Die ARD-Serie „Charité“ ist in den 1960ern angekommen. Das können selbst die Rapoports nicht heilen

Mauertote und kein Pflaster

In Sekunde 42 der ersten Folge der dritten Staffel von „Charité“ ist klar, worauf der Fokus liegen wird. „6. August 1961 – Eine Woche vor Mauerbau“ tröten einem Schreibmaschinenbuchstaben entgegen. Es wird düster werden für die Beschäftigten und Patienten der Charité.

Mit der Ankündigung winken die Mauertoten schon am Horizont, derweil es in Folge 1 an allem fehlt: Einweghandschuhe, Röntgenfilme, Personal – die gehen stiften, „nach drüben“. Das tut dem antikommunistischen Duktus der Serie gut, denn um Errungenschaften der DDR kommt auch eine ARD-Serie nicht herum, wenn eine der historischen Figuren, die auftauchen, Ingeborg Rapoport heißt. Blitzschnell diagnostiziert die Kinderärztin bei einem Jungen aus Westberlin Polio. Die Eiserne Lunge, die gebraucht wird, um ihn zu retten, muss erst aus dem Keller geholt werden. In der DDR ist Kinderlähmung dank eines Impfstoffes aus der SU ausgerottet. Die BRD hatte sich geweigert, den Impfstoff von der DDR anzunehmen und beginnt erst 1962 mit einem Impfstoff aus den USA, die Krankheit zu bekämpfen. Systemkonkurrenz war wichtiger als Kinderleben.

Zum Glück beginnt in Folge 2 der Mauerbau, und fast sämtliche Figuren können ihre Empörung Richtung Kamera schmeißen: „Hört auf, die eignen Leute einzusperren!“, „Das ist nicht mehr mein Land!“, im Juli ’53 sei schon einmal auf die eigenen Leute geschossen worden. „Das war der erste Schritt“ und so weiter und so fort.
In den weiteren fünf Folgen passiert, was halt so in Krankenhausserien passiert, immer schön mit Blick darauf, die DDR schlecht zu machen: Mangelernährung von Landwirten, Bergarbeiter, die Uran abbauen, ohne zu wissen, womit sie da arbeiten, „damit die Russen das in ihre Atomsprengköpfe stopfen können“, SED-Drohungen, Oberarztstelle gegen Parteieintritt, beschlagnahmte Obduktionsberichte und und und.

Inge und Mitja Rapoport tut die Serie keinen Gefallen. Mitja wird als Parteisoldat dargestellt, der die DDR auch da verteidigt, wo es unsinnig erscheint, Inges politische Überzeugung spielt höchstens in Andeutungen eine Rolle. „Ich mag den Ansatz“ ist alles, was sie einer ausreisewilligen jungen Mutter über die DDR sagen kann. Ansonsten rennt sie sehr sturköpfig Mauern ein, setzt sich durch, was die nähere Zusammenarbeit von Frauenheilkunde, Geburtshilfe und Neonatologie angeht. Erst im Nachspann erfahren Zuschauerinnen und Zuschauer, dass sie den ersten Lehrstuhl für Neonatologie in Europa innehatte und dass sie mit 102 Jahren die Doktorwürde der Uni Hamburg verliehen bekam, die die Nazis ihr als „Halbjüdin“ 77 Jahre zuvor verweigert haben. Dass Inge Rapoport die Ehrendoktorwürde ablehnte und darauf bestand, ihre 1938 geschriebene Dissertation zu verteidigen, um den Doktorgrad zu erhalten (was ihr auch gelang), erfahren die Menschen vor den Bildschirmen nicht. Auch ihre politische Arbeit in der KP der USA oder in der DDR sind kein Thema.

Und so bleibt es zum Schluss bei dem rührseligen Statement: „Dank der aufopferungsvollen Arbeit des Klinikpersonals konnte sich die Charité allen politischen und ökonomischen Bedingungen zum Trotz als eins der wegweisenden Krankenhäuser der Welt bis zum heutigen Tag erhalten.“

Das stimmt nur bedingt. Die politischen und ökonomischen Bedingungen, unter denen das Personal der Charité heute arbeiten muss, sind dergestalt, dass das Personal dort – zum ersten Mal in der Geschichte der BRD – in einen Entlastungsstreik getreten ist, um eine bessere personelle Ausstattung zu erkämpfen. Anders ist die Gesundheit von Krankenhauspersonal und Patienten gefährdet. Auch das stellt sich als wegweisend heraus.


Charité
6 Folgen, ARD 2020
nächster Sendetermin: 26. Februar
alle Folgen abrufbar in der ARD-Mediathek und auf Netflix

Statt der Serie mehr zu empfehlen:
Die Rapoports – Unsere drei Leben
Dokumentation, MDR 2005
bis 6. Februar in der ARD-Mediathek

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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Mauertote und kein Pflaster", UZ vom 22. Januar 2021



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