Anmerkungen zu Lucas Zeises Rezension von Jörg Miehes Buch*

Kein „Verschwinden“ der Arbeiterklasse

Von Herbert Münchow

* Jörg Miehe, Vom Schwinden der Arbeiterklasse. Zur Struktur der Erwerbstätigkeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der BRD von 1957/1970 bis 2005/2008, Edition Ost, Berlin 2017. Siehe auch die Rezension von Lucas Zeise in der UZ vom 16. Juni und Jörg Miehes Antwort (7. Juli)

Es ist sehr viel Kluges und Nachdenkenswertes in der empirischen Untersuchung von Jörg Miehe zur Struktur und Erwerbstätigkeit und der gesellschaftlichen Arbeitsteilung in der BRD enthalten. Rezensiert wurde Miehes Buch in der UZ von Lucas Zeise. Leider hat er sich m. E. zu sehr verbissen in den Ausdruck „Schwinden der Arbeiterklasse“, was übrigens noch kein „Verschwinden“ ist. Ich kann nur hoffen, dass gerade angesichts der Strategiedebatte in der DKP, die jetzt offiziell eröffnet wurde und die uns mit der Arbeiterklasse, vermittelt über die Formierung bewusstseinsbildender Kerne, hoffentlich enger zusammenschließt, das Buch von Miehe – keine leichte Kost – gelesen wird. Gerade dann, wenn Lucas Zeise dem Autor bescheinigt und dafür dankt, die falsche Auffassung von marxistischer Orthodoxie auf den Punkt gebracht zu haben.

So ganz falsch kann die „Orthodoxie“ von Miehe aber doch nicht sein, denn u. a. Lenin sah sich aus konkretem Anlass in einem Brief an Molotow vom 26. März 1922 veranlasst zu fordern, „… den Begriff ‚Arbeiter‘ so festzulegen, dass unter diesen Begriff nur diejenigen fallen, die tatsächlich auf Grund ihrer Lebenslage zu einer proletarischen Denkweise gekommen sein müssen. Das ist aber unmöglich, wenn man nicht viele Jahre in der Fabrik gewesen ist, und zwar ohne irgendwelche Nebenabsichten, vielmehr infolge der allgemeinen und sozialen Lebensverhältnisse.“ (LW 33/243)

Man kann und muss darüber streiten, ob die Kategorien, die Jörg Miehe seiner Untersuchung zugrunde legt, immer richtig definiert wurden. Davon hängt schließlich der Wert jeder Statistik ab. Man sollte aber nicht aus dem Blick verlieren, dass die Frage nach der Zugehörigkeit und dem Kern der Arbeiterklasse eine Frage ist, die Marx und Engels selbst aufgeworfen haben, weil die ökonomische, soziale, politische und ideologische Konstituierung der Klasse, die bekanntlich keine in sich geschlossene homogene Masse darstellt, sie aufgeworfen hat. Mit der Entstehung des Fabrikproletariats, jener Fraktion des Proletariats also, die unmittelbar auf der kapitalistischen Großproduktion basiert, erhielt die Arbeiterklasse ihren festen Kern, um den sich die anderen Schichten gruppierten. „Ohne diesen Kern erscheint die Formierung der Arbeiter zu einer Klasse ausgeschlossen.“ (Walter Schmidt) Was sich aus der Entstehungsgeschichte der Arbeiterklasse hinsichtlich einer exakten begrifflichen Fassung ergibt, dürfte auch heute von nicht geringer Bedeutung sein: „Wir müssen bei aller Strukturierung der Arbeiterklasse doch klar definieren, dass alle direkt kapitalistisch ausgebeuteten und als freie Lohnarbeiter auftretenden Schichten ungeachtet der Abstufungen hinsichtlich des Besitzes an Produktionsinstrumenten wie in Bezug auf den Grad der kapitalistischen Produktion, der sie unterworfen sind – ob Verlag, Manufaktur oder moderner Großbetrieb –, zur entstehenden einheitlichen Klasse des Proletariats gehören.“ (Ders.) Da ist Miehe mit der Fragestellung nach dem Charakter der Lohnarbeit (somit des Lohnarbeiters) – bloße Lohnarbeit oder produktive Lohnarbeit – doch durchaus einem ganz wesentlichen Gedanken von Marx und Engels auf der Spur.

Jörg Miehe problematisiert eine Frage, die lange vor der Gründung der DKP nicht nur unter Marxisten diskutiert wurde. Was sich da heute im Kern der Arbeiterklasse und in der Struktur – also im Klassenganzen (nach innen und außen) – verändert, bleibt ja nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeit von Kommunisten. „Es besteht eine Tendenz im Stadium des Imperialismus für das Industrieproletariat, die sich auch gelegentlich in einzelnen Ländern durchsetzt, absolut abzunehmen. Es besteht eine allgemeine Tendenz im Stadium des Imperialismus für das Industrieproletariat, die sich im allgemeinen auch durchsetzt, relativ abzunehmen.“ Das schrieb Jürgen Kuczynski, Bucharin zustimmend, in seiner „Theorie der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus“. Kuczynski, der nie ein Freund davon war, die Zahl der Arbeiter dadurch zu „retten“, schlechthin alle Angestellten und möglichst viele Beamte oder im Sold stehende Personen zur Arbeiterklasse zu rechnen, spitzte die Fragestellung im Ergebnis seiner Analyse der technologischen Entwicklung (Computer) am Ende seines Lebens bedenkenlos zu: „Die Arbeiterklasse ist in Auflösung begriffen – Auflösung in jeder Beziehung ihrer gesellschaftlichen Position, außer dass sie abhängig vom Kapital, wie andere Klassen und Schichten der kapitalistischen Gesellschaft bleibt. Aber sie ist weniger und weniger als selbstständige, von anderen Klassen und Schichten klar zu unterscheidende, eindeutig zu identifizierende Klasse zu charakterisieren.“ Wie löste nun Kuczynski die Frage nach dem Subjekt der Veränderung? „Ich glaube letztlich an den richtigen Instinkt von Arbeitern, Angestellten und Intelligenz. Es wird das ausgebeutete Volk, das zu stets wachsender Arbeitslosigkeit, ob Arbeiter oder Angestellter, verdammt ist, im Bündnis mit der linken und humanitären Intelligenz, sein, das die Wendung bringen, das uns vor dem Verfall in völlige Barbarei retten wird.“ („Was wird aus unserer Welt?“, 1997) Es lohnt sich also noch gründlicher und problemorientierter über die marxistische Orthodoxie nachzudenken, denn sie ist unumgänglich. Dies wird sich hoffentlich auch in der Strategiedebatte zeigen.

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"Kein „Verschwinden“ der Arbeiterklasse", UZ vom 11. August 2017



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