Über Reden und Realitäten zum Jahrestag des DDR-Anschlusses

Keine Lust auf Krieg

Der Befund zum diesjährigen 36. Jahrestag des Siegs der Konterrevolution in der DDR besagt: Die Spaltung Deutschlands ist wieder da. Sie hat ihre materielle Grundlage in der wirtschaftlichen und sozialen Lage. Subjektiv sind Ost und West in der Haltung zur Waffenhilfe für die Ukraine sowie zu Kriegsvorbereitung und -hetze gegen Russland weit auseinander.

Einige Fakten: Der industriell zerstörte Osten hat zwar einige Neuansiedlungen (Tesla-Werk Grünheide, Chemiepark Leuna, Chipindustrie Dresden, VW-, BMW-, Porsche- und Opel-Werke), seine Wirtschaftsleistung stagniert aber seit fünf Jahren bei unter 80 Prozent des westdeutschen Niveaus. Das teilte das kapitalnahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seinem „Einheitsindex“ am 3. Oktober mit. Bei Maschinen, Fabriken, Straßen und Gebäuden je Einwohner, also Investitionen, „holt der Osten seit 15 Jahren kaum noch auf“.

Bereits am 1. Oktober hatte die Deutsche Presse-Agentur in einer Übersicht mitgeteilt: Bruttolohn West: 4.961 Euro, Ost: 4.121. Steuerlich erfasste Erbschaften West 2025: 142,5 Milliarden Euro, pro Kopf 2.100 Euro; Ost: acht Milliarden Euro, pro Kopf 500 Euro. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hielt 2024 fest: 57 Prozent der mehr als fünf Millionen Menschen, die zwischen 1991 und 2024 den Osten verließen. waren Frauen, die meisten unter 25 Jahren. Die Folge: „Das ländliche Ostdeutschland gehört zu den Regionen in Europa mit dem niedrigsten Anteil von Frauen in Relation zu Männern.“ Mancherorts kommen weniger als 70 Frauen auf 100 Männer. Laut Statistischem Bundesamt lag die Bevölkerung Westdeutschlands 2024 mit rund 67,5 Millionen Menschen etwa 10 Prozent höher als 1990, im Osten schrumpfte die Zahl von mehr als 16 Millionen auf 12,4 Millionen. Das gab es in Deutschland seit Pest und Dreißigjährigem Krieg in keiner Region. Jede zweite Gemeinde Mecklenburg-Vorpommerns hat keinen Dorfladen mehr.

In den Reden, die am 3. Oktober zum „Tag der deutschen Einheit“ in Bremen gehalten wurden, kamen solche Tatsachen nicht vor. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach vor allem über sich selbst. Er und Andreas Bovenschulte, Bremens Bürgermeister und Bundesratspräsident, schwiegen von Aufrüstung und Stellvertreterkrieg gegen Russland. Dabei hatte Bovenschulte erst vier Tage zuvor mit Kriegstüchtigkeitsminister Boris Pistorius stolz eine Vereinbarung unterzeichnet, die Bremen und Bremerhaven mit 1,35 Milliarden Euro bis 2031 „die mit Abstand höchste Förderung“ fürs Bundesland beschert. Es soll gemäß NATO und „Operationsplan Deutschland“ zum „Einsatzdrehkreuz“ im nächsten Krieg werden.

Wie das im Osten aufgenommen wird, wissen die Offiziellen und ihre Medien, reden aber nicht über den Elefanten im Raum. So hieß es im „Spiegel“ am 1. Oktober: „Die Landtagswahlen lassen sich als Misstrauensvotum gegen die Russlandpolitik lesen. In Sachsen-Anhalt haben die ukrainekritischen Parteien AfD und BSW fast die Hälfte aller Stimmen gewonnen, in Mecklenburg-Vorpommern deutlich über 40 Prozent.“ Am Wahlabend 20. September bekannte Manuela Schwesig, die SPD-Siegerin in Mecklenburg-Vorpommern: Für die Forderung nach einer Annäherung an Russland und das Ende der Waffenlieferungen an Kiew hätten „AfD und BSW viele Stimmen bekommen – auch von ehemaligen SPD-Wählern“.

Vorhersage: Ziehen sie und ihre Partei daraus keine Konsequenzen, wird sich der Unmut nach Westen ausbreiten und gesamtdeutsch werden. Die Dialektik der Geschichte kann überraschende Arten von Einheit zustande bringen.

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"Keine Lust auf Krieg", UZ vom 9. Oktober 2026



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