„Anno 1800“: Eine komplexe Simulation der Industrialisierung für den PC

Kapitalist spielen

Von Friedhelm Vermeulen

Anno 1800 von Ubisoft

PC-Spiel (für Windows, 7/8.1/10)

Preis: ca. 50 bis 60 Euro

Empfohlene Systemanforderungen:

Intel I5 4690k oder AMD Ryzen 5 1400; 8GB RAM;

NVIDIA GeForce GTX 970 oder AMD Radeon RX 480;

46 GB freier Festplattenspeicher

Wer keine Lust habe, „Das Kapital“ zu lesen, dem schlug der Radiosender „Deutschlandfunk“ zum 1. Mai eine Alternative vor: „Anno 1800“ spielen. „Anno 1800“ ist ein Strategiespiel, in dem es um die Industrialisierung geht – „um Proletarier und ihre Arbeitskraft“. Die Spieler starten mit einem Dorf und vollziehen die Entwicklung bis hin zur pulsierenden Metropole mit allem, was im modernen Kapitalismus dazu gehört, inklusive Kolonien. Fazit der Deutschlandfunk-„Expertin“ Jana Reinhardt: „Die Spieler werden in Anno 1800 zu perfekten Kapitalisten.“

Bei der Anno-Reihe handelt es sich um eine der beliebte Aufbau- und Wirtschaftssimulationen, die nun bereits mit dem siebten Teil auf dem Markt ist. In den letzten beiden Teilen ging es in die Zukunft des Kapitalismus, nun kehren die Spieleentwickler an die Anfänge der kapitalistischen Produktionsweise zurück. Anders als die meisten Strategie-Spiele, die sich um Krieg und Eroberung drehen, konzentriert sich Anno auf die wirtschaftliche Entwicklung und Diplomatie. Ganz verzichtet jedoch auch „Anno 1800“ nicht auf Krieg, Gefechte werden als Seeschlachten ausgetragen.

Aufgabe ist es, einen funktionierenden Wirtschaftskreislauf aufzubauen. Die ursprüngliche Akkumulation wird nachvollzogen, Bauern werden zu Arbeitern. Doch diese haben andere Bedürfnisse – und zudem ständig wachsende – als Bauern. Geht einem der Schnaps aus, wird es brenzlig. Wer versucht, mehr aus den Arbeiterinnen und Arbeitern herauszupressen, zum Beispiel durch Extra-Schichten, erhöht zwar die Produktion, sorgt aber auch für Unzufriedenheit. Und so gilt es, nicht nur mit Naturkatastrophen und Bränden fertig zu werden, sondern auch die Arbeiterklasse muss gezähmt werden. Dafür stehen verschiedene Mittel zur Verfügung: Polizeigewalt, materielle Zugeständnisse oder auch die Beeinflussung der Medien – schließlich gehören einem vorausschauenden Kapitalisten die Zeitungen. Dabei ist so ein Streik schön anzuschauen, denn „Anno 1800“ ist sehr detailreich, selbst die Protestschilder sind gut lesbar.

Wer zu viele Zugeständnisse an die Arbeiter macht, der rutscht in die Verlustzone. Es wird deutlich, dass sich die Interessen der Arbeiter und meine – die des Kapitalisten – widersprechen. Ein ständiges Dilemma, denn „leider“ lässt sich ohne Arbeiter schlecht produzieren.

Die „Position“, das Magazin der SDAJ, lobt „Anno 1800“ als komplexes Spiel, das trotzdem gut spielbar bleibt: „Mit der notwendigen Geduld ist es auch für AnfängerInnen geeignet.“ Wer die Vorgänger mochte, dürfte an „Anno 1800“ Freude haben.

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"Kapitalist spielen", UZ vom 10. Mai 2019



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