Meine (halbe) Corona-Woche (13)

Junge, Junge.

Leben: Meine Wohnungsgesellschaft schreibt mir gestern: „Auch der durch unsere Mieter zu erbringende Winterdienst (…) wird zunehmend für Ältere zum Problem.“ Da frag ich mich mehrere Dinge: Winterdienst? Hallo? Es gab seit Jahren keinen Schnee mehr. Und: „Ältere“? Lesen die meine Kolumne? Meinen die mich? Jedenfalls übernimmt jetzt eine Firma den „Winterdienst“ und wir sollen „pauschal“ bezahlen. Da hätte ich doch lieber weiter selber nicht keinen Schnee geschippt. Junge, Junge.

Garten: Montag ein Wespennest im Dach direkt über der Laubentür entdeckt. Mittwoch geht die Espressomaschine in Rauch auf. Freitag verabschiedet sich Rentner W. von gegenüber – in Fachkreisen auch „Die lebende Bildzeitung“ genannt – mit „Tschüss, Freunde!“ Kann man so einen Garten eigentlich auch zurückgeben? Wo und an wen? Kostet das was? Immer diese Fragen. Junge, Junge.

Irrsinn: Das umherstampfende Ekelpaket Donald Trump dreht derweil völlig blank. Ein 75-jähriger Demonstrant, der von der Polizei zu Boden geworfen wird, wo er blutend liegen bleibt, sei ein „Antifa-Provokateur“ und der umgebrachte George Floyd würde sich „von oben über die Arbeitslosenzahlen freuen“. Nur Attila Hildmann, ehemaliger deutscher Star der Vegan-Szene, toppt das: „Die Antifa ist eine bezahlte Söldnertruppe mit 45 Euro Stundenlohn!“ Geil. Komm ich bis jetzt auf ca 1.739.876 Euro. An wen schicke ich nur die Rechnung? An die „dunkelsten Mächte der Weltverschwörung“? An den „Programmier-Nerd und Kinderficker Bill Gates”? Oder doch direkt an die „Kommunisten-Merkel“ (Alles Hildmann)? Kann ich auch was von den Tabletten haben? Ich würde auch nicht so viele auf einmal nehmen. Junge, Junge.

Fußball (1): Schalke versucht mit aller Macht, sein Negativimage zur Unsterblichkeit zu erheben. Die Knappen entlassen 24 Fahrer, alles 450-Euro-Jobber, zum Teil seit 25 Jahren für Schalke auf Achse. Die Fahrdienste für die Ju-gendspieler werden jetzt „extern“ vergeben. So sieht Vereinstreue auf Schalke 2020 aus. Verdammt nah an der Unsterblichkeit, das Ganze. Junge, Junge.

Fußball (2): Dortmund gewinnt völlig unberechtigt gegen bessere Düsseldorfer mit einem Treffer in der 95. Minute 1:0. Die Fortuna bleibt damit stark abstiegsgefährdet, während der BVB sich für die nächste Champions-League qualifizieren wird, wann immer die sein soll. Bayern spielte ebenfalls glücklich 2:1 gegen Gladbach und Werder verdrosch Paderborn mit 5:1. Letztere steigen damit nun endgültig ab. Gartenbro A. und mich elektrisierte das Dortmund-Spiel bis in die Haarspitzen: Wir brieten Lachs in der Pfanne, schlürften Weißwein, beobachteten Libellen und Rotkehlchen und bedauerten den armen Mann im Radio, der diesen Grottenkick moderieren musste. Das Tor fiel in die Espressorunde auf der Sonnenwiese und hielt uns nicht im mindesten davon ab, weiter die Hummeln des Gartens fasziniert zu bestaunen. Wusstet ihr, dass Hummeln ob ihres Gewichtes eigentlich gar nicht fliegen können, dies aber nicht wissen und deshalb einfach fliegen? Toll.

Gesundheit: „Wir befinden uns in einer Art Zwischenwelt, die seltsam gedämpft und unsinnlich ist“, so ein Psychologe im „Spiegel“. Hätte ich zwar drastischer, aber kaum besser ausdrücken können. Was mich angeht, könnte dieser Sch**** mal so langsam beendet werden. Nicht dass man sich zur Jahreswende, sektbeseelt um Mitternacht, immer noch nicht umarmen darf. Das wäre nämlich wirklich: Junge, Junge.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Junge, Junge.", UZ vom 19. Juni 2020



Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Haus aus.

Vorherige

Sehr glatt, sehr nackt

Armutsrenten

Nächste

Das könnte sie auch interessieren