Demonstration fordert Gerechtigkeit für Mouhamed Dramé

Pfefferspray, Taser, Maschinenpistole

Am 8. August jährt sich der Todestag von Mouhamed Lamine Dramé zum ersten Mal. Der Solidaritätskreis Justice4Mouhamed erinnert mit einem Aktionsmonat und einer bundesweiten Demonstration an den jungen Geflüchteten, der in Dortmund von Polizisten erschossen wurde. UZ sprach mit William Dountio, dem Sprecher der Initiative, über die Tat, die Folgen und den geplanten Protest.

UZ: Was genau ist vor einem Jahr passiert, als Mouhamed zu Tode kam?

William Dountio: Mouhamed Lamine Dramé war ein sechzehnjähriger unbegleiteter Geflüchteter aus dem Senegal, der erst zwei Tage zuvor in Dortmund angekommen war. Er hatte am Tag zuvor versucht, in einer Klinik des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe medizinische Hilfe zu bekommen, was leider nicht funktioniert hat. Leider wurde er abgewiesen. Am Tag seines Todes befand sich Mouhamed in einer psychischen Ausnahmesituation. Er hatte angekündigt oder den Eindruck vermittelt, er könne Gewalt gegen sich selbst anwenden. Mouhamed befand sich zu der Zeit in einer Jugendeinrichtung in der Dortmunder Nordstadt. Ein Mitarbeiter informierte die Polizei, die mit zwölf Beamtinnen und Beamten anrückte. Nach einer Ansprache, die er nicht verstehen konnte, kam es zu dem verheerenden Einsatz. Zu diesem Zeitpunkt saß er am Boden und war für niemanden, außer vielleicht für sich selbst, eine Gefahr. Erst kam das Pfefferspray, kurz darauf der Taser und nur sieben Sekunden später der Einsatz der Maschinenpistole. Mouhamed wurde von fünf Schüssen getroffen und starb daran. Als er blutend auf dem Boden lag, wurden ihm noch Handschellen angelegt. Der Einsatz des Pfeffersprays brachte Mouhamed dazu, sich zu bewegen, aber die Behauptung, er wäre eine Gefahr für die Polizei oder aggressiv gewesen, ist heute durch die Ermittlungen widerlegt.

UZ: Es gab relativ schnell Proteste gegen den Polizeieinsatz. Wie kam das zustande?

William Dountio: Die Nachricht vom tödlichen Polizeieinsatz verbreitete sich schnell auf allen möglichen Wegen im Viertel und darüber hinaus über Gespräche und soziale Medien. Am Anfang wussten wir gar nicht genau, was da passiert war. Wir kannten auch Mouhameds Namen noch nicht. Wir wussten nur, dass ein junger Mensch zu Tode gekommen ist, auch die Herkunft war uns unbekannt. Es war aber klar, dass es eine öffentliche Reaktion geben musste. Daher haben wir uns versammelt und zuerst Informationen gefordert. Wir skandierten „Say his name!“ und wollten die genauen Umstände erfahren. Ich fand es sehr beeindruckend, wie viele Menschen in kürzester Zeit zusammenkamen, um ihre Solidarität und Betroffenheit zu zeigen.

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UZ: Recht zügig wurden Ermittlungen angekündigt, aber es gab auch eine sehr zugespitzte Berichterstattung. Wie bewerten Sie das?

William Dountio: Teile der Medien haben direkt darüber spekuliert, ob Mouhamed unter dem Einfluss von Drogen gestanden hätte. Andere mutmaßten, er sei stark alkoholisiert gewesen. Dafür gab es keine konkreten Anzeichen. Auch die erste Pressemitteilung der Polizei nach dem tödlichen Einsatz war nicht hilfreich. Heute ist zweifelsfrei bewiesen, dass nichts davon stimmte. Das belegen gerichtliche Gutachten. Aber durch diese Teile der Medien und aus Teilen der Politik wurden die Beamtinnen und Beamten pauschal verteidigt. Die Behauptungen konnten widerlegt werden. Zu den Ermittlungen ist zu sagen, dass der zuständige Staatsanwalt Carsten Dombert sehr schnell signalisiert hat, dem Todesfall von Mouhamed ernsthaft nachzugehen, was wir sehr positiv finden. Beides war auch der Familie von Mouhamed wichtig, die sich im Ausland befindet und natürlich alles in tiefer Trauer um ihren Sohn und Bruder verfolgt hat.

UZ: Wie ist denn der aktuelle Stand des Verfahrens? Wann ist mit dem Beginn des Prozesses zu rechnen?

William Dountio: Einen Termin für den Prozessbeginn gibt es noch nicht. Natürlich wollen wir, dass der Prozess zeitnah startet und fragen regelmäßig über unsere Anwältin nach. Derzeit sind fünf Beamtinnen und Beamte angeklagt. Dem Schützen mit der Maschinenpistole wird Totschlag vorgeworfen. Die drei Polizistinnen und Polizisten, die Reizgas und Taser verwendet haben, werden wegen Körperverletzung angeklagt. Der Einsatzleiter muss sich wegen Anstiftung zur gefährlichen Körperverletzung verantworten.

UZ: Glauben Sie, dass die umfangreiche Berichterstattung und die Ermittlungen auch eine Folge des starken Protestes sind, der sehr zügig eingesetzt hat?

William Dountio: Ja, das nehmen wir genauso wahr. Sonst hätte es diese umfangreiche und später auch kritische Berichterstattung wohl kaum in dieser Form gegeben. Polizeiexperten wie Raphael Behr haben uns das auch bestätigt. Es haben sich sehr schnell Menschen zusammengefunden, um gegen den tödlichen Einsatz zu protestieren, und nicht mehr lockergelassen. Durch die verschiedenen Proteste wie auch die bundesweite Demonstration im vergangenen Jahr blieb das Thema in der Öffentlichkeit. Dort fanden sich verschiedene Gruppen und Netzwerke zusammen, die sich gegen Rassismus und Polizeigewalt engagieren, und demonstrierten vom Dortmunder Hauptbahnhof über die Nordstadt bis ins Zentrum. Das war ein starkes Zeichen.

UZ: Sie erwähnten auch die Familie von Mouhamed. Stehen Sie weiter in Kontakt?

William Dountio: Wir haben, so schnell es ging, Kontakt zur Familie gesucht und uns verständigt. Natürlich ist die Familie in tiefer Trauer über den Verlust ihres Sohnes und Bruders. Die größte Sorge der Familie war, dass die Solidarität relativ schnell abebben würde. Dass dies nicht so gekommen ist, ist absolut positiv für sie. Die Solidarität an vielen Orten hält weiter an. Die Familie will auch den Prozess besuchen. Sie fordert Gerechtigkeit für Mouhamed und will den Personen gegenübertreten, die ihr Familienmitglied getötet haben.

UZ: Im August werden rund um den Todestag von Mouhamed Lamine Dramé zahlreiche Aktivitäten stattfinden. Was plant Ihr Solidaritätskreis, um zu erinnern und den politischen Druck aufrecht zu erhalten?

William Dountio: Wir veranstalten in Zusammenarbeit mit verschiedenen Initiativen einen ganzen Aktionsmonat, der schon im Juli begonnen hat. Es wird viele Veranstaltungen rund um Polizeigewalt und Rassismus geben. Dazu gehört eine Mahnwache am Todestag unter dem Motto „Ein Jahr nach den Schüssen – Nordstadttalk und Erinnern an Mouhamed“. Dort wollen wir Mouhameds gedenken und sein Leben mit Redebeiträgen, Bildern und anderen Mitteln nachzeichnen und feiern. Am darauffolgenden Samstag findet dann die zweite bundesweite Demonstration unter dem Motto „Es gibt 1.000 Mouhameds“ statt. Es werden wieder zahlreiche Netzwerke und Solidaritätsgruppen anreisen, denn es gibt ja auch zahlreiche andere Fälle. Bei der Demonstration und den vielen Aktivitäten ist es uns wichtig, dass sie friedlich und störungsfrei ablaufen. Alle Personen, die anreisen, darunter auch Betroffene und Geflüchtete, sollen sich zu jeder Zeit sicher fühlen können, wenn wir gemeinsam auf die Straße gehen und für Gerechtigkeit demonstrieren.

Aktuelle Informationen zu geplanten Aktionen gibt es auf der Homepage des Solidaritätskreises.

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"Pfefferspray, Taser, Maschinenpistole", UZ vom 4. August 2023



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