Stalag VI D insgesamt 31.617 Kriegsgefangene zugewiesen, darunter 24.900 Franzosen. Nur etwa 3.800 befanden sich dauerhaft im Lager; die übrigen waren in rund 600 Arbeitskommandos eingesetzt.

Ab September 1941 waren keine Kriegsgefangenen mehr in der Westfalenhalle untergebracht. Sie stand leer. Am 30. Januar 1943, zum 10. Jahrestag der „Machtergreifung“, wurde sie mit der Propaganda-Schau „Das Sowjet Paradies“ wiedereröffnet. Bis zu ihrer Zerstörung am 23. Mai 1944 fanden in der Halle Sportveranstaltungen und zahlreiche Propagandaveranstaltungen statt.

Sowjetische Kriegsgefangene ohne Rechte

Das Stalag VI D wurde im Juli 1941 auf dem angrenzenden 17 Hektar großen Gelände errichtet. Es bestand zunächst aus zwei Lagerbereichen: dem Lager A für französische und belgische Kriegsgefangene und dem Lager B für serbische Kriegsgefangene. Später kam das erheblich schlechter ausgestattet Lager C für sowjetische Kriegsgefangenen und italienische Militärinternierte hinzu.

Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die So­wjet­union. Dieser Feldzug war von Beginn an als Vernichtungskrieg geplant. Wehrmacht, SS und Polizei verübten in den besetzten Gebieten einen Völkermord an der sowjetischen Bevölkerung. Bis zum Winter 1941 gerieten mehr als drei Millionen Rotarmistinnen und Rotarmisten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Gleichzeitig herrschte in Deutschland durch die Einberufung von immer mehr Männern zur Wehrmacht Arbeitskräftemangel. Die Wirtschaft forderte den Einsatz von sowjetischen Kriegsgefangenen. Die NS-Führung lehnte dies zunächst aus ideologischen Gründen ab. Schließlich setzte sich die Wirtschaft im Oktober 1941 durch. Doch die meisten Kriegsgefangenen blieben vorerst in frontnahen Lagern. Bis Februar 1942 starben dort zwei Millionen von ihnen an Vernachlässigung und gezielter Ermordung.

Im Stalag VI D trafen die ersten 244 sowjetischen Kriegsgefangenen bereits am 1. Oktober 1941 ein. Laut Sterbebuch der Stadt Dortmund waren bis Ende des Jahres bereits 50 dieser Männer verstorben. Die sowjetischen Kriegsgefangenen waren von allen völkerrechtlichen Schutzbestimmungen ausgeschlossen. Sie unterlagen strengster Bewachung, erhielten nur unzureichende Versorgung und durften keinen Kontakt zu ihren Familien aufnehmen. Freizeit bedeutete für sie lediglich: nicht arbeiten.

Im Dezember 1943 erreichten die ersten italienischen Militärinternierten (IMI) das Stalag VI D. Sie waren von der Wehrmacht gefangen genommen worden, nachdem Italien, einst Verbündeter des Deutschen Reiches, einen Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen hatte. Die Haltung gegenüber den IMI war feindselig; sie galten als Verräter und wurden ebenso schlecht behandelt wie die sowjetischen Kriegsgefangenen. Der Militärgeistliche Kaplan Giuseppe Babero berichtete: „Die unzureichende und schlechte Verpflegung und die oft tödlichen Schläge forderten sofort ihre Opfer. In den ersten Monaten des Jahres 1944 starben 18 Prozent der in der Krankenabteilung des Lagers aufgenommenen Kranken an Hungerödemen oder anderen Krankheiten, deren Ursache die unzureichende Ernährung war.“

Am 1. September 1944 waren dem Stalag VI D 77.599 Männer zugewiesen: 24.687 französische und belgische Kriegsgefangene, 1.912 polnische und serbische Kriegsgefangene, 29.833 sowjetische Kriegsgefangene und 21.167 italienische Militärinternierte, davon waren 67.344 Gefangene im Arbeitseinsatz, 10.255 befanden sich im Lager. Das Lager wurde mehrfach bombardiert und bei den Luftangriffen am 20. und 21. Februar 1945 fast vollständig zerstört. Die meisten Kriegsgefangenen evakuierte man, viele in das Stalag VI A nach Hemer.

Am 13. April 1945 befreiten US-amerikanische Truppen Dortmund. Über den weiteren Verbleib der Kriegsgefangenen des Stalag VI D ist nur wenig bekannt. Das Lager und das Schicksal der Kriegsgefangenen gerieten schnell in Vergessenheit, obwohl das Lager während seines Bestehens für die Dortmunder Bevölkerung immer sichtbar war, denn in unmittelbarer Nähe fanden noch bis Ende 1944 Veranstaltungen statt.

Die Westfalenhalle wurde wieder aufgebaut und am 2. Februar 1952 neu eröffnet. Auf der ehemaligen Volkswiese entstand das Messezentrum.

Wie geht es weiter?

Am 6. Mai diesen Jahres gaben die Stadt Dortmund und die Westfalenhallen-Gesellschaft den Bau weiterer Hallen auf dem Messegelände bekannt. Dafür sollen 215 Millionen Euro investiert werden. Am 29. Mai wurde bekannt, dass bei archäologischen Grabungen auf dem Baugelände Überreste des Stalag VI D freigelegt wurden. Ein lange verdrängter Teil der Dortmunder Geschichte wurde plötzlich wieder sichtbar.

Die Stadt Dortmund und die Westfalenhallen-Gesellschaft, die viel auf ihre Weltoffenheit halten, tun gerade in einer Zeit, in der bürgerschaftliches Engagement allenthalben gefordert wird, gut daran, sich dieser Geschichte zu stellen. Dafür sind die archäologischen Untersuchungen mit der notwendigen Sorgfalt und ohne Zeitdruck abzuschließen. An historischer Stelle muss sodann ein sichtbarer und öffentlich zugänglicher Erinnerungsort entstehen. An der Gestaltung dieses Erinnerungsortes sind sowohl die Herkunftsländer der Kriegsgefangenen als auch die Dortmunder Zivilgesellschaft zu beteiligen. Der Erinnerungsort muss zeitgleich mit dem Erweiterungsbau der Westfalenhallen im Jahr 2030 eröffnet werden.

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Wassili Agejew starb mit 22 Jahren

Wassilij Agejew wurde 1919 in Tatarstan geboren. Sein letzter Wohnort lag im Gebiet Molotow, dem heutigen Perm. Von Beruf war er Dreher; seit Ende 1940 war er Soldat in der Roten Armee. Im Juli 1941 geriet er bei Nowgorod in deutsche Kriegsgefangenschaft. Der Fußmarsch in die frontnahen Lager zog sich über viele Tage hin – bei glühender Sommerhitze, ohne Wasser, Nahrung, Ruhe oder Schutz –, und der anschließende Transport nach Westen dauerte zehn Tage, zusammengepfercht in Viehwaggons. Im Spätsommer 1941 erreichte Wassili das Stalag VI K in der ostwestfälischen Senne. Dort wurde er registriert und erhielt die Erkennungsmarkennummer 15465. Im Oktober wurde er in das Stalag VI D Dortmund verlegt. Anfang Dezember 1941 starb er dort. Er war 22 Jahre alt. Er wurde auf dem Ausländerfriedhof begraben.

Es ist dringend!

Nachkommen des Stalag-VI-D aus Frankreich melden sich zu Wort
Anfang Juli hat der französische Verein ADPGHD, Verein der Nachkommen von Kriegsgefangenen der Stalags VI-A in Hemer und VI-D in Dortmund eine Online-Petition gestartet. Der Appell „Rettet das archäologische Erbe der Stalag-VI-D-Ausgrabungsstelle in Dortmund“ wurde in nur wenigen Tagen von 500 Personen gezeichnet und soll der Stadt Dortmund übergeben werden. Wir dokumentieren im Folgenden Auszüge:

Das Stalag VI-D zählte zu den größten Kriegsgefangenenlagern im Westen Deutschlands. Zwischen 1939 und 1945 befand es sich auf dem Gelände der Westfalenhallen und des ehemaligen Volksparks. Mehr als 300.000 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten wurden dort durchgeschleust und bis zu 10.000 Männer waren gleichzeitig dort inhaftiert. Viele wurden zur Zwangsarbeit in der Schwerindustrie des Ruhrgebiets gezwungen. Tausende von ihnen überlebten die unmenschlichen Bedingungen im Lager nicht.

Es geht nicht darum, die notwendige Entwicklung der Westfalenhallen zu behindern. Vielmehr geht es darum, darüber nachzudenken, wie sich die moderne Nutzung des Geländes mit der damit verbundenen historischen Verantwortung in Einklang bringen lässt. Mehrere Beispiele zeigen bereits, dass es möglich ist, historische Überreste nachhaltig in zeitgenössische Bauprojekte zu integrieren.

Die nun entdeckten Überreste bieten eine seltene Gelegenheit, ein lange vergessenes Kapitel der Dortmunder Geschichte sichtbar zu machen und unser Verständnis für die Behandlung von Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern unter dem NS-Regime zu vertiefen. Dieser Fund ist nicht nur für die Stadt Dortmund von Bedeutung, sondern betrifft das gesamte historische Gedächtnis Europas. Bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden, ist es unerlässlich, sich die nötige Zeit für eine gründliche wissenschaftliche Bewertung und eine breite öffentliche Debatte darüber zu nehmen, wie diese Überreste würdig erhalten werden können.

Derzeit erinnert am Standort des ehemaligen Stalag VI-D in Dortmund nur noch eine Gedenktafel an die Existenz dieses Kriegsgefangenenlagers während des Zweiten Weltkriegs. Im Rahmen der laufenden archäologischen Untersuchungen konnten bereits Überreste von Gebäuden des Stalags sowie Gegenstände aus dem Alltag der Kriegsgefangenen freigelegt werden, darunter Lederschuhe, Medikamentenfläschchen, Patronenhülsen, Zahnpastatuben aus Frankreich, Knöpfe und Münzen. Diese Gegenstände bieten einen seltenen Einblick in den Alltag und die Lebensbedingungen der Kriegsgefangenen im Lager.

Lasst uns gemeinsam die Stätte des Stalag VI-D in Dortmund erhalten, die Erinnerung an unsere Vorfahren bewahren, die für unsere Freiheit gelitten haben, und das kollektive Gedächtnis für künftige Generationen bewahren.

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"Grabungen an einem vergessenen Ort", UZ vom 10. Juli 2026



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