Warum die Verteidiger der Spanischen Republik unterlagen

„Halt stand, rotes Madrid!“

Der Streit um den mit dem faschistischen Putsch 1936 in Spanien ausgebrochenen militärischen Konflikt beginnt bereits bei der Namensgebung. Lange Zeit war einfach vom „Spanischen Bürgerkrieg“ die Rede. Seit einiger Zeit wird diese Bezeichnung vermehrt kritisiert, wobei ihr die Formulierungen „Spanischer Krieg“ oder „Spanienkrieg“ entgegengestellt werden. Prüft man die sachliche Berechtigung der verschiedenen Benennungen, stellt man fest, dass sich zugunsten beider Argumente finden lassen. Der Krieg fand in den Grenzen einer einzelnen Nation statt und zerriss eben diese Nation in zwei Teile, die sich in erbitterter Feindschaft, ja glühendem Hass gegenüberstanden. Insoweit sind wesentliche Kriterien eines Bürgerkriegs erfüllt. Andererseits nahm der durch das massive Eingreifen nicht-spanischer, auswärtiger Akteure einen nicht zu unterschätzenden internationalen Charakter an. Die begriffliche Reduktion auf „Bürgerkrieg“ kann dazu dienen, diesen Umstand zu verschleiern. Das würde vor allem die sogenannten „westlichen Demokratien“ Britannien und Frankreich entlasten, die entgegen aller „freiheitlich-demokratischen“ Rhetorik unter dem Deckmantel der „Nichteinmischung“ eine so verlogene wie wirksame Begünstigung der faschistischen Seite betrieben.

Faschistische Banden

Tatsächlich spielten direkt zu Beginn der bewaffneten Auseinandersetzungen Aktivitäten ausländischer Mächte eine zentrale, gar entscheidende Rolle. Der Putsch der faschistischen Generäle war keineswegs nach Wunsch verlaufen. Nur in wenigen Landesteilen war er über erste Ansätze hinausgekommen. In Spanisch-Marokko standen starke pro-faschistische Truppenteile, die aber nicht nach Spanien übersetzen konnten, da die spanische Marine es mehrheitlich abgelehnt hatte, sich auf ihre Seite zu schlagen. Im Laufe des Juli 1936 bildeten Transportflugzeuge der italienischen und deutschen Luftwaffe die erste Luftbrücke der Militärgeschichte und brachten 12.000 Soldaten der Putschisten vom marokkanischen Tétouan ins spanische Cádiz. Dort angekommen, wandten sich die faschistischen Truppen zunächst nach Westen zur portugiesischen Grenze und siegten bei Mérida und Badajoz. Dadurch gelang es ihnen, die von ihnen kontrollierten Gebiete im Süden und Norden territorial zu verbinden. Nach weiteren Erfolgen in der Sierra Guadalupe bei Talavera standen sie 100 Kilometer vor Madrid. Statt zum Sturm auf die Hauptstadt anzusetzen, befahl Franco aus schwer nachvollziehbaren Gründen einen Schwenk nach Süden auf das republikanisch gehaltene Toledo. Obwohl Toledo an die Faschisten fiel, wirkte sich diese Entscheidung letztlich positiv für die Republik aus. Madrid war vorerst entlastet.

Inzwischen hatten weitere Akteure den Kampfplatz betreten. Die deutsche Legion Condor an der Seite Francos war keineswegs, wie oft angenommen, ein reiner Luftwaffenverband, sondern umfasste auch eine Panzereinheit, Panzerabwehr- und Flugabwehr-Artillerie sowie Nachrichteneinheiten. Ihre gesamte Mannschaftsstärke belief sich auf etwa 25.000 Mann.

Wenn von der deutsche Unterstützung der Putschisten die Rede ist, darf das Modell-KZ in Miranda de Ebro unter SS-Sturmbannführer Paul Winzer nicht vergessen werden.

Quantitativ ungleich stärker trumpfte die italienische Seite auf mit der Entsendung von nahezu 150.000 regulären Soldaten und paramilitärischen „Schwarzhemden“, einer Organisation vergleichbar mit der deutschen SA. Auch der faschistische Diktator Portugals, Salazar, ließ es sich nicht nehmen, seinen spanischen „Brüdern im Geiste“ eine 15.000-köpfige Legion zur Unterstützung zu schicken. Kleine Verbände irischer Freiwilliger kämpften sowohl auf faschistischer als auch auf republikanischer Seite.

Internationale Unterstützung

Zur Verteidigung der Republik traten etwa 40.000 Freiwillige aus über 50 Ländern an. Sie waren zusammengefasst in den vor allem auf Initiative der Kommunistischen Internationale (Komintern) gebildeten Internationalen Brigaden. Sie sind bis heute eines der stolzesten Beispiele weltweiter demokratischer Solidarität der Menschheitsgeschichte. Die So­wjet­union leistete ihren Beitrag mit der umfangreichen Lieferung von Waffen, Munition, Lebensmitteln und 3.000 Soldaten aller Waffengattungen.

Im Norden Spaniens gelang es den Faschisten, mit der Guipúzcoa-Offensive einen von republikanischen Kräften gehaltenen Küstenstreifen abzuschneiden. Im November 1936 nahm der feindliche Druck auf Madrid wieder zu. In den schweren Kämpfen um die Hauptstadt wurden die republikanischen Truppen durch die Internationalen Brigaden wirkungsvoll unterstützt. Eine eindrucksvolle Massenmobilisierung der Bevölkerung der Stadt trug dazu bei, dass die Faschisten ihren Plan zur Einnahme von Madrid im Dezember als gescheitert ansehen mussten. Nicht gehalten werden konnte Málaga, in das am 8. Februar 1937 faschistische Truppen einzogen. Italienische Jagdflieger beschossen die aus der Stadt fliehenden Menschen – ein Blutbad ohne militärischen Sinn.

Bildung der Volksarmee

Inzwischen hatte sich in der Regierung der Republik die Erkenntnis durchgesetzt, dass die bislang in ihren Streitkräften vorherrschende lose Milizstruktur den Erfordernissen moderner Kriegsführung nicht genügte. Nötig war der Umbau zu einer professionalisierten Armee mit klaren Befehlsstrukturen. Hier mussten allerdings erst Widerstände von anarchistischer Seite überwunden werden. Deren Vertreter waren vielfach nicht in der Lage, militärische Disziplin als Erfordernis der Kriegsführung zu begreifen, nicht nur als autoritäre Zumutung. Die Umstrukturierung war unabdingbar. Und sie zeigte Erfolge: Im Laufe des Februars 1937 konnte die neu formierte Volksarmee in der Schlacht am Rio Jarama südöstlich von Madrid einen weiteren feindlichen Vorstoß abwehren. Eine italienische Offensive nördlich von Madrid einen Monat später endete in der Schlacht von Guadalajara mit einer demütigenden Niederlage für die Truppen des „Duce“.

Franco entschied sich, seine Kräfte nicht länger um die Hauptstadt herum zu verausgaben und das Kriegsgeschehen stattdessen in die Nordregionen des Landes zu verlegen. Die stellten nicht zuletzt wegen der dortigen Industrie und Bodenschatzvorkommen ein wertvolles Ziel dar. Der faschistische Vorstoß ins Baskenland wurde unterstützt durch die Legion Condor, die am 26. April 1937 im Zuge eines Luftangriffs ein Massaker unter der Zivilbevölkerung von Guernica (baskisch: Gernika) anrichtete. Der an diesem Kriegsverbrechen beteiligte deutsche Luftwaffenoffizier Johannes Trautloft erklärte 1956 bei der Gründung der „Traditionsgemeinschaft“ der Legion Condor in der BRD: „Das Wirken der Legion Condor in Spanien muss der bundesdeutschen Jugend als Vorbild dienen.“ 1961 wurde Trautloft Stellvertretender Inspekteur der Bundesluftwaffe.

Konflikte in der Linken

Im Mai 1937 erhielten die Faschisten Hilfe von gänzlich unerwarteter Seite: In Barcelona begannen Anhänger der ultralinken POUM (Partei der marxistischen Arbeitereinheit), der FAI (Iberische Anarchistische Föderation) sowie der anarcho-syndikalistischen CNT (Nationale Arbeiterföderation) eine Revolte gegen die republikanische Regierung. Der hier zum Ausbruch kommende Konflikt hatte schon länger geschwelt und war grundsätzlicher Natur. Während die Kommunistische Partei Spaniens (PCE) ihr Land in der Phase eines national-demokratischen, antifaschistischen Befreiungskampfes sah, der im Rahmen einer bis ins demokratische Bürgertum hineinreichenden Volksfront zu führen sei, wollte die POUM mit ihren anarchistischen Verbündeten die soziale Revolution auf die Tagesordnung setzen. Sie forderten die Enteignung der Industriebetriebe und die Kollektivierung der Landwirtschaft sowie ein scharfes Vorgehen gegen die Kirche – und das auch dort, wo Priester und Ordensleute mit antirepublikanischen Aktivitäten nichts zu tun hatten. Abgesehen davon, dass bestimmte Unternehmen bereits 1936 enteignet worden waren, stieß dieser Kurs keineswegs auf ungeteilte Begeisterung, gerade bei der Landbevölkerung. Die PCE begriff, dass er darauf hinauslaufen würde, zusätzlich zur bestehenden Kampflinie des Bürgerkriegs eine weitere im eigenen Lager zu eröffnen. Das hätte das Ende der Volksfront bedeutet. Diese Einsicht war auch bei Parteigängern der Anarchisten vorhanden, von denen längst nicht alle den Putsch in Barcelona guthießen. Am 8. Mai 1937 war dieser endgültig niedergeschlagen. Der bei Francos „Gegenregierung“ akkreditierte deutsche Botschafter Wilhelm Faupel berichtete von der Mitwirkung gegnerischer Agenten bei den Ereignissen in der katalanischen Hauptstadt. Unabhängig davon und von der Frage, inwieweit sich die Aufständischen der Folgen ihres Handelns bewusst waren, bleibt festzustellen: Der Feind hatte seinen Nutzen gezogen. In der Folge trat der sozialdemokratische Ministerpräsident Largo Caballero zurück und übergab sein Amt an seinen Genossen Juan Negrín.

Schwere Niederlagen …

Die anschließenden republikanischen Offensiven zur Entlastung des Baskenlandes scheiterten. Die baskische Hauptstadt Bilbao fiel am 19. Juni 1937. Brunete, westlich von Madrid, konnte nur zeitweilig eingenommen werden, und war schon bald wieder an den Feind verloren. Im August scheiterte der Versuch, Saragossa den Faschisten zu entreißen. Diesen gelangen bis zum Herbst weitere wichtige Geländegewinne im Norden.

Im Januar und Februar 1938 fanden schwere Gefechte in Aragon statt, die sich vor allem auf die Stadt Teruel konzentrierten. Die Faschisten behaupteten sich und trieben am 14. April einen Keil Richtung Osten durch das republikanische Gebiet bis zur Mittelmeerküste, das dadurch entlang einer Ost-West-Achse geteilt wurde. Die Volksarmee setzte am Ebro zum Gegenangriff an, um die Verbindung wiederherzustellen – vergeblich. Im November 1938 war auch diese Schlacht verloren. Katalonien konnte nicht mehr gehalten werden und wurde aufgegeben. Zu Beginn des Jahres 1939 war es in faschistischer Hand.

Nicht hilfreich war die Entscheidung der Regierung Negrín, zum 23. September 1938 die Internationale Brigaden von den Fronten abzuziehen und zu demobilisieren. Damit kam man einer im Zeichen der „Nichteinmischung“ wiederholt erhobenen Forderung nach Abzug aller ausländischen Kämpfer aus Spanien nach, und erhoffte sich eine Verbesserung der eigenen Position auf internationaler Ebene. Nichts dergleichen trat ein, zumal Deutschland und Italien ihre Hilfe für Franco nicht im Geringsten zurückfuhren.

… und Verrat

Am 27. Februar 1939 erkannten Britannien und Frankreich die faschistische „Gegenregierung“ an. Ein folgerichtiger Schritt, wenn man bedenkt, wie diese Staaten zuvor jegliche Hilfe für die Republik blockiert hatten. Zudem bestand eine Übereinkunft zwischen London und Rom, nach der Mussolini keinerlei Störung seiner Intervention in Spanien von britischer Seite befürchten musste.

In der republikanischen Regierung wurden zunehmend Kräfte aktiv, die eine wie auch immer geartete „Verständigung“ mit Franco der Fortsetzung des Kampfes vorzogen. Ministerpräsident Negrín lehnte ebenso wie die PCE derartige Tendenzen mit aller Schärfe ab. Dennoch sammelten sich um den Stadtkommandanten von Madrid, Segismondo Casado, Anarchisten und rechte Sozialdemokraten. Mit einem blutigen Putsch stürzten sie am 5. März die Regierung Negrín. 24 Tage später marschierten Francos Truppen kampflos in Madrid ein. Die Sieger sahen keinerlei Notwendigkeit mehr zu einer „Verständigung“. Immerhin bekamen Casado und weitere Verräter Gelegenheit, sich in britisches Exil zu begeben.

Warum ging der Krieg für die Republik verloren? Sicher fällt der Umstand ins Gewicht, dass Deutschland und Italien über größere Kapazitäten zur militärischen Unterstützung „ihrer Seite“ verfügten als die So­wjet­union. Die genannten „westlichen Demokratien“ verweigerten einer anderen Demokratie die Hilfe, die sich in ihren Augen durch ihr Bündnis mit der Arbeiterbewegung kompromittiert hatte. Die Möglichkeit, sich auf dem internationalen Markt mit Waffen zu versorgen, wurde durch diese als „Nichteinmischung“ verkleidete pro-faschistische Blockade ernsthaft beeinträchtigt. Auch die Bruchlinien innerhalb des antifaschistischen Blocks, die in Barcelona 1937 und schließlich beim Putsch unter Casado deutlich wurden, dürfen nicht unterschätzt werden. Der Historiker Frank Schauff geht sogar so weit zu resümieren: „Die Republik war gescheitert, doch nicht militärisch von Franco besiegt worden. Sie brach aufgrund ihrer inneren Fragmentierung zusammen.“ Das führt zur Frage nach den Ursachen dieser Fragmentierung. Welche Rolle spielten ultralinke Kräfte, die mitten im Krieg zusätzlich zur militärischen eine soziale Front eröffnen wollten, und später – zumindest in Teilen – eine Wende hin zu Defätismus und Kapitulation vollzogen? Auch heute wird die Niederlage in Spanien als Beleg für die vermeintliche Unbrauchbarkeit der Volksfrontstrategie genutzt. Wir kommen der Wahrheit näher, wenn wir die Konsequenzen ihrer unzureichenden Umsetzung in den Blick ­nehmen.

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"„Halt stand, rotes Madrid!“", UZ vom 18. September 2026



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