„Die Professorin“ bei Netflix

Schöne woke Welt

200 Millionen US-Dollar zahlte Netflix für einen Deal über mehrere Filme und Serien mit den „Game of Thrones“-Produzenten D. B. Weiss und David Benioff – dabei unter anderem eine Adaption von Liu Cixins „Die drei Sonnen“. Der Auftakt dieser Zusammenarbeit ist mit „Die Professorin“ unerwartet – und beginnt leider direkt mit schlechtem Slapstick. Ji Yoon Kim wird Leiterin (im Englischen „chair“, deutsch: Stuhl, auch der Originaltitel der Serie) des Englischen Seminars an einer US-amerikanischen Universität. Sie ist die erst Frau, die erste Person of Colour, mit Mitte 40 sogar eine der ersten halbwegs jungen Personen mit dem Job. In der ersten Folge steht sie strahlend in ihrem neuen Büro, setzt sich – und fällt – Tadah! – vom kaputten Stuhl. Da hat man bei „Game of Thrones“ mehr gelacht.

Kim, gespielt von Sandra Oh, die aus „Greys Anatomy“ reichlich Erfahrung im fröhlich-besorgten Seriengenre mitbringt, hat neben der komplizierten Aufgabe im Institut noch einen konservativen koreanischen Vater an der Backe und eine Adoptivtochter mit mexikanischen Wurzeln, die anscheinend – trotz ihres zarten Alters von ungefähr acht – davon träumt, Menschen zu ermorden, Genaueres erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht, aber weil die von ihr gemalten Zeichnungen das Schrecklichste sind, was die Schule je gesehen hat, muss sie zum Seelenklempner.

Im Institut geht derweil alles drunter und drüber. Alt gegen Jung, „Amerikanische Literatur von 1830 bis 1918“ gegen „Sex und der Roman“, und alles nur wegen des Geldes. Das Englische Seminar ist in der Krise, weil sich zu wenig Studentinnen und Studenten einschreiben – in den USA bedeutet jeder und jede von ihnen bares Geld.

Sexismus und Rassismus im US-amerikanischen Hochschulwesen werden in der Serie auf die dämlichste Art thematisiert, die man sich vorstellen kann. Junge (schwarze) Frauen haben ein Recht darauf zu fordern, nicht ausschließlich von weißen alten Männern unterrichtet zu werden. Sie haben ein Recht darauf, dass es keine Nazis an der Uni gibt. Wenn der Nazi in der Serie aber ein Dozent ist, der im Seminar mit einem ironischen Hitlergruß ins Thema Faschismus einleitet und danach zum Trend in den sogenannten sozialen Medien wird und die schwarze Dozentin, der eine Festanstellung verweigert wird, einfach zur viel renommierteren Elite-Uni Yale geht und dort auch noch besser verdient, dann ist das an der Realität von Kämpfen um Gleichberechtigung vorbei. Einmal klingt bei Weiss und Benioff an, wo das wahre Problem liegt. Sie lassen eine der Protagonistinnen sagen, woher diejenigen, die das Institut gründeten,und deren Nachfahren die Kohle haben, die sie heute an ihre Alma Mater spenden: Aus Baumwolle und Eisenbahnen, erwirtschaftet auf dem Rücken von Schwarzen und Asiaten. Dass deren Nachfahren in der Mehrheit bis heute nicht das Geld haben, um eine Universität von Innen zu sehen, bleibt unerwähnt. Aber sich um das Schicksal von Arbeiterkindern zu kümmern ist auch nicht die Aufgabe von Identitätspolitik und woken Filmen. Hauptsache, es sieht schön divers aus.


Die Professorin
1 Staffel, 6 Folgen
Mit Sandra Oh, Holland Taylor, Jay Duplass und Nana Mensah
Abrufbar auf Netflix


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Über den Autor

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Schöne woke Welt", UZ vom 3. September 2021



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