Zur Rede Wladimir Putins auf dem Treffen des Waldai-Klubs

So wie es ist, bleibt es nicht

Während der Kollektive Westen zumindest propagandistisch dabei ist, den Krieg in der Ukraine zu gewinnen, diskutieren andere schon die möglichen Konsequenzen. Das erinnert an den 2. Weltkrieg, den das Goebbels-Ministerium auch immer gewann – bis die rote Fahne auf dem Reichstag wehte. Dabei hatten die Verhandlungen über die Nachkriegs-Weltordnung schon Jahre zuvor in Teheran begonnen.
Ähnliches nun auch in Moskau. Und ähnlich der umwälzenden Ereignisse der ersten Hälfte des 1940er-Jahrzehnts erscheinen die Ereignisse der 2020er-Jahre nicht nur dem russischen Präsidenten „zu einem gewissen Maße revolutionär“.

Die Rede von Wladimir Putin bei dem diesjährigen Treffen des Waldai-Klubs war, dem Anlass und Auditorium entsprechend, wesentlich reflektierter und gesellschafts- und geschichtsphilosophischer angelegt als sonst bei ihm üblich. Hier bezog er sich explizit auf Lenins Charakterisierung einer revolutionären Situation; in der verkürzten Version als eine Lage, „in der die Herrschenden so nicht mehr weiter können und die Beherrschten so nicht mehr weiter wollen“. Diese Situation hat sich – im globalen Maßstab – immer mehr verfestigt. Putins Rede war eine Absage an jede Form globalen Dominanzanspruchs. Es gehe nicht darum, die niedergehende Weltmacht durch eine neue, aufstrebende zu ersetzen.

Die Menschen Eurasiens, des Nahen und Mittleren Ostens und des Globalen Südens sind nicht erst seit gestern der Ausbeutung und Drangsalierung durch den Werte-Westen überdrüssig. Nur fehlte ihnen bislang die „kritische Masse“, das ökonomische und militärische Gewicht, um tatsächlich die neokolonialen Fesseln abwerfen zu können. Der Aufstieg der eurasischen Mächte Russland und China, die neoliberale Selbstruinierung des Westens und der Krieg Russlands gegen den von der gesamten NATO mit allen verfügbaren Mitteln unterstützen Front- und Vasallenstaat Ukraine haben die Lage komplett verändert. Die versteinerten Verhältnisse haben zu tanzen begonnen. Widerstand und Selbstbestimmung scheinen nun möglich.

Putins Rede war auch eine Absage an die „Globalisierung“ und „Kultur“ des Werte-Westens. „Globalisierung“ in diesem Kontext ist nichts anderes als die Expansion des angloamerikanischen finanzkapitalistischen Rentenanspruchs, der leistungslose Anspruch der Wall Street und der Londoner City auf einen großen Anteil des global erarbeiteten Mehrwertes. Der freie Handel, der freie Transit von Menschen, Waren und Finanzen ist durch die Sanktionspolitik des Kollektiven Westens immer mehr eingeschränkt, der Dollar ist in eine Waffe verwandelt. Geld, Gold und ganze Tankerladungen von Öl wurden auf offener Bühne geraubt. Es ist ein Abschied von einer finanzkapitalistisch-mafiösen Degeneration der Globalisierung.

Ebenso ist Putins Absage an den globalen Kulturanspruch des Werte-Westens vor allem eine Absage an seine Dekadenz und seine Umformung zu einer Waffe des Überlegenheitsanspruchs. So sei die umfassende „Cancel-Kultur“ im Kern ein Widerruf von Tschaikowski, Puschkin und Dostojewski, der Spitzen des europäischen Geistesschaffens, zu dem die westlich-liberalen Ideologen herabgesunken seien. Die Nazis hätten Bücher verbrannt, nun „cancelt“ man alle freien Gedanken in „Ökonomie, Politik und Kultur“. Simpel formuliert lässt sich Putin in etwa so zusammenfassen: Macht euren Kram, wie ihr wollt. Nur lasst uns damit in Frieden. Wir haben tausend-, teils mehrtausendjährige Kulturen und Traditionen. Und wir sind stolz darauf. Wir brauchen eure Belehrungen nicht.

Die Umwälzung der globalen Verhältnisse hat begonnen.

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"So wie es ist, bleibt es nicht", UZ vom 4. November 2022



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