Was sind noch Nachrichten, was ist schon Propaganda? Das fragen wir uns regelmäßig an dieser Stelle. Doch inwiefern hat das Nicht-Berichten, also das Unterschlagen von Informationen, Propagandacharakter? Oder die Kombination von Unterschlagung und falscher Einordnung? Schauen wir uns den 22. Juni im „Deutschlandfunk“ an.
Um einen Einwand vorwegzunehmen: Natürlich hört niemand nonstop Radio und bekommt alle Programmteile mit – aber wer dank Verkehrschaos achteinhalb Stunden mit dem Auto von Potsdam ins Ruhrgebiet braucht, bekommt schon einen guten Überblick über das Programm und seine Intention.

Wovon das tägliche Geschichtsformat „Kalenderblatt“ des „Deutschlandfunks“ am 22. Juni 2026 handelt, dürfte eigentlich gesetzt sein. Aber vom Überfall auf die Sowjetunion ist am 85. Jahrestag nichts zu hören. Stattdessen gibt es die Entdeckung einer mittelalterlichen Moorleiche in Schweden vor 90 Jahren. Aha.
Und in den Nachrichten? Berichte über Gedenkstunden im Bundestag? Über salbungsvolle „Nie wieder“-Reden des Bundespräsidenten? Kranzniederlegungen der Parteispitzen? Fehlanzeige. Aber – das muss man dem „Deutschlandfunk“ zugutehalten – da gab es auch nichts zu berichten.
Stattdessen berichtet man über die Aberkennung und das Zurücksenden des polnischen „Ordens des weißen Adlers“. Den darf Wladimir Selenski nicht behalten, weil er eine ukrainische Armeeeinheit als „Helden der UPA“ geehrt hatte. Die in der heutigen Ukraine übliche Faschistenverehrung, könnte man meinen, aber diesmal stört sich Polen daran. Aus gutem Grund, schließlich hatte die „Ukrainische Aufstandsarmee“ (UPA) der „Organisation ukrainischer Nationalisten“ auf der Seite der deutschen Faschisten gekämpft und 100.000 polnische Zivilisten getötet.
Der „Deutschlandfunk“ macht daraus nun eine „Partisanenorganisation“, die für viele Ukrainer für „einen aufrechten Kampf gegen die Sowjetunion“ stehe, mit dem kurzen Nachsatz, dass die Einheit auch „schwere Massaker“ verübt habe. In der Berichterstattung über die „Orden-Affäre“ schwingt vor allem eins mit: Verständnis für die Benennung einer Armee-Einheit nach faschistischen Schergen, schließlich habe die ja gegen „den Russen“ gekämpft. Es wird nicht mehr lange dauern, bis man uns in diesem Land zu erzählen versucht, die Wehrmacht habe keine andere Chance gehabt, sonst hätte die Sowjetunion Deutschland zuerst überfallen. Es ist eine Schande, aber keine Überraschung, schließlich ist die Faschistenverehrung in der Ukraine Alltag in der Kriegspropaganda.
Mit einer kleinen Recherche hätte die Nachrichtenredaktion des „Deutschlandfunks“ übrigens auf eine Tatsache stoßen können, die zum Nachdenken hätte anregen können: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die faschistische UPA von der CIA mit Waffen beliefert, um ihren Terror gegen die Sowjetunion fortzusetzen. Egal, wie viele Leben dieser Terror kostete. Ein Schelm, wer Parallelen zu heute entdeckt. Oder wer nachdenkt.
Aber so hören wir nichts über das, was am 22. Juni 1941 begann. Kein Wort zur barbarischen Menschenverachtung des „Unternehmens Barbarossa“, kein Wort zum „Ostlandplan“, kein Wort zu 27 Millionen Opfern des deutschen Faschismus in der Sowjetunion. Aber man muss halt geschichtsvergessen sein, um einen neuen Ostlandritt vorzubereiten.









