Gedanken zur Bücherverbrennung durch die deutschen Faschisten

Heimatlos in der Fremde

Von Ellen Beeftink

10. Mai 1933, Mittwochabend. In Deutschland lodern Scheiterhaufen, Bücher brennen, Zeugnisse des intellektuellen Lebens werden in den Flammen vernichtet. Darunter die Werke von Heinrich und Thomas Mann, Alfred Kerr, Sigmund Freud, Albert Einstein, Erich Maria Remarque, Erich Kästner. Angezündet von Studierenden und Gymnasiasten.

Damit begann eine Kulturpolitik, die die Faschisten unter dem Slogan „Wider den undeutschen Geist“ konsequent fortsetzten und die alles humanistische, nicht völkische Gedankengut ausrotten sollte. Das sogenannte „Vaterländische Schrifttum“, Blut und Boden Literatur, Deutschtümelei hatte Hochkonjunktur. Der Index „undeutscher Literatur“ verzeichnet wenig später über 4 000 Titel und er wird ständig weiter geschrieben. 1933 wurden allein in Leipzig 60000 Bücher, 85 000 Zeitschriften beschlagnahmt und vernichtet. Eingeleitet wurde diese Politik schon zwei Wochen nach der Machtübergabe an Hitler. Am 15. Februar 1933 schloss die Preußische Akademie der Künste Heinrich Mann aus, seine Ausbürgerung folgte wenige Tage später. Damit begann ein unvorstellbarer Exodus von Künstlern, Wissenschaftlern und Literaten. Viele wurden verbannt, andere wählten die innere Emigration oder leisteten aktiven Widerstand, allein 2 000 Autorinnen und Autoren gingen ins ungeliebte Exil.

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels, Standesorganisation der Buchhändler und Verleger wie heute, zeigte sich anpassungsfähig. Am 11. Mai 1933 – und damit in Kenntnis der nächtlichen Geschehnisse – verabschiedete der Vorstand eine Erklärung, die am 13. Mai im Börsenblatt erschien: „Schwarze Liste undeutscher Schriftsteller. Der Vorstand des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler und Verleger ist sich mit der Reichsleitung des Kampfbundes für Deutsche Kultur und der Zentralstelle für das deutsche Bibliothekswesen einig geworden, dass die zwölf Schriftsteller Lion Feuchtwanger, Ernst Glaeser, Arthur Holitscher, Alfred Kerr, Egon Erwin Kisch, Emil Ludwig, Heinrich Mann, Ernst Ottwald, Theodor Plivier, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky (alias Theobald Tiger – Peter Panter – Ignaz Wrobel – Kaspar Hauser), Arnold Zweig für das deutsche Ansehen als schädlich zu erachten sind. Der Vorstand erwartet, dass der Buchhandel die Werke dieser Schriftsteller nicht weiter verbreitet.“

Damals verließen die Träger der zeitgenössischen Literatur das Land, gingen in eine Fremde, die vielen niemals Heimat wurde. Aber sie überlebten, während in Deutschland schon bald ein Wort Heinrich Heines (auch ein politisch Vertriebener): „Wer Bücher verbrennt, verbrennt am Ende auch Menschen“ grausame Wirklichkeit wurde. Ein paar Zeilen Bertolt Brechts – geschrieben im dänischen Exil – können einen Eindruck von der Befindlichkeit und der Hoffnung von Emigranten vermitteln:

„Schlage keinen Nagel in die Wand./Wirf den Rock auf den Stuhl./Warum vorsorgen für vier Tage?/Du kehrst morgen zurück./Lass den kleinen Baum ohne Wasser./Wozu noch einen Baum pflanzen?/Bevor er so hoch wie eine Stufe ist/Gehst du froh weg von hier./Zieh die Mütze ins Gesicht, wenn Leute vorbeigehn!/Wozu in einer fremden Grammatik blättern?/Die Nachricht, die heimruft/ist in bekannter Sprache geschrieben.“ Es wurden immer mehr als vier Tage und die Perspektive der Wiederkehr war für viele eine überlebenswichtige Illusion.

Nicht viel anders dürfte es den Menschen heute gehen, die vor Krieg, Hunger, Verfolgung fliehen. Sie wurden in Deutschland zunächst überwiegend freundlich empfangen. Und dann brannten nicht Bücher, sondern Häuser in denen Geflohene untergebracht waren oder unterkommen sollten. In voraus eilendem Gehorsam setzte damals „die Blüte unseres Volkes“ faschistische Politik in die Tat um. Heute erledigt das „Volk“ die Arbeit ohne Auftrag. Die ideellen Brandstifter der etablierten Parteien zeigen sich empört, nennen die Täter aber nicht Rassisten, sondern Wutbürger, und unternehmen alles, um Wählerstimmen wieder einzufangen. Faschistische Parteien sind wieder salonfähig.

Es war nicht das erste Mal, dass Deutsche ihrer Heimat den Rücken kehrten. Seit fast 200 Jahren verließen Millionen Deutsche überwiegend als Wirtschaftsflüchtlinge das Land. Nach einer verheerenden Kartoffelmissernte 1854 wanderten allein 220 000 in die USA aus. Und das ging so weiter. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts während der großen Depression und noch einmal nach der Befreiung 1945. Das „Wirtschaftswunder“ begann erst 1950/51. Vorher stiegen die Preise und die Arbeitslosigkeit, während die Löhne stagnierten. Zwischen 1820 und 1970 stammten 15 Prozent aller Emigranten, die im New Yorker Hafen ankamen, aus Deutschland.

Die ersten Einwanderer kamen auch schon vor rund 140 Jahren. Die Stadt Essen hatte 1780 gerade mal 6 000 Einwohner, hundert Jahre später waren es 600 000. Der expandierende Ruhrbergbau und die Eisen-und-Stahl-Industrie brauchten dringend Arbeitskräfte. In den 50er und 60er Jahren haben „Gastarbeiter“ für das „Wirtschaftswunderland“ geschuftet und es mit geschaffen. Auch sie wollten ihrem Elend entkommen. Kapitalinteressen der Ruhrbarone machten es möglich.

Eines verbindet sie alle, die Flüchtlinge aus wirtschaftlicher Not, die politisch, religiös oder rassisch Verfolgten: Das Gefühl des Fremdseins. Es gibt eine Fülle von Texten deutscher Emigranten, aber auch solche ausländischer Autoren im Exil, die das eindrucksvoll belegen.

Wie wäre es, wenn es auf dem nächsten UZ-Pressefest ein „Café Babylon“ geben würde? Dort könnte ich mir vielleicht eine szenische Lesung ebensolcher Texte ansehen, die mir dieses Gefühl des Fremdseins greifbarer, erfahrbar machen. Schon Goethe hatte eine klare Vorstellung davon, woher Fremdenfeindlichkeit rührt. „Man wird sich dessen, was man hat oder nicht hat, ist oder nicht ist, erst am Gegenteile bewusst oder inne. Darum werden so viele Menschen durch die Erscheinung eines neuen, fremden Menschen in der Gesellschaft beunruhigt. Er entdeckt ihnen, was sie nicht haben, und dann hassen sie ihn, oder er entdeckt ihnen durch sein Gegenteil, was sie haben, und so verachten sie ihn wieder.“

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"Heimatlos in der Fremde", UZ vom 5. Mai 2017



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