Die Verbrechen der Gestapo im badischen Ettlingen

Handlanger des Faschismus

Wir ‚hörten aus dem benachbarten Gefängnis furchtbare Schreie und sahen durch das offene Fenster des oberen Stockwerks, wie ein uniformierter Mann (…) auf einen Häftling einschlug. Er schlug ihn dauernd zu Boden und forderte ihn immer wieder auf, aufzustehen.‘ Das berichteten 1947 zwei damals 13 und 14 Jahre alte Mädchen, die in der Sternengasse wohnten, vor der Spruchkammer Ettlingen.“

Mit diesem Absatz leitet Dieter Behringer die neue Broschüre des „Ettlinger Bündnisses gegen Rassismus und Neonazis“ ein. Seit Jahren forscht das Bündnis zur Situation von Zwangsarbeitern während des Faschismus in der südlich von Karlsruhe gelegenen Stadt. „Das Grauen der NS-Gefangenen hat sich nicht nur auf die großen Lager und KZs beschränkt. Auch Ettlingen hat seine Geschichte zu erzählen, eine Geschichte von Leid und Mord, begangen an den Häftlingen des damaligen Gestapo-Gefängnisses“, schreibt Behringer im Vorwort. Zwischen 1943 und 1945 war das Gefängnis der „Geheimen Staatspolizei“ (Gestapo) das Ettlinger Zentrum des faschistischen Repressionsapparats. Terror und Unterdrückung richteten sich vor allem gegen „Ostarbeiter“ – aus osteuropäischen Ländern und der Sowjetunion entführte und zur Zwangsarbeit verpflichtete Menschen. Diese hatten begonnen sich zu organisieren und Kontakte mit Kriegsgefangenen aufgebaut. „Der französische Zwangsarbeiter Georges Euzenat, selbst Gefangener in Ettlingen, berichtete: ‚Die Folter, die er (ein sowjetischer Offizier – UZ) und einer seiner Kameraden durchgemacht haben, war schrecklich. Zuerst die Tage ohne Essen und Trinken in einer Zelle, dann zum Verhör, er wurde geschlagen, bis sich das Fleisch löste und am Gummiknüppel hängenblieb, dann wurde er an den Handgelenken aufgehängt, die an einem Brett festgemacht worden waren, die Arme nach hinten und das zwölf Stunden lang (…). Auch als er so hing, wurde er noch geschlagen, vor allem von einer Frau.‘“

Behringer nennt die Täter des Gestapo-Gefängnisses Ettlingen – von den Vorgesetzten über die Wärter bis hin zu Verwaltungskräften und Dolmetschern. Er dokumentiert ihre täglichen Grausamkeiten gegenüber den Gefangenen, durch die der Faschismus erst seine unmenschliche Wirkung entfalten konnte. Die Zeit nach der Befreiung, in der die Täter damit rechnen mussten, dass sie belangt werden, war kurz. Exemplarisch dafür steht die Karriere von Heinrich Reiser, der leitende Funktionen innehatte. Bis 1947 tauchte er unter und war dann in Frankreich inhaftiert. 1950 wurde er aus Mangel an Beweisen entlassen und zusätzlich „entnazifiziert“. Er schuf sich eine bürgerliche Tarnidentität, um für die „Organisation Gehlen“, eine von Ex-Nazis durchsetzte Vorläuferorganisation des späteren Bundesnachrichtendienstes (BND), zu arbeiten. Nach Gründung des BND als offizielles Spionage­in­strument des deutschen Imperialismus setzte Reiser dort seine Karriere fort. 1964 wurde er pensioniert.

Die personellen Kontinuitäten, die den Anfang der Bundesrepublik mitbestimmten, sind inzwischen Vergangenheit. Sie haben allerdings für die strukturellen Kontinuitäten und ideologischen Traditionslinien gesorgt, die den deutschen Faschismus mit der Bundesrepublik verbinden. Behringer ordnet die Dokumentation des Bündnisses deshalb ein in den höchst aktuellen Kampf um die Wachhaltung der Erinnerung an die faschistischen Verbrechen – an die Opfer, die Taten und die Täter:

„Das Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter mahnt uns, Würde und Selbstbestimmung aller Menschen zu achten und für sie einzutreten. Aufgrund der grauenhaften Verbrechen der Deutschen besonders an Sowjetbürgerinnen und Sowjetbürgern stehen auch wir Nachfahren der Tätergeneration in der Schuld der damals sowjetischen Völker. Leider herrscht in unserem Land aber weitverbreitete Geschichtsvergessenheit. So soll dieser Text ein Beitrag gegen das Vergessen sein. Auch unter dem Eindruck des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine darf das dem russischen Volke vom deutschen Faschismus zugefügte Leid nicht herabgesetzt und die Erinnerung an die Befreiung durch die Rote Armee nicht vergessen werden.“


Dieter Behringer
Es kam „zu den vielleicht brutalsten Folterungen in Baden überhaupt“!
Gestapo-Gefängnis Ettlingen 1943 bis 1945

Mit einem Geleitwort von Jürgen Schuhladen-Krämer
Hrsg. vom Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis, Ettlingen 2022, 48 Seiten, 6,00 Euro
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Über den Autor

Björn Blach, geboren 1976, ist als freier Mitarbeiter seit 2019 für die Rubrik Theorie und Geschichte zuständig. Er gehörte 1997 zu den Absolventen der ersten, zwei-wöchigen Grundlagenschulung der DKP nach der Konterrevolution. In der Bundesgeschäftsführung der SDAJ leitete er die Bildungsarbeit. 2015 wurde er zum Bezirksvorsitzenden der DKP in Baden-Württemberg gewählt.

Hauptberuflich arbeitet er als Sozialpädagoge in der stationären Jugendhilfe.

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"Handlanger des Faschismus", UZ vom 20. Mai 2022



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