Zum 100. Geburtstag von Willi Sitte

Ineinander von Qual und Glanz

Peter Michel

In den Jahren nach der so genannten „Wende“ gab es viel Streit um ihn. Die ihn als „Staatskünstler“ diffamierten, sind etwas leiser geworden, und es gibt mehr und mehr Hoffnung auf einen sachlicheren Umgang mit seinem Leben und seinem Werk. Der dumme Hass, der ihn – diesen streitbaren Menschen – manchmal niederdrückte, artikuliert sich heute oft diffiziler.

Dank unermüdlicher Anstrengungen seiner Freunde und Verehrer kam es in ganz Deutschland immer wieder zu Ausstellungen und Publikationen, die dafür sorgten, dass er nicht vergessen wurde. In der Domkurie Merseburg entstand unter großen Mühen die „Sitte-Galerie für realistische Kunst“, die einen großen Teil seines künstlerischen Nachlasses aufnahm.

Diese Galerie wurde in jüngster Zeit wegen fehlender Fördermittel kaputtgespart. Ende Juli 2021 endet das Sperrjahr der Stiftung. Bis dahin findet dort anlässlich seines 100. Geburtstages eine letzte, abschließende Ausstellung statt, die unter den gegenwärtigen Corona-Bedingungen ihre Schwierigkeiten haben wird. Danach wird das Gebäude zur Tourist-Information der Stadt Merseburg. Die dort eingelagerten Werke Willi Sittes wandern zum Teil als Dauerleihgabe in das Kunstmuseum Moritzburg in Halle (Saale) und in den Privatbesitz seiner Familie zurück.

Es gibt jedoch einen Lichtblick: Das Kunstmuseum Moritzburg mit seinem Leiter Thomas Bauer-Friedrich, der aus der Galerieszene Chemnitz nach Halle kam und Kunst aus der DDR ganz selbstverständlich in den Ausstellungsteil „Wege der Moderne“ einordnete, plant eine große Willi-Sitte-Retrospektive, deren Vernissage eigentlich schon für den 17. Oktober 2020 vorgesehen war, aber coronabedingt verschoben werden musste. Nun ist die Eröffnung für den 2. Oktober 2021 festgesetzt, denn der 3. Oktober, der „Tag der deutschen Einheit“, wird diesmal mit einer Jubelfeier in Halle (Saale) begangen; dort wird sich voraussichtlich die Hautevolee der Bundesrepublik treffen. Es ist sicher eine kluge Entscheidung, beides zu koppeln. Thomas Bauer-Friedrich beabsichtigt, das gesamte Museum für diese Retrospektive zu nutzen. Sie wird unter dem Motto „Sittes Welt“ stehen, bis zum 9. Januar 2022 andauern und Werke zeigen, die zwischen den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts und 2005 entstanden. Diese Ausstellung soll anschließend durch andere Museen wandern und unter anderem in der Bundeskunsthalle Bonn und in der Rostocker Kunsthalle zu sehen sein. Eine späte Wiedergutmachung für die Hetze gegen Willi Sitte? Sicher. Zu solchen Schritten gehört immer noch Haltung.
Der Filmemacher Reinhold Jaretzky von der Firma „Zauberberg-Film“ drehte einen Film über Willi Sitte, der am 25. Februar 2021 im mdr-Fernsehen gezeigt werden soll. Auch er wird unsere Erinnerungen an diesen großen Künstler wachhalten.

Er wohnte und arbeitete in Halle, doch seine Wurzeln lagen in Nordböhmen. Dort, in Kratzau (Chrastava), wo er in einer bäuerlichen Umgebung unter ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, wo er schon als Kind am Liebsten zeichnete, lernte er durch Großvater und Vater sozialdemokratisches und kommunistisches Gedankengut kennen. Nach einem Studium an der Kunstschule des Gewerbemuseums Reichenberg und an der Meisterschule für monumentale Malerei in Kronenburg/Eifel, von der er wegen Unbotmäßigkeit in den Kriegsdienst geschickt wurde, erlebte er die Schrecken des Völkermordens und lief 1944 zu den italienischen Partisanen über. In Mailand, Vicenza und Venedig setzte er 1945/46 seine Studien fort, kehrte 1946 nach Kratzau zurück, verlor seine Heimat durch Umsiedlung und ließ sich zunächst in Heiligenstadt und schließlich in Halle nieder.

Er hatte es vermocht, über viele Jahre hinweg seinen Standpunkt zu behaupten – immer im Zusammenhang mit der Entwicklung seiner bildnerischen Sprache, mit der er mitten ins Schwarze unserer fragwürdigen Epoche traf. Er verstand es, unerbittlich gegen Unverständnis und Intoleranz anzukämpfen und sich durchzusetzen. Das brachte ihm schließlich das Vertrauen vieler seiner Künstlerkollegen ein, die ihn 1974 zu ihrem Verbandspräsidenten wählten. Als er 1988 aus seinem Präsidentenamt ausschied, warf er den riesigen Blumenstrauß, der ihm zum Dank überreicht worden war, ins Auditorium des Künstlerkongresses zurück. Umso größer war seine Enttäuschung, dass sich nach 1989 in einer verfolgungssüchtigen Atmosphäre zahlreiche Künstler, für die er sich engagiert hatte, von ihm abwandten.

Die letzten Jahre seines Lebens waren ein Kampf mit den irreparablen Folgen ärztlichen Versagens, ein verzweifeltes Ringen, aufgezwungene Schwäche zu überwinden und trotz aller körperlichen Behinderung weiter zu malen. Freunde umringten ihn wie eh und je und halfen ihm mit Solidarität und menschlicher Wärme, in dieser tragischen Situation neuen Mut zu schöpfen. Doch er glitt mehr und mehr in ein Dahindämmern mit wachen Augenblicken, ständig liebevoll betreut von seiner Frau Ingrid, und zeichnete noch hin und wieder in sein Skizzenbuch. Diese erzwungene Loslösung vom Malen großer Formate hat ihn deprimiert. Es war eine Art Nachleben, das vergebens nach produktiver Stütze suchte, und schließlich war der Tod stärker. Er starb am 8. Juni 2013.

In seiner Arbeit schöpfte er aus einem riesigen Arsenal. Es umfasste die gesamte europäische Kunstgeschichte, die antike Mythologie, die Etappen deutscher Historie von den Bauernkriegen bis zur Gegenwart und die Literatur – Bertolt Brecht, Wladimir Majakowski, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Erik Neutsch, Sarah und Rainer Kirsch … Er artikulierte mit unverwechselbaren bildnerischen Mitteln seinen Abscheu vor Faschismus und imperialistischen Kriegen ebenso wie seine Glücksvorstellungen und seine Kritik. Thomas Mann resümierte sein eigenes Leben am Ende als ein „Ineinander von Qual und Glanz“. Das trifft auch auf Willi Sitte zu.
Wenn ich an ihn zurückdenke, bin ich ihm für vieles dankbar, unter anderem für seine schützende Hand, die er mir mehrfach bot bei doktrinären Angriffen gegen die Zeitschrift „Bildende Kunst“. Das werde ich ebenso wenig vergessen wie seine solidarische Haltung, als er mich in den Neunzigerjahren bat, einige seiner Ausstellungen in den alten Bundesländern zu eröffnen – in Wittlich, Lampertheim, Neu-Ulm, Seeheim-Jugenheim, Freudenstadt und andernorts. Es gibt viele, die solche Hilfsbereitschaft spürten. Die es betrifft, haben es nicht vergessen; die es nicht wahr haben wollen, verschweigen es.

Totentanz des Dritten Reiches

Für seine Freunde, junge Partisanen, zeichnete Willi Sitte als Dreiundzwanzigjähriger in den letzten Monaten des Krieges in einem kleinen norditalienischen Dorf seinen ersten Zyklus, den „Totentanz des Dritten Reiches“. Es entstanden fünf Blätter, angeregt durch die Allegorien der Holzschnittfolgen „Apokalypse“ von Albrecht Dürer und „Auch ein Totentanz“ von Alfred Rethel. Er zeichnete altmeisterlich mit Feder und Sepia, gab seinen Figuren symbolische Bedeutungen, komponierte die Blätter in akademischer Manier, führte Schraffuren und Faltenwürfe aus wie auf alten Kupferstichen und erfand – wie Dürer – ein Monogramm, das er auf einer dieser Zeichnungen als kleine Tafel an einer ruinösen Wand anbrachte. Sitte stand damals am Beginn seiner künstlerischen Entwicklung.

Im Blatt „Einberufung“ dieses Zyklus stellte er ein Genre der faschistischen Blut-und-Boden-Kunst auf den Kopf. Eine arische bäuerliche Familie, die unter dem obligatorischen Bildnis des Führers vielleicht gerade gläubig seinen eifernden Durchhalteparolen aus dem Volksempfänger gelauscht hat, wird in ihrer scheinbaren Sicherheit durch den uniformierten Tod aufgestört, der – im Stechschritt marschierend – wie eine Katastrophe in dieses Idyll einbricht. Begleitet wird er von einem symbolhaft schnüffelnden Hund: einem Bluthund, ein Hinweis auf die Gesinnungsschnüffelei der Gestapo – und wer die letzten Kriegsjahre noch im Gedächtnis hat, wird sich an die „Kettenhunde“ erinnern, die Deserteure jagten. Der junge Mann, der den Einberufungsbefehl, seinen Totenschein, entgegennimmt, erstarrt im Hitlergruß. Die Reaktionen der Überraschten sind typisiert. Aus einem kleinbürgerlich-selbstzufriedenen Sujet ist ein entlarvendes Bild der Endzeit geworden. Sitte ist – bei allen Mühen des Anfangs – schon auf dem Weg der künstlerischen Verdichtung. Was hier noch an epischer Breite auffällt, wird in der Folgezeit stärker komprimiert und zugleich assoziationsreicher. Die karikierenden Züge steigerte Sitte später oft bis zum ätzenden Sarkasmus.

In seinem Totentanz-Zyklus wird schon etwas deutlich, das als konstituierendes Element sein ganzes weiteres Werk durchzog: sein politisches Engagement, aus dem sich später die intensive Suche nach adäquaten Ausdrucksweisen, nach seinem Personalstil, entwickelte. Dieser Stil schloss über viele Jahre auch Anregungen aus den Werken Pablo Picassos, Fernand Légers, Lovis Corinths und anderer Vertreter der Klassischen Moderne ein, was ihm in den Jahren der „Formalismusdiskussion“ oft Ärger einbrachte. Vor allem die Beschäftigung mit dem Werk des großen Realisten Gustave Courbet führte ihn schließlich zu seiner unverwechselbaren künstlerischen Handschrift, die mancher als „sozialistischen Barock“ bezeichnet. Alle diese Phasen gehören zu seinem Werk. Es ist nicht möglich, eine gegen die andere auszuspielen. Andere Künstler entwickelten aus ihrer Beschäftigung mit der Moderne eine „Masche“, um auf dem Kunstmarkt zu bestehen. Für Sitte war das immer ein Akt lebendiger Aneignung, der zugleich das Eigene bestärkte. Wie jeder ernstzunehmende Künstler bezog Willi Sitte seine Stoffe und Ausdrucksmittel sowohl aus der widersprüchlichen Wirklichkeit als auch aus anderer Kunst.

Das ganze Leben

So gibt es zum Beispiel immer wieder Bezüge zur europäischen Altarmalerei, unter anderem zur Kunst des Italieners Andrea Mantegna, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte und dessen Gemälde „Beweinung Christi“ wegen der extremen perspektivischen Verkürzung des Leichnams als sein außergewöhnlichstes Werk gilt. Schon in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts hatte Willi Sitte die dem Flügelaltar entlehnte Pathos-Form des Triptychons für wichtige Arbeiten genutzt und sie teilweise – zum Beispiel als Diptychon oder Polyptychon – entsprechend seiner Aussageabsicht variiert. Dabei nutzte er oft die Predella, um – wie seine kunsthistorischen Anreger von Grünewald bis Dix – Gestorbene, Ermordete, gefallene Opfer im Breitformat unter die jeweiligen Haupttafeln zu betten. Das geschah beispielsweise in seinen Lidice-Bildern oder in der Predella seines Diptychons „Die Überlebenden“.

Dieses großformatige Tafelbild gehört seit den Sechzigerjahren zum Bestand der Galerie Neue Meister in Dresden. Als die „Wende“ nahte, verbannte der damalige Direktor das Gemälde trotz vieler Proteste in vorauseilendem Gehorsam aus den Ausstellungsräumen ins Depot mit der fadenscheinigen Begründung, es sei nicht so gut, wie es groß sei. Dort lagerte es, bis es 2018 in einer vom Dresdener Publikum energisch geforderten Schau mit dem Titel „Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949 bis 1990“ endlich unter den ausgewählten Werken war. Bis Anfang Januar 2019 konnten die älteren Museumsbesucher nun lang Vermisstes wiedersehen, die Jüngeren entdeckten es neu. Man darf gespannt sein, wann im Dresdener Albertinum ein normaler Umgang mit solcher Kunst endgültig Einzug hält.

Auch das Diptychon „Sie wollten nur schreiben und lesen lehren“, das schon auf der X. Kunstausstellung der DDR 1987/88 Aufsehen erregt hatte, wurde in der am 11. Oktober 2019 im Städtischen Museum Dresden eröffneten Ausstellung „Ende der Eindeutigkeit“ wieder gezeigt. Dort war eine kluge Auswahl von 114 Werken aus dem Bereich Malerei der X. Kunstausstellung der DDR zu sehen. Sie rief bei vielen Besuchern Heimatgefühle hervor. Mit diesem und anderen Werken durchbrach Sitte den kunsthistorischen Kanon des Altarbildes. Er stellte die Predella dominierend als hochformatige Tafel auf, meisterte bravourös die dadurch notwendigen perspektivischen Verkürzungen und zwang damit den Blick des Betrachters von der als Stillleben gestalteten, darunter gesetzten breiteren Fläche immer wieder nach oben und in die Raumtiefe. Was als bildnerisches Epos erzählt werden könnte, wird auf wenige symbolhafte Gegenstände und Figuren reduziert. Die blutigen Aktionen der Contras gegen Menschen, die die sandinistische Revolution unterstützten – Ärzte, Bauern, Entwicklungshelfer, Lehrer –, auch das solidarische Mit-Leiden mit den Opfern werden erlebbar. Ein Stillleben wird zur Metapher der begonnenen Alphabetisierung. Die beiden ermordeten Lehrer sind – dargeboten wie auf einer Bühne – ein Gegenstück zu Willi Sittes vitalen Liebespaaren.

So weist dieses Bild auf den Reichtum eines Lebenswerkes hin. Seine Kunst war immer politisch. Er klagte an, stellte sich auf die Seite der Unterdrückten, nahm Partei für revolutionäre Veränderungen, feierte die Schönheit des Lebens, ehrte in seinen Hommagen seine geistigen und künstlerischen Vorbilder, machte Gegner – zum Beispiel in seinen „Mittelmaß“-Bildern – lächerlich, kritisierte kleinbürgerliches Denken auch in den eigenen Reihen, war enttäuscht über das Versagen vieler Arbeiter in der „Wendezeit“, wandte sich gegen engstirnige Einengungen des Realismusbegriffs und blieb sich auch nach 1989/90 in seiner Haltung treu. Wir ehren ihn, indem wir dafür sorgen, dass seine Kunst nicht vergessen wird.

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"Ineinander von Qual und Glanz", UZ vom 26. Februar 2021



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