Massimo Carlotto stimmt einen „Blues für sanfte Halunken und alte Huren“ an

Harte Schale, weicher Kern

Von Ellen Beeftink

Massimo Carlotto

Blues für sanfte Halunken und alte Huren

Aus dem Italienischen

von Ingrid Ickler

Folio, geb., 218 Seiten, 20 Euro

Der schöne Giorgio ist weg. Abgetaucht. In Padua hatten sie ihn noch leben lassen. Jetzt führt seine Spur nach Bern. Statt ihrem Erzfeind finden Marco und seine Kumpane eine jener unglücklichen Frauen, die die Bekanntschaft mit dem schönen Giorgio teuer bezahlt haben. Giorgio Pellegrini ist ein perverser Killer und Frauenschlächter, von dem sie die Menschheit dringend befreien müssen. Und zwar endgültig. Nun dient eben dieser Abschaum der Unterwelt den drei Schnüfflern einen Auftrag an. Die Ablehnung folgt prompt, wird jedoch sogleich von Dottoressa Angela Marino kassiert. Die ebenso intrigante wie karrieregeile Beamtin des Innenministeriums leitet eine streng geheime Operation, arbeitet mit Pellegrini dabei zusammen und zwingt die drei, die Morde an Ehefrau und Geliebter Pellegrinis aufzuklären. Sie sitzen also in der Patsche, wenn nicht in einer Falle. Und handeln nach dem Motto: „Du hast keine Chance, also nutze sie.“

Der Autor Massimo Carlotto, 1956 in Padua geboren, schloss sich nach den verheerenden neofaschistischen Terroranschlägen Mitte der siebziger Jahre der „Lotta continua“ an. Im Januar 1976 findet er eine ermordete Studentin in ihrer Wohnung, informiert die Carabinieri, wird als Hauptverdächtiger inhaftiert, freigesprochen und im Revisionsverfahren 1978 zu 18 Jahren Haft verurteilt. Er flieht, wird 1985 in Mexiko gefasst, lässt sich nach Italien ausfliegen, stellt sich den italienischen Behörden. 86 Richter und fünfzig Gutachter in elf Prozessen befassten sich mit dem Caso Carlotto. Sechs Jahre Gefängnis waren das Ergebnis. Massimo Carlotto gibt nie auf und und wird zum Helden einer großen Fangemeinde. 1993 – der Druck der Öffentlichkeit nimmt stetig zu – wird das Urteil aufgehoben und der italienische Präsident Oscar Luigi Scalfaro begnadigt Carlotto. Seither legt er in seinen, meist auf Tatsachen beruhenden, penibel recherchierten Romanen den Finger in die Wunde Italiens: Die Verflechtungen von Wirtschaft, Politik und Justiz mit dem organisierten Verbrechen. Sein Blick ist zumeist ein pessimistischer, das System steckt zu tief fest im Morast. „Blues für sanfte Halunken und alte Huren“ macht da keine Ausnahme. Stil und Sprache Carlottos machen die im Blues ausgedrückte Melancholie spürbar.

Marco Buratti, der „Alligator“, war Sänger der Bluesband „Red Old Alligators“, bis er im Knast landete. Dort trifft er Max „das Gehirn“ und den „alten Gauner“ Beniamino Rossini. Seit die drei wieder draußen sind, verdienen sie ihren Lebensunterhalt mit Ermittlungen in den Grauzonen, die für die Polizei tabu sind. Bei ihren Recherchen stoßen sie auf das Foto einer Frau, die die Mördertruppe angeführt haben soll. Sie ist der Dottoressa bekannt, die jedoch keinerlei Anstalten macht, sie zu identifizieren. Der Verdacht, das Bauernopfer in einem dreckigen Spiel zu sein, verdichtet sich. Die Ex-Knackis verfügen allerdings immer noch über gute Kontakte ins Milieu, zu kleinen und größeren Gaunern unterschiedlicher Profession, und können zumindest zeitweise unter dem Radar agieren.

Eine wilde Jagd nach der mysteriösen Signora beginnt. Es tun sich einige Nebenschauplätze auf, Verbindungslinien werden sichtbar. Drogen- und Waffenhändler kreuzen ihre Wege, der eine oder andere Faustkampf ist angesagt. Auch Kugeln fliegen manches Mal hin und her. In Wien spitzt sich die Lage zu, Marco verliebt sich in die Hure Edith. Er will sie aus den Klauen ihrer Zuhälterin befreien, einer Menschenhändlerin übelster Sorte. Edith hat sie beklaut, um mit einer großen Liebe abzuhauen. Wie das Leben so spielt – es gibt keine edlen Prinzen – wurde sie von dem Mann gelinkt, dann geschnappt und muss nun ihre Schulden abarbeiten. Überhaupt die Frauen. Wenn es sich um Gewalt gegen Frauen handelt, handeln die drei. Auch wenn sie sich dadurch in größte Gefahr bringen.

Während Buratti das aktuelle Geschehen schildert, erzählt Pellegrini, selbstverliebt und überheblich, in einem zweiten Strang die Vorgeschichte. Und bestätigt Burattis Vermutungen. Der schöne Giorgio ist ein widerwärtiger Zeitgenosse, dem das Quälen von Frauen ein schöner Zeitvertreib ist, und der immer wieder auf die Füße fällt. Absprachen gehen ihm am Arsch vorbei, sein Talent, im richtigen Moment zu verschwinden, ist legendär. Die Ereignisse laufen unaufhaltsam aufeinander zu. Bis zu einem fulminanten Showdown.

Es sind wirklich sanfte Halunken, die da dem ihnen aufgezwungenen Job nachgehen. Carlotto hat ihnen Grips, Zähigkeit und viel Lakonie mitgegeben. Sie können hart austeilen und einstecken. Mit allen Wassern gewaschen, gerne auch mal am Rande der Legalität agierend, sind Marco, Max und Rossini doch durch und durch menschlich, mitfühlend und einfühlsam. Sie haben ein Herz für die Gebeutelten und Bedrängten, hassen jede Form von Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Sie haben Prinzipien. Diese melancholischen Männer wissen, die Welt wird durch ihre Bemühungen nicht besser. Sie fühlen sich aber besser, wenn sie mal wieder ein paar besonders üble Schurken aus dem Verkehr gezogen haben.

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"Harte Schale, weicher Kern", UZ vom 17. Mai 2019



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