Nach 47 Jahren: Nur ein britischer Soldat für Massaker in Derry angeklagt

Justiz ohne Gerechtigkeit

Von Melina Deymann

Das Entsetzen und Unverständnis bei Angehörigen und Aktivisten war groß: Am vergangenen Donnerstag machte die nordirische Staatsanwaltschaft ihre Entscheidung öffentlich, nur einen einzigen Soldaten für den Tod von 13 unbewaffneten Bürgerrechtsdemonstranten am „Blutsonntag“ in Derry anzuklagen.

Der mit dem Decknamen „Soldier F“ geschützte Fallschirmjäger wird wegen Mordes in zwei Fällen und der versuchten Tötung in vier Fällen angeklagt, gegen 16 weitere Soldaten gibt es laut Staatsanwaltschaft nicht genügend Beweise für eine Anklage.

Dem „Bloody Sunday“ am 30. Januar 1972, bei dem 13 Menschen von britischen Soldaten getötet und 14 weitere teilweise schwer verletzt wurden, ging eine Verschärfung des Konflikts um den Norden Irlands voraus. Dazu gehörte eine Internierungswelle, bei der republikanische Iren ohne Gerichtsverfahren weggesperrt wurden – allein 342 dieser „Verhaftungen“ wurden in den frühen Morgenstunden des 9. August 1971 durchgeführt. Unter anderem gegen diese Internierungspolitik des britischen Staates wandte sich die Bürgerrechtsdemonstration vom 30. Januar in Derry, auf die das Fallschirmjägerregiment das Feuer eröffnete. Bei einer Untersuchung drei Monate nach dem Massaker wurden die Armeeführung und die beteiligten Soldaten von jeglicher Schuld entlastet. Die Demonstranten hätten zuerst geschossen.

Im Zuge der Friedensverhandlungen ging die britische Regierung 1998 auf die andauernden Proteste der Angehörigen ein und berief eine Untersuchungskommission zum „Bloody Sunday“ ein.

Der 2010 veröffentlichte Bericht der Kommission kam zu dem Ergebnis, dass die Soldaten nicht beschossen worden waren, sondern zuerst auf die Demonstranten feuerten. Das gefällt bis heute nicht allen. Erst in der vergangenen Woche musste sich Theresa Mays Ministerin für Nordirland, Karen Bradley, dafür entschuldigen, dass sie im Parlament Tötungen durch britische Soldaten im Norden Irlands als „keine Verbrechen“ bezeichnete. Bradleys Ansicht nach hätten die Soldaten „ihre Pflicht auf würdige und angemessene Weise“ erfüllt.

Gegenüber der BBC äußerte einer der beteiligten Soldaten, „Sergeant O“, erneut, dass er keine Reue empfinde und es „ein gut gemachter Job“ gewesen wäre. „Ich würde es wieder tun.“ „Es“ bedeutet die Ermordung von Jackie Duddy (17 Jahre alt), Patrick Doherty (31), Bernard McGuigan (41), Hugh Gilmour (17), Kevin McElhinney (17), Michael Kelly (17), John Young (17), William Nash (19), Michael McDaid (20), James Wray (22), Gerald McKinney (34), Gerald Donaghey (17) und William McKinney (27).

Die Angehörigen kündigten an, weiter um Gerechtigkeit zu kämpfen.

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Justiz ohne Gerechtigkeit", UZ vom 22. März 2019



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