„Miss Saigon“ steht in Köln auf dem Spielplan

Lüge mit Musik

Von Stefan Kühner

„Noch bevor die Musik einsetzt, ist das Tschok-tschok-tschok von Rotorblättern zu hören. Ein Helikopter lärmt über unsere Köpfe hinweg. Aber erst im zweiten Teil donnert dieser dann wirklich wild blinkend in den Saal hinein, als wäre die Apokalypse da.“ „Das Bühnenbild und die Effekte sind überwältigend, die romantisch-melodramatische Liebesgeschichte anrührend wie kaum eine zweite, die Show-Szenen grandios. Alles ist auf Showeffekte ausgelegt.“ Die Werbemaschine für das Musical „Miss Saigon“ läuft seit Jahresbeginn auf Hochtouren weit über Köln hinaus. Das Musical steht vom 22. Januar bis zum 3. März 2019 in Köln auf dem Spielplan.

Inszeniert wird die Neuproduktion von „Miss Saigon“ von dem milliardenschweren Produzenten Cameron Mackintosh. Von 1994 bis 1999 lief es bereits einmal in Stuttgart. Nun soll das mit großem Aufwand inszenierte Musiktheater nach Aufführungen in den USA und Zürich auch in Deutschland wieder die Kassen füllen. Was wirklich inszeniert wird, ist allerdings eine Lügengeschichte und eine Verklärung des Kriegs der USA in Vietnam.

Die Story beginnt in den letzten Tagen des Vietnamkriegs und erzählt die Geschichte der jungen Vietnamesin Kim und des amerikanischen GIs Chris. In einem Nachtclub lernen sich die beiden kennen und verlieben sich ineinander. Doch ihre Liebe währt nur kurz. In den letzten Tagen des US-amerikanischen Truppenrückzugs werden sie voneinander getrennt und verlieren jeglichen Kontakt. Kim bleibt in Saigon zurück und bringt einen gemeinsamen Sohn zur Welt. Chris findet in den USA ein neues Glück. Drei Jahre später kreuzen sich ihre Lebenswege schicksalhaft in Bangkok wieder. Das Wiedersehen endet mit der Selbsttötung der Heldin.

Wäre es nur eine tragische Liebesgeschichte, könnte man einfach darüber hinweggehen. Aber dieses Musical ist eine Geschichtsklitterung übelster Sorte. Außer Kim und einem Zuhälter sind alle Vietnamesen gewalttätige „Vietcong“ oder andere finsterste Charaktere. Die Amerikaner, allen voran Chris, sind trotz seines nicht vorbildhaften Verhaltens die guten und menschlichen Akteure. Und genau darin besteht die Lüge von „Miss Saigon“. Vermarktet wird das Musiktheater „als überwältigende romantisch-melodramatische Liebesgeschichte in Zeiten des Krieges.“

Die Gräuel der US-Armee, Bomben, Napalm, Agent Orange, die MG-Salven aus den röhrenden US-Hubschraubern auf vietnamesische Frauen und Kinder, sind ausgeblendet. Für die Menschen in Vietnam war die Apokalypse wirklich. Der Vietnamkrieg einschließlich seiner dramatischen Auswirkungen auf die eigenen Soldaten wird verkitscht und zu einer Tragödie uminterpretiert. Immer noch und immer wieder wird hier von den Verbrechen und der Verantwortung der US-Regierung abgelenkt. So werden neue Kriege vorbereitet und menschenverachtende Maßnahmen, wie sie an der Südgrenze der USA gegen Flüchtlinge praktiziert werden, weggewischt.

Gegen die Wiederaufführung des Musicals und seine dort verbreiteten Lügen über den Vietnamkrieg und die Klischees über die asiatische Frau gibt es weltweit Proteste. Eine Initiative in Minnesota (USA) kritisiert: „,Miss Saigon‘ wird zum Spektakel voll platter Stereotypen und zu einer Ode an den Kolonialismus. Krieg und Menschenhandel werden romantisiert. Das Leiden der vietnamesischen Gemeinschaft wird kommerziell ausgebeutet und es entsteht ein verzerrtes Bild des vietnamesischen Volkes. Wir wissen leider nur zu gut, dass institutioneller Rassismus, Sexismus und flache Stereotype Vorurteile verstärken.“ Proteste gab es auch in Zürich. Dort verteilten Mitglieder der Vereinigung Schweiz-Vietnam vor den Aufführungen ein Flugblatt mit dem Bild des durch Napalm verbrannten Mädchens Kim Phuc und dem Text „Nicht vergessen, wie es wirklich war.“

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"Lüge mit Musik", UZ vom 11. Januar 2019



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