Real GmbH vor der Aufteilung

Blut geleckt?

Horst Gobrecht

Wes‘ Brot ich ess‘, des‘ Lied ich sing‘! Diese alte Weisheit beschreibt das „Wiktionary“ so: „Ich muss die Interessen, den Standpunkt, die Ansichten desjenigen vertreten, bei dem ich in Lohn und Brot stehe, von dem ich also wirtschaftlich abhängig bin.“

Darauf sind leider auch viel zu viele abhängig Beschäftigte „gepolt“. Doch bei Managern könnte diese unterwürfige Einstellung zum „Brotherrn“, nicht selten verknüpft mit Überheblichkeit gegenüber „normalen“ Angestellten, fast als „Pandemie“ angesehen werden. So ist es wohl auch mit Patrick Kaudewitz bestellt, der früher bei Kaufland managte und jetzt als Vorsitzender des Verwaltungsrats von SCP Retail Investments an verantwortlicher Position bei der Übernahme der Real GmbH mitwirkt.

Am 9. Juni 2020 informierte die Real-Geschäftsführung die „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, „dass die Metro AG sich mit dem neuen Eigentümer SCP und dem Immobilieninvestor x+bricks darauf geeinigt hat, das so genannte Closing am 25. Juni durchführen zu wollen“. Die Beschäftigten bei Real dürfen hoffen, dieser Abschluss des Übernahmevertrags möge nicht erneut verschoben werden. Denn sicher wünschen sie sich, das Auf und Ab bei den mittlerweile häufig lästigen öffentlichen und betrieblichen Diskussionen über eine mögliche Zukunft der Filialen solle ein Ende finden, so dass gleichzeitig ihr Blick endlich auf eine neue Perspektive frei werden kann.

Wie die „Lebensmittel Zeitung“ am 12. Juni meldet, hat Kaufland beim Bundeskartellamt die Übernahme von bis zu 101 Real-Märkten angemeldet. Dabei soll das Unternehmen lediglich an 88 Filialen wirklich interessiert sein; und dies wird so begründet: „Enthalten sind in der Anmeldung auch Ersatz­standorte, sollte Kaufland nicht bei allen favorisierten Häusern zum Zug kommen.“ Auch wenn mit dem „Closing“ zwischen Kaufland, Rewe, Edeka, Globus und Tegut das eigentliche Gezerre um die „besten“ Märkte erst beginnen wird, hat insbesondere Kaufland bereits seine „Duftmarke“ dadurch gesetzt, dass die Unternehmensleitung erklärte, mit dem Erwerb solle auch den „Real-Mitarbeitern eine berufliche Perspektive“ geboten werden. Demgegenüber ist Rewe an 18 Filialen interessiert, doch soll das bisherige Personal bei der Übernahme „auf der Strecke“ bleiben. Entscheidend ist zudem zweifellos, wie die Arbeitsbedingungen bei den aufnehmenden Unternehmen geregelt sind: Gelten die Einzelhandels­tarifverträge oder nicht?

Gerade in dieser Beziehung versucht wohl der Ex-Kaufland-Manager Patrick Kaudewitz, sich als tarif- und sozialpolitischer „Tiefflieger“ zu bewähren. Gegenüber ver.di hat er am 27. Mai erklärt, dass er einen Vertrag zur Anerkennung der Branchentarifverträge ablehnt. Vielleicht hat er beim bisherigen Lohndumping bei Real „Blut geleckt“. Denn anders als früher bei Kaufland will er für die SCP Retail Investments offenbar in die ziemlich ausgetretenen Fußstapfen der Metro-Real-Geschäftsführung steigen. Diese hatte die Tarifbindung mit ver.di aufgegeben und sich den so genannten „Deutschen Handlungsgehilfen-Verband“ mit dem gezielt irreführenden „Firmennamen“ „DHV – Die Berufsgewerkschaft“ ins angeschlagene Haus geholt. Allerdings musste der DHV am 22. Mai vor dem Landesarbeitsgericht Hamburg eine heftige Schlappe einstecken: Die Richter stellten auf die Klage mehrerer DGB-Gewerkschaften fest, dass der DHV „nicht mehr tariffähig“ sei.

Auch wenn diese Entscheidung noch durch eine Rechtsbeschwerde beim Bundesarbeitsgericht angegriffen werden kann, müsste sie Patrick Kaudewitz eigentlich zeigen, dass schon die Hoffnung der Real-Geschäftsführung auf einen „Tarifvertrag“ mit dieser Möchtegern-Gewerkschaft mit starkem Drang zu Handlanger- oder Liebesdiensten gegenüber Unternehmern auf Sand gebaut war. Den Beschäftigten der als Real GmbH möglicherweise weitergeführten Märkte bleibt neben der beruflichen Perspektive folglich auch die Herausforderung, den Kampf um Tarifbindung fortzusetzen.

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"Blut geleckt?", UZ vom 19. Juni 2020



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