Bertelsmann-Studie macht erhebliche Unterschiede nach Berufen und Haushalten aus

Lohngefälle wird steiler

Von Uwe Koopmann

Der jüngste Arbeitskampf im öffentlichen Dienst wurde von der Gewerkschaft ver.di und den streikenden Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein-Westfalen unter dem Motto „Wir sind es wert!“ geführt. Selbstdarstellung von ver.di: Diese Gewerkschaft „ist die Expertin für gute Arbeit, faire Löhne, Vereinbarkeit von Familie und Beruf …“ Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung lässt unter dem Titel „Lohneinkommensentwicklungen 2020. Eine Vorausberechnung der Einkommensentwicklung in Branchen, Haushalten und Einkommensgruppen in Deutschland“ Zweifel an der positiven Wertschätzung aufkommen.

Etwas offensiver war da schon die gemeinsame Aussage von DGB, ver.di und GEW mit Blick auf Erzieherinnen und Erzieher: „Ihre Arbeit ist mehr wert!“ Diese Aussage ist zweifellos richtig. Selbst die Bertelsmann-Studie muss allerdings feststellen, dass es in der Vergangenheit „eine Phase dezidierter Lohnzurückhaltung“ gegeben hat, so dass „hinter der künftigen Entwicklung ein großes Fragezeichen“ steht.

Zusammenfassend kommt die Studie – was auch die Alltagswahrnehmung im Betrieb ergeben hätte – zu der Erkenntnis, dass die Bruttolöhne steigen, wobei die höheren Einkommen stärker steigen. Wer unten auf der Lohnskala steht, hat in Zukunft noch steilere Stufen vor sich. Je moderater die Lohnforderungen ausfallen, desto größer wird der Abstand. Originalton Bertelsmann: Bei „strikter Lohnzurückhaltung“ würden sich die höchsten Einkommenseinbußen für diejenigen ergeben, die „ganz unten“ stehen.

Die UZ-Redaktion regt an, diese Ausgabe bis zum Jahr 2020 zu archivieren oder sich den Zugang im Internet zu sichern. In fünf Jahren kann dann die Bertelsmann-Prognose hinsichtlich der Lohnzuwächse in absoluten Zahlen mit einem Blick ins eigene Portemonnaie oder auf den Kontoauszug überprüft werden. Das Jahreseinkommen soll zwischen 2012 bis 2020 durchschnittlich (inflationsbereinigt) um 2 200 Euro steigen. „Durchschnittlich“ bedeutet: nicht für jeden. Das obere Fünftel bekommt 5 300 Euro mehr, das untere Fünftel muss sich mit zusätzlichen 750 Euro begnügen. Im Gesundheits- und Sozialbereich errechnete die Stiftung einen Zuwachs von 1 050 Euro zwischen 2012 und 2020. Erzieherinnen und Erzieher können also ablesen, in welchem Einkommenszuwachs sich die Wertschätzung ihrer Arbeit ausdrücken lässt.

Von dieser Entwicklung sind in der Tat die einzelnen Branchen unterschiedlich betroffen. Zusammenfassung: „Bei den fünf Sektoren mit den höchsten Zuwächsen handelt es sich ausschließlich um solche aus dem verarbeitenden Gewerbe. Die Branchen mit den geringsten prozentualen Anstiegen sind überwiegend im Dienstleistungssektor angesiedelt.“

Einen weiteren Zusammenhang gibt es zwischen „Haushaltsgröße“, „Branchenzugehörigkeit“ und „Einkommenszuwachs“: Alleinstehende haben 2 000 Euro mehr, Paare mit Kindern 1 650 Euro, und bei Alleinerziehenden sind es 1 300 Euro. Die Tarife im Einzelhandel, im Sozial- und Gesundheitsbereich betreffen überdurchschnittlich Alleinerziehende. Die Studie eröffnet auch Horizonte: In der oberen Gruppe werden die Einkommen von 54 400 Euro (2012) auf 70 000 Euro (2020) steigen. „Unten“ reicht’s nur bis 7 950 Euro.

Selbst Aart de Geus, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, kommt zu der Schlussfolgerung dass „nicht ganze Einkommensgruppen immer weiter abgehängt werden“ dürfen. Diese anhaltende Tendenz sei eine „große Herausforderung der kommenden Jahre für Politik, Sozialpartner und die gesamte Gesellschaft.“ Mit „Sozialpartnern“ meint er Kapitalvertreter und Gewerkschaften. Die Studie ist wissenschaftlich so begrenzt gehalten, dass sie keine Ideen, Pläne oder gar Strategien abfragt, wie diese Ungerechtigkeiten beseitigt werden können. Das Stichwort heißt „Sozialpartner“ – nicht Klassenkontrahenten.

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"Lohngefälle wird steiler", UZ vom 24. Juli 2015



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