Russische Sportler dürfen an den Winterspielen teilnehmen

Neutral: Dress und Flagge

Von Nina Hager

Wenn am 9. Februar die 23. Olympischen Winterspiele in der südkoreanischen Stadt ­Pyeongchang eröffnet werden, wird bei der Eröffnungsfeier keine russische Olympiamannschaft in das Stadion einziehen. Das beschloss das IOC in der vorigen Woche. Einen Ausschluss aller Wintersportler des Landes wegen angeblichen „Staatsdopings“, der auch hierzulande von einigen vehement gefordert wurde, wird es jedoch nicht geben.

Russische Sportler dürfen – im neu­tralen Dress, unter neutraler Flagge – an den Spielen teilnehmen. „Aus meiner Sicht ist das IOC mit dieser Entscheidung in den Grenzbereich dessen vorgestoßen, was juristisch haltbar ist“, erklärte der Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann. Der deutsche Eishockey-Präsident Franz Reindl ist froh, dass es keine Kollektivbestrafung gegeben hat. „Das ist das bestmögliche Urteil, aber es ist auch ein sehr hartes Urteil“, so Reindl. So sehen das auch einige andere Funktionäre, Politiker und manche Sportler. Andrea Gotzmann (Vorstandsvorsitzende Nationale Anti Doping Agentur) erklärte: „Die Entscheidung ist ein klares Signal für den sauberen Sport. Das IOC hat umfangreiche Maßnahmen erarbeitet. Die Entscheidung stellt einen Wendepunkt mit einer deutlichen Aussage des IOC für faire Wettbewerbe dar: Doping wird nicht toleriert. Von Zufriedenheit kann man aber nicht sprechen. Es ist traurig, dass eine solche Entscheidung notwendig war. Wir müssen unsere Arbeit nun noch weiter intensivieren für die Chancengleichheit aller Athletinnen und Athleten.“ Andere sind über die IOC-Entscheidung enttäuscht, wütend und fordern ein weit härteres Vorgehen.

Die Teilnahme russischer Sportlerinnen und Sportler in Pyeongchang ist natürlich nur möglich, wenn sie sich wie andere regelmäßig Dopingkontrollen unterzogen haben und nicht vorher des Dopings überführt wurden. Doch Doping bleibt, unter anderem wegen des ständigen Leistungsdrucks, teilweise fehlender oder von „Leistungen“ abhängiger staatlicher Unterstützung und der sich immer mehr ausweitenden Kommerzialisierung im Spitzensport, ein weltweites Problem.

Mittlerweile wurden jedoch vom IOC bereits über zwei Dutzend russische Sportlerinnen und Sportler lebenslang von Olympischen Spielen ausgeschlossen. So beispielsweise auch der russische Bobfahrer Alexander Kasjanow, der in Sotschi im Zweier- und Viererbob jeweils den vierten Platz belegt hatte und sich in diesem Winter zumindest im Zweierbob Medaillenchancen ausrechnete. Er und drei seiner Teammitglieder wurden Ende November vom IOC suspendiert. Suspendiert wurden neben Bobfahrern bislang auch Skeletonfahrer, Biathletinnen und Langläufer. Weitere Sportlerinnen und Sportler könnten folgen. Alle betroffenen Sportlerinnen und Sportler haben ein Klagerecht vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas). Eine Reihe von ihnen hat das bereits wahrgenommen. Unter ihnen die Olympiasieger von Sotschi Alexander Subkow (Bob), heute Trainer und Sportfunktionär, Alexander Legkow (Langlauf) und Alexander Tretjakow (Skeleton). Die Athleten beantragten eine Entscheidung bis zum Beginn der Winterspiele am 9. Februar. Doch die „Mühlen“ des Cas mahlen langsam. Eine Prüfung in jedem Einzelfall wird bis zur Eröffnung bzw. bis zum Starttermin der Wettkämpfe wohl kaum möglich sein.

Der Fall des russischen Bobfahrers Alexander Kasjanow, seiner Teamkollegen und der Skeletonfahrer ist dabei aus einem Grunde aufschlussreich: Zunächst hatte der internationale Bob- und Skeleton-Weltverband IBSF die Sperre auch für den laufenden Weltcup ausgesprochen, hob dann diese aber wieder auf. Kasjanow und andere starteten am vorigen Wochenende beim Weltcup in Winterberg. IBSF-Vizepräsident Andreas Trautvetter erklärte zur IBSF-Entscheidung: „Nach einer mündlichen Anhörung mussten wir feststellen, dass die Unterlagen der IOC-Oswald-Disziplinarkommission für eine Sperre nicht ausreichen.“ Die IOC-Suspendierungen erfolgten ohne Begründungen. Daher respektiert der Weltverband die Entscheidung des Gremiums, teilt sie aber – bislang – nicht. – Man wird sehen, ob nun die IOC-Oswald-Disziplinarkommission die nötigen ausführlicheren Unterlagen noch nachreicht oder nachreichen kann. Denn alle Anschuldigungen beruhen offensichtlich nur auf den Aussagen eines einzigen Kronzeugen, des früheren Leiters des Moskauer Anti-Doping-Labors, Rodschenkow, der mittlerweile in den USA lebt, und auf entsprechenden Listen. Positive Doping-Proben fehlen. Also damit auch der Einzelnachweis. Wenn es aber, wie die internationale Anti-Doping-Agentur WADA jüngst mitteilte, nun Daten direkt aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor gibt, sollte ein Einzelnachweis doch kein Problem sein. Oder? Die russische Seite bestreitet nach wie vor, dass es im Land ein staatlich gefördertes Dopingprogramm gibt.

Die „FAZ“ kommentierte am 1. Dezember im Zusammenhang mit den Suspendierungen und den bislang fehlenden Einzelnachweisen: „Fair ist das nicht.“

Neben der bereits erwähnten Entscheidung schloss das IOC zudem den ehemaligen Sportminister und heutigen Vize-Premier Witali Mutko lebenslang von den Olympischen Spielen aus. Pikant ist, dass Mutko Organisationschef der Fußball-WM ist, die im Sommer 2018 in Russland stattfinden soll. Zudem verhängte das IOC eine Geldbuße in Höhe von 15 Millionen US-Dollar, die dem Anti-Doping-Kampf zugute kommen soll. Diese Summe habe das Untersuchungsverfahren gekostet.

Nach dem Urteil des IOC ist in Russland der Unmut groß. Es wird als weitere Demütigung des Landes gesehen und – wie bereits die durch die EU und die USA verhängten Sanktionen auf anderen Gebieten – als politisch motiviert. Und diese Vermutung dürfte begründet sein.

Übrigens hatte Russlands Präsident Putin in der vorigen Woche den eigenen Athleten freigestellt unter neutraler Flagge in Südkorea zu starten. Doch ein Boykott ist immer noch möglich.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Neutral: Dress und Flagge", UZ vom 15. Dezember 2017



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