Der Krieg in der Ukraine entfaltete sich schnell als Abnutzungskrieg, in dem monate- und jahrelang mit enormem Materialaufwand um wenige Kilometer gekämpft wird – bei zugleich massenhafter Verstümmelung und Vernichtung von Menschenleben. Nach unterschiedlichen Schätzungen gehen mittlerweile 70 bis 90 Prozent der Tötungen und Verwundungen auf den Einsatz unbemannter Systeme zurück. Während nach dem ersten Jahr des Krieges davon ausgegangen wurde, dass beide Konfliktparteien je etwa 10.000 Drohnen pro Monat verbraucht hätten, gehen die Schätzungen für die ukrainische Seite mittlerweile von etwa 5.000 bis 9.000 Stück pro Tag aus.
Damit entwickelt sich der Krieg zu einem Laboratorium für rapide technologische Innovation. Nahezu jeden Tag kommen neue Typen, Variationen und Fähigkeiten aufs Schlachtfeld und müssen sich beweisen. Das hatte der damalige ukrainische Minister für digitale Innovation und heutige Verteidigungsminister Mykhailo Fedorov bereits im ersten Jahr des Krieges genauso angekündigt: „Our big mission is to make Ukraine the world’s tech R&D lab.“ (Red.: „Unsere große Mission ist es, die Ukraine zum technologischen Forschungs- und Entwicklungszentrum der Welt zu machen.“) Wieder und wieder lud er westliche Rüstungsunternehmen ein, ihre Systeme im Krieg in der Ukraine zu testen und weiterzuentwickeln.
Flecktarn-Yuppies
Ein früher Akteur aus Deutschland, der diesem Aufruf folgte, war das Münchner Startup Quantum Systems. Bereits Anfang Mai 2022 – gute zwei Monate nach dem russischen Einmarsch – berichtete das ZDF, dass das Unternehmen Aufklärungsdrohnen ans ukrainische Militär liefere: „ein Auftrag, eingefädelt über den ukrainischen Konsul in München, bestellt und bezahlt von ukrainischen Oligarchen, genehmigt von deutschen Behörden“. CEO und Aushängeschild Florian Seibert gab dort im Interview an: „Ja, natürlich verdienen wir am Krieg. Es ist aber auch so, dass Quantum viele, viele Millionen investiert hat. Und es ist noch nicht so, dass da Geld zurückfließt.“ Das dürfte sich zwischenzeitlich geändert haben.
Im Januar 2023 gab das Unternehmen bekannt, eine zweite Marge von 105 weiteren Aufklärungsdrohnen des Typs „Vector“ an die Ukraine zu liefern – finanziert diesmal aus dem deutschen Bundeshaushalt. Im April eröffnete das Berliner Startup dann im Beisein des damaligen deutschen Wirtschaftsministers gleich eine eigene Drohnenfabrik mit eigenem „Entwicklungshub“ in der Ukraine selbst. Zwischenzeitlich hatte „Forbes Austria“ Seibel als „Mann für die Zeitenwende“ porträtiert. Das Magazin berichtete vom „Pitch seines Lebens“ kurz vor Weihnachten auf einem Luxusanwesen des extrem rechten Investors und Palantir-Gründers Peter Thiel in Beverly Hills. Mit dem Kapital Thiels gründete Seibel dann ein zweites, diesmal explizit auf Rüstung ausgerichtetes Startup: Stark Defence mit offiziellem Sitz im Regierungsviertel Berlins. Mittlerweile konnten beide Unternehmen auch einflussreiche Personen aus Politik und Wirtschaft rekrutieren, darunter der ehemalige SPD-Abgeordnete (im Verteidigungsausschuss) Johannes Arlt, der mittlerweile Senior Vice President bei Stark ist.
Hinsichtlich des geschätzten Marktwerts und der politischen Strahlkraft werden Stark und Quantum Systems jedoch weiterhin vom Platzhirsch Helsing übertroffen, einem Startup, das erst 2021 gegründet wurde und heute nicht nur als deutschlandweit wertvollstes Startup-Unternehmen, sondern auch als europäischer Spitzenreiter gilt. Gründer, CEO und Aushängeschild des Unternehmens ist Gundbert Scherf, ein ehemaliger Mitarbeiter von McKinsey, der im Rahmen der sogenannten „Berateraffäre“ von der damaligen Bundesverteidigungsministerin und heutigen EU-Kommissarin Ursula von der Leyen (CDU) ins Bundesverteidigungsministerium (BMVg) geholt wurde. Im Anschluss gründete er Helsing und konnte daraufhin erstaunlich schnell große Aufträge für militärische KI-Anwendungen aus dem BMVg verbuchen – darunter die Befähigung der deutschen Eurofighter zum elektronischen Kampf, also dem Verbergen der eigenen und der Aufdeckung feindlicher Emissionen im elektromagnetischen Spektrum. Neben den guten Kontakten ins Ministerium mag dabei hilfreich gewesen sein, dass Helsing bereits kurz nach der Gründung mit Robert Fink einen führenden Entwickler von Palantir als Technologie-Chef gewinnen konnte.
Mysteriöse Entscheidungen
Anfang April 2025 meldeten verschiedene Leitmedien: „Bundeswehr soll Angriffsdrohnen bekommen“ („tagesschau.de“), „Endlich bewaffnete Drohnen für die Bundeswehr“ titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und monierte ein „Jahrzehnt endlose(r) Debatten“. Beide Beiträge waren mit Bildern der Kamikazedrohnen HX-2 von Helsing illustriert.
Der Zeitpunkt war bemerkenswert. Tatsächlich war die Anschaffung bewaffneter Drohnen in Deutschland lange umstritten und Gegenstand kontroverser gesellschaftlicher und parlamentarischer Debatten. Die vermeintliche Entscheidung wurde dann aber kurz nach den Neuwahlen verkündet, während die alte Regierung noch kommissarisch im Amt war und sich das neue Parlament gerade erst konstituierte. Noch dazu ging es hier um Kamikazedrohnen mit einem hohen Grad an Autonomie, die potentiell in der Lage sind, Angriffe ohne menschliche Kontrolle durchzuführen. Verteidigungs- und Haushaltsausschuss, welche eine solche Entscheidung parlamentarisch bestätigen müssten, existierten zu dieser Zeit schlicht nicht. Über Monate (letztlich bis heute) blieb unklar, wer genau da eigentlich was beschlossen haben soll und damit eine langjährige kontroverse Debatte beendet hatte.
Erst im Februar dieses Jahres wurden vom Haushalts- und Verteidigungsausschuss Rahmenverträge mit Stark Defence und Helsing über die Lieferung von Kamikazedrohnen mit einem Gesamtwert von 4,4 Milliarden Euro vorgelegt und bewilligt. Konkret abgerufen wurden zunächst allerdings nur je rund 270 Millionen Euro für die Lieferung von etwa 5.000 Drohnen von Helsing und 2.000 von Stark. Weitere Abrufe in der Folgezeit erfordern laut angefügtem Maßgabebeschluss neue Entscheidungen des Bundestages, „wenn der Nachweis der abgeschlossenen Qualifikation und Serienreife erbracht“ wurde. Zuvor hatten verschiedene Medien berichtet, dass die betreffenden Systeme in Tests noch Mängel offenbart hätten.
Ein Jahr zuvor, am 13. Februar 2025, hatte Helsing eine Pressemitteilung veröffentlicht, die zwei Kernbotschaften hatte. Die erste, die den Titel der Meldung bestimmte, war die Aussage, dass Helsing 6.000 HX-2 Drohnen – bezahlt aus dem Bundeshaushalt – in die Ukraine liefern solle. Die zweite bestand darin, dass das Unternehmen eine erste sogenannte Resilience Factory (RF-1) in Süddeutschland in Betrieb genommen hatte und über den gesamten europäischen Kontinent verteilt den Aufbau weiterer solcher Fabriken plante, um „zehntausende Einheiten pro Monat herstellen zu können“. Es wurden also massenweise Produktionskapazitäten aufgebaut für einen Waffentyp, der zu jener Zeit zwar in großem Umfang in der Ukraine zum Einsatz kam (deren Anschaffung sich die Ukraine selbst aber gar nicht in diesem Umfang leisten kann), deren Einsatz durch die Bundeswehr zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht beschlossen war. Am Tag vor der Mitteilung Helsings hatte US-Präsident Donald Trump erstmals mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert und einen Waffenstillstand in der Ukraine in Aussicht gestellt.
Friedensangst
Helsing und Stark waren mit dem Aufbau ihrer Produktionskapazitäten ein großes Risiko eingegangen, mit dem sie die Politik unter Druck setzten. Wäre es zu einem Waffenstillstand in der Ukraine gekommen und hätte die Bundesregierung nicht selbst die Anschaffung in großem Maßstab ins Auge gefasst, hätten die beiden Leuchttürme unter den deutschen Rüstungs-Startups das vielleicht nicht überlebt – und manche Investoren hätten richtig viel Geld verbrannt.
Denn das rasante Wachstum der deutschen Rüstungs-Startups war keineswegs voraussetzungslos, wie zwei Publikationen von „Dealroom.co“, einer „Intelligence-Plattform“ für Risikokapitalinvestitionen, veranschaulichen. Die erste davon erschien im Februar 2025 in Kooperation mit dem NATO Innovation Fund – selbst eine Mischung aus Risikokapitalfonds und Agentur für die Mobilisierung privaten Risikokapitals für als interessant eingestufte Technologien und Startups. Aus der Publikation vom Februar 2025 geht unter anderem hervor, dass es in den zwei Jahren zuvor einen massiven Einbruch der Investitionen in den klassischen Feldern des Risikokapitals (Venture Capital, VC) gab. Investitionen in Fintech (Finanzdienstleistungen) waren demnach um 64 Prozent, jene in Immobilien um 62 Prozent und jene in Marketing um 59 Prozent zurückgegangen. Von den zwölf erfassten Feldern verzeichneten nur zwei über die vorangegangenen 24 Monate einen Zuwachs: Rüstung in einem weiteren Sinne um 30 Prozent und Robotik um 15 Prozent. In Europa hätten sich demnach die Risikokapitalinvestitionen in Rüstung über die letzten fünf Jahre verfünffacht und seien auch im Vorjahr – also 2024 – um 25 Prozent gestiegen.
In einer nachfolgenden Analyse vom September 2025 schätzte „Dealroom.co“, dass sich die VC-Investitionen in Rüstung (im engeren Sinne) in Europa gegenüber 2024 (1 Milliarde Euro) auf 2,3 Milliarden Euro mehr als verdoppeln würden. Das Wachstum ist demnach vor allem auf Investitionen in Deutschland und insbesondere München zurückzuführen. Gingen seit 2019 insgesamt 2,9 Prozent aller VC-Investitionen in Deutschland in die Rüstung, waren es seit 2024 bereits 10,7 Prozent. Das allermeiste Geld davon floss nach München und das meiste davon wiederum in Helsing – weit über 1 Milliarde Euro, die mit 6.000 HX-2 Drohnen ganz sicher noch keine Rendite abwerfen dürften.
Der „Drohnenwall“
Es war für die Startups und das dahinterstehende Risikokapital demnach von entscheidender Bedeutung – gerade vor dem Hintergrund eines sich abzeichnenden Waffenstillstands in der Ukraine – zumindest Aussichten auf weitere Absatzmärkte zu generieren. Da kam die vermeintliche Ankündigung zum Kauf von Kamikazedrohnen im April 2025 natürlich gerade recht.
Sie wurde dann auch von beiden Unternehmen genutzt, um Werbung für einen „Drohnenwall“ an der NATO-Ostflanke zu machen, bestehend aus zehntausenden Aufklärungs- und Kamikazedrohnen und einer sie koordinierenden Schwarmsteuerung. Die Presse griff diese Vision bereitwillig auf, wie auch die völlig unrealistische Behauptung, dies sei innerhalb eines Jahres realisierbar. Im September 2025 verkündete dann auch von der Leyen – Scherfs ehemalige Arbeitgeberin – die Einrichtung eines Drohnenwalls auf EU-Ebene. Wie viele Presseberichte framte sie diesen aufgrund der vorangegangenen Hysterie um „Drohnensichtungen“ in Deutschland und anderen EU-Staaten als Drohnenabwehr – obwohl es sich bei Kamikazedrohnen mit 100 Kilometern Reichweite zum Einsatz gegen Bodenziele an der Ostflanke um etwas völlig anderes handelt. Begleitet wurde die Debatte um Drohnenwall und Kamikazedrohnen von einer kampagnenartigen Berichterstattung in den deutschen Medien über die zu langsame Beschaffungsbürokratie – die gar ein Sicherheitsrisiko darstelle – und neue Gesetze zur Deregulierung der Rüstungsindustrie (etwa beim Bau- und Umweltrecht) und der Beschaffung (unter anderem mit dem Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz).
Nichts mehr zu retten?
Zusammengenommen ergibt sich folgendes Bild: Nachdem bereits 2024 massive VC-Investitionen in deutsche Rüstungs-Startups flossen und diese riesige Produktionskapazitäten aufbauten, verabschiedete der bereits abgewählte Bundestag eine Grundgesetzänderung, die Rüstungsausgaben unbegrenzt von der Schuldenbremse ausnahm. Das ermöglichte der EU-Kommissionspräsidentin (CDU) auch auf EU-Ebene, Rüstungsausgaben von der Schuldenbremse auszunehmen und das Programm „ReArm Europe“ auszurufen mit insgesamt 800 Milliarden für die Rüstung. Anschließend übernahm der neue CDU-Bundeskanzler die Führung dabei, das 5-Prozent-Ziel der NATO durchzusetzen und damit letztlich auch die anderen NATO-Staaten zur schuldenfinanzierten Hochrüstung zu drängen.
Obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch deutsche Politiker oder deren Familienmitglieder an Fonds beteiligt sind, die in Helsing & Co. investieren, kommt ein Großteil des VC-Kapitals nach wie vor aus den USA (und einigen weiteren Drittstaaten). Auf der „Cables of Resistance“ – Bewegungskonferenz gegen Big Tech, die am vorletzten Wochenende in Berlin stattgefunden hat – warnte die Whistleblowerin Lisa Ling auf einem Workshop zu Risikokapital und Militarisierung davor, dass Big Tech in den USA bereits die Kontrolle übernommen habe und das Land (zusammen mit Donald Trump) ruiniere. Hier sei nichts mehr zu retten. In Europa schickten sich aber nun einige Länder an, dieses Modell zu kopieren, und hier sei noch Zeit, die Dinge aufzuhalten. Einen ähnlichen Appell hatte bereits vor wenigen Monaten Francesca Bria in „Le Monde diplomatique“ veröffentlicht. Titel: „United States of Palantir“.
Unser Autor ist Mitarbeiter der Informationsstelle Militarisierung in Tübingen (IMI)









