Netflix arbeitet mindestens zweigleisig

Geschäftsstrategien

Von Herbert Becker

Der Streaming-Anbieter Netflix ist weltweit die Nummer Eins der digitalen VoD- (Video on Demand) Anbieter. Diese Form bietet die Möglichkeit, Filme und Serien zeitunabhängig sehen zu können. Über 150 Millionen Abonnenten zahlen Monat für Monat geschätzte 750 Millionen Euro dafür, allein in Deutschland sind es über 13 Millionen Nutzer.

Netflix ist längst dank seiner gut gefüllten Kasse ein ernsthafter Konkurrent für die etablierten Firmen wie die Walt Disney Company, Time Warner oder Sony Pictures Entertainment. Die deutsche Degeto, die für die öffentlich-rechtlichen Sender produziert, kann sowieso nicht mithalten. Die Strategie von Netflix ist zweiteilig: Zum einen werden jede Menge Actionfilme und Serien aus dem internationalen Geschäft aufgekauft und im eigenen „Warenkorb“ angeboten. Wenn die Marktstrategen ein Potential für höhere Schaltungen erwarten, werden die Filmrechte gekauft, neu produziert oder Serien werden auf eigene Rechnung fortgesetzt. In spanischsprachigen Ländern also die beliebten „Telenovelas“, für den europäischen Markt investiert man in Krimis mit oder ohne Polit-Hintergrund.

Zum anderen will Netflix bei renommierten Autoren, Regisseuren und Schauspielern punkten:

Die Eigenproduktionen wollen in die Liga von „arthouse“ und ähnlichen anspruchsvollen Filmproduktionen. Mit diesen Filmen oder Serien will man bei den wichtigen internationalen Festivals nominiert und möglichst ausgezeichnet werden.

Ein aktuelles Beispiel startete letzte Woche: Eine vorerst nur als eine Staffel produzierte Serie mit dem Titel „Criminal“. Gedreht in Madrid, aber angelegt als Episodenstücke mit je drei aus vier Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien). Bewusst minimalistisch vom Spielort her, nur ein Verhörraum und ein Beobachtungsraum, keine Außenszenen, keine Rückblenden, nur eine kleine, überschaubare Gruppe Menschen. Immer sitzt ein Verdächtiger oder auch eine mutmaßliche Täterin zwei Kriminalbeamten gegenüber, Beweise werden vorgelegt, die reichen wohl nicht aus, man will ein Geständnis erreichen. Geht nicht immer so aus, wie es die Kriminaler wollen, bitterer Beigeschmack bleibt hängen. Bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler machen mit, viele kennt man aus internationalen Produktionen oder aus dem TV. In den deutschen Episoden zum Beispiel Nina Hoss, Christian Berkel, Peter Kurth, Sylvester Groth. Die Regie führte Oliver Hirschbiegel. Ein spannendes, dank guter Drehbücher und pointierter Dialoge nie langweiliges Format. „Criminal“ hat das Zeug zu einer Serie mit mehreren Staffeln. Ein altes Konzept, nicht horizontal, sondern vertikal erzählt, wie es noch vielfach im TV zu sehen ist. Aber mit einer eigenen Bildsprache, konsequent schnörkellos.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Geschäftsstrategien", UZ vom 27. September 2019



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