Das US-Establisment sorgt sich um die Integrationsfähigkeit seiner Kandidatin

Krönung der verhassten Kriegsherrin

Von Klaus Wagener

Frau Luise Ciccone, bekannter unter dem etwas missverständlichen Namen „Madonna“, hat, wie uns die gewöhnlich gut unterrichtete Qualitätspresse zu berichten weiß, den Wählern der von ihr offensichtlich mit viel persönlichem Engagement unterstützten Hillary Clinton, einen „Blowjob“ versprochen. Die Sängerin Katy Perry hatte sich zuvor für einen Wahlwerbespot ausgezogen. Wer gedacht hatte, es ginge bei dem ohnehin schon unterirdischen Niveau des US-Wahlkampfes nicht mehr tiefer, sieht sich eines Besseren belehrt.

In den Umfragen der Website „RealClearPolitics“ führte Clinton im Durchschnitt aller Umfragen mit 6,1 Prozent, zumindest bevor FBI-Direktor James Brien Comey neue Untersuchungen gegen Clinton ankündigte, ihren privaten Mailserver aus ihrer Zeit als Außenministerin betreffend. Wie es aussieht scheint das Kalkül aufzugehen, dem Wähler die weithin ungeliebte Clinton trotz allem als eine Art Garant für Stabilität, Sicherheit und Kalkulierbarkeit anzupreisen. Nicht nur mit Hilfe der medialen Unterstützung eines hemmungslosen Trump-Bashing, auch mit anscheinend organisierten Zwischenfällen auf Trump-Veranstaltungen konnte sich die Kandidatin des Finanzkapitals, der Kriegspartei und der Medienmogule als die „besonnenere“ Alternative präsentieren. Laut dem Meinungsforschungsinstitut „YouGov“ hat Clinton alle drei TV-Debatten gewonnen. Natürlich sind auch Umfragen Teil der Propaganda. Menschen wählen Sieger, heißt die Devise.

Überzeugend ist das alles nicht. Jenseits des besinnungslosen Cheerleader-Journalismus machen sich reflektiertere Vertreter des Establishments Gedanken über die hartnäckige Front von Ablehnung bis Verachtung der ihrer Kandidatin entgegensteht, und die auch die massivste PR-Kampagne nicht aufzuweichen imstande ist. So veröffentlichte der „Economist“ unter dem Titel „Hating Hillary“ (Hillary hassen) eine lange Analyse der gravierenden Vertrauenserosion, welche die Mächtigen und Herrschenden nun in der massiven Ablehnung ihrer Kandidatin zu spüren bekommen. Natürlich verharrt die ohnehin wohlwollende Untersuchung in Clintons engem persönlichen Umfeld, jegliche politökonomischen Betrachtungen des die politischen Grundkonstanten auflösenden Krisenprozesses sind selbstredend tabu. Dennoch wird eine gewisse Ratlosigkeit deutlich, dass die so vehement gepushte Kandidatin des Großen Geldes so hartnäckig katastrophale Vertrauenswerte erreicht. Gerade auch bei weißen Wählern erreicht das Misstrauen Werte bis über 60 Prozent, so das Umfrageportal „YouGov“

Konnte der Hoffnungsträger Barack Obama zu Anfang seiner Amtszeit mit einer medial verstärkten Aufbruchstimmung große Teile der in der Bush-Ära tief in Krise und Kriege geratenen US-Bevölkerung begeistern und damit eine gewisse Integrationswirkung erzeugen, so ist das mit einer Hillary Clinton sicher nicht möglich. Obwohl Clinton ein beachtliches Spektrum von nationalen und internationalen Unterstützern aufbieten kann, das neben zahlreichen Multimilliardären, Militärs, Banken- und Businessvertretern sowie zahllosen Vertretern der Bewusstseins- und Unterhaltungsindustrie seltsamerweise auch über 40 Gewerkschaftsorganisationen umfasst, ist von „Aufbruch“ oder „Change“ nichts zu spüren. „The Crook (die Betrügerin) vs. The Monster“ brachte die Webseite „Zero Hedge“ den schlammschlachtartigen „Wahlkampf“ auf den Punkt.

Währenddessen gehen die Kriege weiter. Der Krieg Reich gegen Arm ohnehin, aber auch die Kriege um Ressourcen, Daten, Pipelinetrassen, Transportwege, Einflussgebiete, Vasallen und Verbündete. Und nicht zuletzt der Krieg um die Köpfe, um Informationen, Meinungen, Mentalitäten und Bewusstseinsinhalte. Nach der Niederlage der Großen Alternative werden diese Kriege mit steigender Aggressivität geführt. Und Hillary Clinton soll nach dem erklärten Willen des maßgeblichen Establishments die nächste US-Kriegspräsidentin sein. Sie hat sich dadurch hinreichend qualifiziert, dass sie auch in der Vergangenheit nie gegen einen Krieg und immer für die aggressivste Handlungsoption gestimmt hat. Clinton wird daher auch von den neokonservativen Falken des Thinktank CNAS (Center for a New American Security) unterstützt, der sich der „Stärkung der amerikanischen Macht“, verschrieben hat und „Strategien zur Ausweitung des US-Engagements in einer hart umkämpften Weltordnung“ entwickelt.

Nach den desaströsen Ergebnissen der letzten Kriege, die dazu auf betrügerische Weise herbeigeführt wurden, hält sich die Kriegseuphorie in den USA allerdings in Grenzen. Geostrategisch sind aber nun ganz andere Kaliber ins Visier geraten als Irak, Afghanistan, Jemen, Syrien oder Libyen. Um gegen Russland, Iran und China erfolgreich sein zu können, wäre etwas mehr bellizistische Begeisterung sicherlich hilfreich. Die bange Frage des US-Establisments lautet nun: Kann Clinton das schaffen? Um Demokratie, um den Willen und die Interessen des Demos geht es hier schon lange nicht mehr.

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"Krönung der verhassten Kriegsherrin", UZ vom 4. November 2016



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