Wendla Nölles Spielfilmdebüt „Ein großes Versprechen“

Keine falsche Betroffenheit

Mach aus mir keinen Pflegefall, bloß weil ich einmal eingeschlafen bin.“ Darauf besteht Juditha (Dagmar Manzel), nachdem ihr Mann Erik (Rolf Lassgard) ihr wieder einmal helfen musste, mühsam vom Küchenboden aufzustehen. Fast in Rage gerät sie, als Erik vorschlägt, eine häusliche Pflegekraft einzustellen, und von einem komfortablen Rollstuhl will sie schon gar nichts wissen. Dabei haben wir die beiden schon freundlich und verliebt kuschelnd erlebt, aber auch etliche Szenen gesehen, die uns die Symptome ihrer fortschreitenden Krankheit drastisch vor Augen führten: Juditha leidet an Multipler Sklerose (MS) in nicht mehr therapierbarem Stadium.

Finanziell wären Hilfskraft und Rollstuhl kein Problem, denn Erik steht als renommierter Architekturprofessor kurz vor dem Ruhestand. In der mehrstöckigen Villa mit Garten, die die beiden im Grünen bewohnen, gäbe es für eine Hilfe genug zu tun, zumal Erik auch als Rentner nicht an Müßiggang denkt; zwar warnt ihn der Arzt vor Herzproblemen und ein Brückenprojekt in seiner Heimatstadt Malmö zerschlägt sich, aber als dann Tochter Sarah den beiden ankündigt, dass sie bald Großeltern werden, ist es Zeit für neuen Aufschwung, und ein neues Studium könnte er doch bewältigen, oder?

Dass das Spielfilmdebüt der Dokumentaristin Wendla Nölle nun zum seit 2009 begangenen Welt-MS-Tag (letzter Mittwoch im Mai) in Sondervorstellungen zu sehen war, ist verständlich, aber vielleicht auch unglücklich. Denn es schiebt ein wahrhaft außergewöhnliches Filmerlebnis auf eine falsche „Betroffenen-Schiene“. Ja, Nölles Film ist auch ein Film über eine rätselhafte und immer noch unheilbare Krankheit, aber er ist so viel mehr als das. Er ist – so viel vorab – eines der selten geglückten Beispiele, in denen sich Filmemacher ihr Thema im unmittelbaren Kreis der Familie suchen und dabei die naheliegenden Sackgassen meiden: durch ein Zuviel an Intimität das Publikum auszusperren oder durch zu viel eigene Präsenz das Thema zu verfehlen. Nölles Film handelt vom Schicksal ihrer eigenen Eltern und dass sie die Rolle der Sarah (Anna Blomeier) eher marginal anlegt, trägt wesentlich zum Gelingen des Films bei.

Nur beiläufig und in knappen, treffenden Dialogen zeichnen Nölle und ihre Drehbuch-Koautorin Greta Lorez das Umfeld der beiden, die Ärzte, die Verwandten, Rolfs Kollegenkreis. Sie gehen das Risiko ein, sich ganz auf Rolf und Juditha zu konzentrieren. Das ist umso wagemutiger, als ihre beiden Darsteller dem Publikum eher aus alltäglichen TV-Krimis geläufig sind. Nölles Film belässt dem Schweden Lassgard zwar über weite Strecken sein braves TV-Image, doch bald kratzen kurze Momente am Bild des selbstlosen Helfers ohne eigene Interessen. Die Frage des Arztes nach dem Befinden seiner Frau übergeht er, sein eigenes Herz ist ihm wichtig geworden, und auch seine Studierpläne betreibt er ohne ihr Wissen.

Schon all das lässt die Bravheit und Langeweile gewöhnlicher TV-Unterhaltung weit hinter sich. Die eigentliche Sensation – anders kann ich es nicht nennen – ist aber Dagmar Manzel als Juditha. „In vier Wochen bist du ein alter Mann“ ist ihr erster Dialogsatz im Film, gesprochen im Spaß, und schon er hat jenen doppelten Boden, der Judithas Charakter prägt. Sie freut sich, bald ihren Erik mehr für sich zu haben, und lenkt zugleich vom eigenen Kranksein ab. Sie weiß, dass sie seine Hilfe zunehmend brauchen wird, aber sie kennt auch seinen ungebrochenen Drang, Neues zu probieren, dem sie nicht im Weg stehen will. Mühsam und mit Gehstock stolpert sie an den Tisch mit Gästen, aber den Kaffee aufzutragen lässt sie sich nicht nehmen.

Aber wehe, wenn die Gäste weg sind! Wie eine Furie kann sie dann auffahren, kann ihre Hilflosigkeit gerade dem ins Gesicht schreien, der sich am treuesten um sie sorgt, und aus vergessenem Vogelfutter („Und was sollen die Vögel nun essen?“) ein großes Drama machen, das Erik lakonisch mit einem aus der Tüte gezogenen Apfel beendet. Fast jede Bewegung ihres Körpers gibt den Zuschauern einen Stich und aus bloßem Mitleid für Juditha wird ein Mitleiden, für das auch der Filmschluss keine Milderung bereithält.


Ein großes Versprechen
Regie: Wendla Nölle
Unter anderem mit: Dagmar Manzel, Rolf Lassgard, Wolfram Koch, Anna Blomeier


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Über den Autor

Hans-Günther Dicks (Jahrgang 1941), Mathematiklehrer mit Berufsverbot, arbeitet seit 1968 als freier Film- und Medienkritiker für Zeitungen und Fachzeitschriften, für die UZ seit Jahrzehnten.

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"Keine falsche Betroffenheit", UZ vom 3. Juni 2022



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