Für Tokio droht der Ausschluss aller russischen Leichtathletinnen und -athleten

Ohne russisches Team?

Nicht der Boykott der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, sondern die Verweigerung eines Ankerplatzes vor der kalifornischen Küste für den „Doping-Kreuzer Scholochow“ sei der Grund gewesen, warum es kein sowjetisches Team bei den Olympischen Spielen in Los Angeles 1984 gab, behauptete kürzlich die FAZ und beruft sich auf den „früheren Chef des Moskauer Anti-Doping Labors“ Grigorij Rodtschenkow. Die Botschaft ist klar: Staatsdoping hat eine lange Geschichte in Russland. Und da es sich eben in guter sowjetischer Tradition um staatlich organisiertes Doping handelt, müssen offenbar alle russischen Sportlerinnen und Sportler bestraft werden.

Nach Pyeongchang 2018 wird es auch in den nächsten vier Jahren kein russisches Team bei Olympia geben. Nur „neutrale Athleten“. Russland bleibt auch für die die Fußball-WM 2022 in Katar suspendiert. Gleiches gilt auch für Weltmeisterschaften von Sportarten, die den Code der internationalen Anti-Doping-Agentur Wada unterschrieben haben sowie für die ganz großen „Sportevents“. Russland darf solche Wettbewerbe auch nicht ausrichten oder sich um sie bewerben, russische Regierungsvertreter und Sportfunktionäre solche nicht besuchen. Das Wada-Exekutivkomitee bestätigte Anfang Dezember 2019 die Empfehlung der unabhängigen Prüfkommission CRC wegen „fortgesetzten Staatsdopings“ in Russland.

Prompt gab es Kritik – auch aus den USA und Deutschland – an dieser Entscheidung: Sie wäre zu lasch. Aus Russland kam dagegen der Vorwurf „antirussischer Hysterie“. Ministerpräsident Medwedjew nannte den Ausschluss von Olympischen Spielen gegenüber der Agentur „Interfax“ Teil einer gegen das Land gerichteten Kampagne. Er räumte jedoch ein, dass Russland „erhebliche Probleme“ mit Doping habe: „Ich kann das nicht leugnen.“ Ein Bewusstsein dafür, wie ernst die Situation ist, gibt es aber offenbar auch in der russischen Führung nicht, sonst hätte man schon lange konsequent gehandelt.

Nun könnte es passieren, dass russische Sportlerinnen und Sportler in der Leichtathletik in Tokio gar nicht antreten dürfen. Denn Mitte März hatte der internationale Leichtathletik-Dachverband beschlossen, bei den Olympischen Spielen in Tokio lediglich zehn russische Leichtathleten als neutrale Sportler starten zu lassen. Diese Entscheidung sei unter anderem eine Reaktion auf „Vertuschungen“ der russischen Seite im Fall des Hochspringers Danil Lyssenko. Der Hallen-Weltmeister von 2018, der noch bei den Weltmeisterschaften in London im Jahr 2017 als „neutraler Athlet“ starten durfte, weil er sich einem vom Weltverband als vertrauenswürdig erachteten Kontrollsystem unterworfen hatte, habe sich über zwölf Monate lang Dopingkontrollen entzogen. Das ist ein Verstoß gegen die Anti-Doping-Bestimmungen. Wie im Fall des US-amerikanischen Sprint-Weltmeisters von 2019, Christian Coleman, der gleichfalls drei Kontrollen in 12 Monaten verpasste. Im September 2019 stellte aber die US-Anti-Doping-Agentur USADA mit Billigung der Wada das Verfahren gegen ihn ein. Wegen der angeblichen falschen Datierung einer der Kontrollen.

Wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Coleman wurde durch die USADA „entlastet“. Im Fall von Lyssenko soll die damalige Führung des russischen Verbandes (Rusaf) aber laut offizieller Berichte das Ganze mit Hilfe von gefälschten ärztlichen Attesten zu vertuschen versucht haben. Wegen dieser und anderer Verfehlungen sollte der russische Verband nun bis zum 1. Juli zudem eine Strafe zahlen. Doch es wurde offenbar nicht gezahlt. Nun kann es passieren, dass in Tokio überhaupt keine russischen Leichtathletinnen und -athleten starten dürfen – unabhängig davon, ob sie nicht in Russland, sondern in anderen Ländern trainieren, regelmäßig ihre Dopingkontrollen wahrnahmen und auch sonst die Auflagen des Internationalen Dachverbandes und des IOC erfüllten. Ist das eine Entscheidung für „sauberen Sport“? Oder gab es Druck?

Gegenüber der Wada gibt es offensichtlich Druck. Ende Juni schlug laut „FAZ“ das Büro für die Nationale Drogenkontrollpolitik in einem Bericht an den US-Kongress vor, die Überweisung der USA von jährlich 2,7 Millionen Dollar an die Wada zu streichen oder stark zu kürzen. Die Wada sei nicht unabhängig genug. Und man wolle eine „angemessene“ Stimme „bei der Entscheidungsfindung der Wada“. Gemeint war laut „FAZ“ wohl vor allem „der Umgang mit dem russischen Staats-Doping“. Doch im eigenen Land hatte und hat man nicht nur diverse Dopingfälle – auch von Goldmedaillengewinnern bei Olympischen Spielen – vorzuweisen. Profi-Ligen und Collegesport unterwerfen sich erst gar nicht den internationalen Regeln der Wada.

Über die Autorin

Nina Hager (Jahrgang 1950), Prof. Dr., ist Wissenschaftsphilosophin und Journalistin

Hager studierte von 1969 bis 1973 Physik an der Humboldt-Universität in Berlin. Nach dem Abschluss als Diplom-Physikerin wechselte sie in das Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeite bis zur Schließung des Institutes Ende 1991 im Bereich philosophische Fragen der Wissenschaftsentwicklung. Sie promovierte 1976 und verteidigte ihre Habilitationsschrift im Jahr 1987. 1989 wurde sie zur Professorin ernannt. Von 1996 bis 2006 arbeitete sie in der Erwachsenenbildung, von 2006 bis 2016 im Parteivorstand der DKP sowie für die UZ, deren Chefredakteurin Hager von 2012 bis 2016 war.

Nina Hager trat 1968 in die SED, 1992 in die DKP ein, war seit 1996 Mitglied des Parteivorstandes und von 2000 bis 2015 stellvertretende Vorsitzende der DKP.

Hager ist Mitherausgeberin, Redaktionsmitglied und Autorin der Marxistischen Blätter, Mitglied der Marx-Engels-Stiftung und Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin.

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"Ohne russisches Team?", UZ vom 7. August 2020



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