Tarifabschluss bei Asklepios Brandenburg nach 29 Streiktagen

Mehr war nicht drin

Nach acht Monaten Arbeitskampf, acht Verhandlungsrunden und mehreren Streikwellen an den Asklepios-Standorten in Brandenburg an der Havel, Lübben und Teupitz hat die Tarifkommission von ver.di ein Verhandlungsergebnis erzielt. Die UZ rief André Sandner an, Vorsitzender des Betriebsrats bei Asklepios Brandenburg, um mit ihm über diesen hart erkämpften Abschluss zu sprechen.

UZ: Wie sieht der Abschluss aus, den die ver.di-Tarifkommission anzunehmen empfiehlt?

André Sandner: Das ist in einem Satz nicht zu sagen. Wir haben unterschiedliche Gehaltstabellen im Unternehmen, je eine für den Pflegedienst, für die Servicebereiche, für die Therapeuten und für die Verwaltung. Wir bewegen uns mit den Steigerungen im Durchschnitt der einzelnen Vergütungsgruppen in den Tabellen zwischen 2,5 und knapp 6 Prozent. Das ist ab 1. April 2022 tabellenwirksam.

Für 2021 gibt es eine Einmalzahlung in Form einer steuer- und sozialabgabenfreien Corona-Prämie. Bei einer Vollzeitkraft reden wir da über 1.200 Euro. Der letzte Entgelt-Tarifvertag lief zum 31. März 2021 aus. Wir hatten somit praktisch zwölf Leermonate. Durch die Corona-Prämie liegen wir rein rechnerisch bei 100 Euro netto pro Leermonat. Das hätten wir in der Höhe anders nicht hingekriegt. Deshalb ist das aus meiner Sicht so ganz okay. Zum 1. Mai 2023 steigen alle Tabellenwerte nochmal um 1,7 Prozent. Zudem reduzieren wir ab 1. Juli 2022 die Sollarbeitszeit von 40 auf 39,5 Stunden.

UZ: Der vorgeschlagene Tarifvertrag hat eine recht lange Laufzeit von 33 Monaten.

André Sandner: Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir zwölf Monate keine Tabellenerhöhung hatten. Deshalb sind das eigentlich 21 Monate, real betrachtet. Die Arbeitszeitreduzierung macht, auf die ab 1. Juli 2022 bis 31. Dezember 2023 gerechnete Restlaufzeit von 18 Monaten umgerechnet, noch einmal circa 1,85 Prozent Gehaltssteigerung aus. Insofern ist das schon in Ordnung.

Die Wechselschichtzulage steigt ab 1. April 2022 von 40 auf 110 Euro, ein Jahr später dann auf 155 Euro. Für sechs durch Wechselschicht erarbeitete Zusatzurlaubstage gibt es ab 2022 einen siebten dazu. Im Pflegebereich gibt es ab 1. April 2022 eine Zulage von 60 Euro für alle, die Grund- und Behandlungspflege direkt am Patienten leisten.

Auch das Weihnachtsgeld haben wir neu verhandelt. Bisher war es in einen festen und einen variablen Anteil gesplittet. Letzterer war abhängig vom Jahresergebnis. Diesen gewinnabhängigen Teil haben wir abgeschafft zugunsten einer festen Summe. Die bewegt sich aber auf dem gleichen Niveau wie die anderen beiden Teilzahlungen in Summe. Im Jahr 2023 steigt diese Summe prozentual auch noch mal an.

UZ: Heiko Piekorz von der ver.di-Tarifkommission meinte Mitte November noch, die Leute seien bereit, noch viele Monate für ihre Rechte auf die Straße zu gehen. Der Abschluss jetzt liegt eher im Bereich eines Inflationsausgleichs. Eine tatsächliche Angleichung an die Gehälter, die Asklepios an seinen Standorten in Hamburg oder Göttingen zahlt, ist das nicht. Weshalb empfiehlt ver.di dennoch, das Verhandlungsergebnis vom 26. November anzunehmen?

André Sandner: Wenn man das Verhandlungsergebnis für den einzelnen Mitarbeiter, egal welcher Vergütungsgruppe, hochrechnet, liegt der Abschluss schon ein ganzes Stück über einem Inflationsausgleich. Bei den Pflegefachkräften zum Beispiel liegen wir jetzt bei 95 Prozent der Vergütung in Hamburg. Dass man eine Lücke von 12 bis 20 Prozent nicht in einer Tarifrunde schließen kann, sollte jedem klar sein.

Man muss auch sehen, wie lange die Tarifauseinandersetzung schon dauert. Wir haben jetzt insgesamt 29 Streiktage hinter uns. Das gab es, glaube ich, noch nie in einem Krankenhaus in den neuen Bundesländern. Realistisch betrachtet sind wir bei über dem Doppelten von dem rausgekommen, was der Arbeitgeber ursprünglich zu zahlen bereit war. Ich bin selbst Mitglied der ver.di-Tarifkommission und habe mitverhandelt.

In der letzten Verhandlungsrunde hat der Arbeitgeber das erste Mal darauf gehört, was wir die ganzen Jahre schon gefordert hatten: Dass wir in den einzelnen Tabellen und Vergütungsgruppen einzelne Konstellationen wieder gerade ziehen müssen. Da waren jede Menge Verwerfungen drin. Mit diesem Tarifabschluss sind wir dort wieder einigermaßen sauber. Deswegen empfiehlt die Tarifkommission, das Ergebnis anzunehmen. Ich denke, dass wir das bestmögliche Verhandlungsergebnis herausgeholt haben, dank der Unterstützung der vielen Streikteilnehmer bei den Arbeitskampfmaßnahmen. Mehr war in dieser Tarifrunde nicht drin.

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Beschäftigte von Asklepios auf der Streikdemo in Brandenburg an der Havel am 15. November (Foto: ver.di)

UZ: Hat der Streik die Position von ver.di an den Brandenburger Asklepios-Standorten gestärkt?

André Sandner: Auf alle Fälle. Der Arbeitgeber hat während der Tarifverhandlungen mehrfach schlaue Mitarbeiterinformationen verschickt. Nachdem die Mitarbeiter die gelesen hatten, waren sie immer richtig angejuckt. Wir haben alleine in Brandenburg an der Havel zwischen 90 und 100 neue Mitglieder bekommen. In Lübben und Teupitz wird der Effekt ähnlich gewesen sein. Die beiden kleineren Standorte Lübben und Teupitz haben erfahrungsgemäß zusammen etwa so viele ver.di-Mitglieder wie Brandenburg.

UZ: Asklepios hatte ja gegen euren Streik einiges an juristischen Geschützen aufgefahren. Hat das die Kolleginnen und Kollegen darin bestärkt, weiter zu streiken?

André Sandner: Ich denke schon. Das haben sie als absolute Frechheit empfunden. Der Arbeitgeber wollte in allen Bereichen einen Notdienst abgesichert haben, auch in den Tageskliniken und auf Stationen, die er aus Personalmangel selber geschlossen hatte.

Die Notdienstbesetzung sollte nach den Vorstellungen von Asklepios teilweise über der Besetzung liegen, die sie selbst im Regelbetrieb vorhalten. Das hat schon für Verwunderung gesorgt, gelinde gesagt. Es hat die Mitarbeiter zusätzlich motiviert, zu streiken. Daran konnten vom Arbeitgeber ausgelobte Streikbrecherprämien nichts mehr ändern.

UZ: Asklepios hat in Brandenburg ja einige Probleme. Durch die schlechte Bezahlung im Vergleich zu anderen Kliniken vor Ort bleiben viele offene Stellen unbesetzt. Dazu kommt die recht hohe Altersstruktur. Wenn die Krankenhäuser in der Umgebung immer noch deutlich besser bezahlen als Asklepios, wird die Personalsituation nicht besser.

André Sandner: Die Ursache für die nicht besetzten Stellen liegt nicht nur in der Bezahlung. Viele notwendige Stellen will Asklepios gar nicht besetzen. Die Erklärung „Wir finden ja niemanden“ muss dann herhalten. Aber wer nicht wirklich sucht, wird auch nicht finden.

Der Tarifabschluss ändert nichts daran, dass umliegende Krankenhäuser besser bezahlen. Wir werden vielleicht einige jüngere Mitarbeiter gewinnen können, die hier gelernt haben oder im städtischen Klinikum, aber bei Einsätzen bei uns das gute Arbeitsklima gesehen haben. Geld ist das eine, das Arbeitsklima ist das andere. Geld ist eben nicht immer alles. Ich rechne uns aber weiterhin keine großen Chancen aus, Mitarbeiter zu einem Wechsel zu uns zu bewegen, die 15, 20 oder 25 Jahre Berufserfahrung mitbringen.

UZ: Wie ist denn jetzt nach dem Abschluss die Stimmung unter deinen Kolleginnen und Kollegen?

André Sandner: Die große Mehrheit derer, die hier bei der Urabstimmung waren, sind ganz zufrieden mit dem Abschluss und haben die Tarifkommission dafür gelobt. Viele sagen ausdrücklich, dass sie nicht damit gerechnet haben, dass wir am Ende da landen, wo wir jetzt gelandet sind. Es gibt natürlich auch den einen oder anderen, der das Ergebnis kritisch sieht. Ich habe jedem ver.di-Mitglied – und nur für die haben wir verhandelt – angeboten, sich in der nächsten Tarifrunde in der Tarifkommission zu engagieren und es besser zu machen. Potentiale muss man schließlich nutzen!

Wir haben auch Kollegen, da bin ich mir nicht so ganz sicher, ob die lesen und rechnen können. Wenn man immer nur das Schlechte sehen will, kann man das natürlich. Ich sehe das anders. Das Glas ist nicht halb leer, sondern es ist halb voll.

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"Mehr war nicht drin", UZ vom 24. Dezember 2021



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