Henkel half Hitler an die Macht

Von Richard Corell und Stephan Müller

Wer die Wäsche mit Persil wäscht, macht dabei ganz nebenbei die Henkels reicher; auch mit Pattex klebt man für Henkel mit; und eine Schwarzkopf-Haarpflege treibt die Henkel-Dividende hoch.

Wie viele der heutigen Großkonzerne wurde Henkel nach der Schaffung des Deutschen Reiches unter preußischem Stiefel gegründet. Seit 1878 sitzt Henkel in Düsseldorf, Standort damals auch von Mannesmann und Rheinmetall. 1907 kommt Persil auf den Markt. Im 1. Weltkrieg ist Henkel schon so wichtig, dass Kriegsgefangene zugewiesen und ausgebeutet werden. Henkel kommt gut durch Inflation und Weltwirtschaftskrise. Der Enkel des Firmengründers, Jost Henkel, wollte mehr – und setzte auf Hitler. Den stellte er als Präsident am 26.1.1932 seinem elitären Industrie-Club vor. Hitlers Auftritt in Henkels Club gilt als Durchbruch zur Machtübertragung 1933. Der Düsseldorfer Kommunist Jupp Angenfort führte dazu aus: „Hitler legte in einer Rede seine Konzeption vor. Er versprach, den Marxismus auszurotten, die Gewerkschaften zu zerschlagen, die Parteien zu verbieten und demokratische Wahlen abzuschaffen. Er versprach, die Reichswehr auszubauen, aufzurüsten und ‚Lebensraum im Osten‘ zu erobern. Industrielle und Bankiers dankten, wie Presse und Augenzeugen berichteten, mit lang anhaltendem Dauerbeifall. Von nun an flossen riesige Spenden an die Nazipartei. Es müsste im Industrie-Club eine Tafel angebracht werden mit dem Text: ‚Hier bekam Hitler von Großindus­triellen und Bankiers Beifall und Geld, hier wurden die Weichen zum Krieg gestellt‘ Unter den Arbeiterinnen und Arbeitern, die vor dem Industrie-Club protestierten, war auch die Kommunistin Maria Wachter. Anwesend beim Protest am 26. Januar vor dem Industrie-Club war auch Werner Stertzenbach. Als die Nazis an die Macht geschoben worden waren, wurde Maria Wachter wegen ihres Widerstandes gegen die Nazidiktatur für fünf Jahre ins Zuchthaus geworfen. Der Jude und Kommunist Werner Stertzenbach kam ins Konzentrationslager. Jost Henkel aber, der Persil-Boss, der Hitler zum Industrie-Club eingeladen hatte, wurde Wehrwirtschaftsführer.

Mit Faschismus und Krieg wurden die Henkels reich. Wehrmachtslieferant und Ausplünderung besetzter Gebiete, Arisierung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern – das war das Rezept. Ursprünglich auf der Schwerverbrecherliste der Alliierten, wurden sie in der britischen Zone rasch wieder eingesetzt; es gab ja Pläne der Westmächte weiterzumachen gegen die Sowjetunion. Im Januar 1947 hatten die Henkels ihre „Persilscheine“. Mit der Währungsreform 1948 konnten die Kriegsgewinne realisiert werden. Steuerprivilegierte Dr. Jost-Henkel-Stiftung, Großes Bundesverdienstkreuz, Präsidium des Unternehmerverbands VCI, Präsident des Deutschen Tennisbunds – ein fast normaler Wiederaufstieg eines Terroristen in Nadelstreifen.

Systematisch baute Henkel seine Stellung in den Märkten zunächst in Deutschland, dann in den USA und Asien aus. Heute ist Henkel bei „Wasch- und Reinigungsmitteln“ Nr. 3 auf dem Weltmarkt, Nr. 1 bei Klebstoffen und in Segmenten des Geschäftsfelds „Schönheitspflegeprodukte“ – und, wie bei einem Monopol üblich, mehrfach in Kartellverfahren verurteilt. Einer der bekanntesten „Henkelmänner“ in der Politik ist seit den 1970er Jahren Kurt Biedenkopf (CDU), der sich später als „König von Sachsen“ aufspielen durfte.

Wie selbstverständlich ging nach der Einverleibung der DDR das 1945 enteignete Henkel-Werk in Genthin wieder an Henkel. Im VEB Waschmittelwerk Genthin hatten 1700 Beschäftigte mit der Marke „Spee“ nicht nur die DDR versorgt. Henkel reduzierte auf 300 Beschäftigte und gab schließlich 2009 den Standort auf, nahm aber die Marke „Spee“ mit nach Düsseldorf.

Im Geschäftsjahr 2015 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 18,1 Mrd. Euro und ein betriebliches Ergebnis von etwa 2,6 Mrd. Euro. Von den 49 450 Beschäftigten sind mehr als 80 Prozent (41 100) außerhalb Deutschlands beschäftigt. Der Umsatz ist seit 2005 um 51 Prozent gestiegen, die Beschäftigten haben um 4 Prozent abgenommen. Dass dennoch die Gegenwehr schwach bleibt, dafür sorgt u. a. Henkel-Aufsichtsrat Michael Vassiliadis, sozialpartnerschaftlicher Vorsitzender der IG BCE und Vorsitzender der Stiftung „Neue Verantwortung“, die eng mit der Münchner „Sicherheitskonferenz“ verbunden ist. Verbindungsmann zur Hochfinanz ist Paul Achleitner, Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank, und zur Großchemie Werner Wenning, Ex-Chef und Aufsichtsratsvorsitzender des IG Farben-Nachfolger-Konzerns Bayer.

Die mehr als 100 Mitglieder des Henkel-Clan halten rund 61 Prozent der Firmenanteile. Aus dem Vermögen von 28 Milliarden Euro im Jahr 2014 wurden 2015 rund 30 Milliarden. Von Simone Bagel-Trah, der Ur-Ur-Enkelin des Firmengründers, wird der Clan in der fünften Generation zusammen gehalten. Als „ein fein austariertes System von Macht und Verantwortung“ wird der Kriegsverbrecherkonzern bezeichnet.

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"Henkel half Hitler an die Macht", UZ vom 6. Januar 2017



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