Amazon hetzt von einer Verkaufsaktion zur nächsten

Streiken schützt die Gesundheit

Sie geben nicht auf: Kurz vor der Rabattaktion „Prime Day“ am 10. und 11. Oktober haben Amazon-Beschäftigte in mehreren Bundesländern die Arbeit niedergelegt. In Nordrhein-Westfalen hatte ver.di bereits für den 5. und 6. Oktober zu Streiks aufgerufen. Aus dem niedersächsischen Winsen (Luhe) bei Hamburg meldeten Beschäftigte eine hohe Streikbeteiligung. Rund 280 Beschäftigte – und damit die klare Mehrheit der Nachtschicht – hätten am Streik teilgenommen. ver.di fordert von Amazon weiterhin die Anerkennung der Flächentarifverträge des Einzelhandels und darüber hinaus einen Tarifvertrag „Gute und Gesunde Arbeit“.

Denn Amazon veranstaltet den „Prime Day“ bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr – und das geht auf die Gesundheit der Beschäftigten. Es handelt sich dabei um eine großangelegte Rabatt- und Werbekampagne des Onlinehändlers, der in der Vergangenheit für enorme Umsatzsteigerungen und viel Publicity gesorgt hat. Für die Beschäftigten bedeute der „Prime Day“ vor allem Druck und Hetze, kritisiert ver.di. Nach der Rabattaktion, die mit einem hohen Bestellaufkommen einhergeht, folge direkt im Anschluss das Weihnachtsgeschäft.

Und das soll wieder einmal groß werden: Amazon kündigte in der letzten Woche an, alleine in den USA 150.000 zusätzliche Arbeitskräfte für das Weihnachtsgeschäft einzustellen – oder für die „Lieferung eines großartigen Festerlebnisses“, wie es im Amazon-Sprech heißt. In Voll- und Teilzeit sollen die neuen Beschäftigten bei der Bewältigung der Paketflut eingesetzt werden. Amazon ist in den USA mit mehr als 1,5 Millionen Arbeitern bereits der zweitgrößte „Arbeitgeber“ des Landes.

Den neuen Arbeitskräften stellt der Konzern eine Festanstellung nach Weihnachten in Aussicht. Allerdings ist Amazon dafür bekannt, nur diejenigen fest einzustellen, die dem pausenlos extrem hohen Arbeitstempo und der stetigen hohen Belastung gewachsen sind. Das Weihnachtsgeschäft eignet sich hervorragend dafür, Arbeiter entsprechend auszusieben und nur diejenigen zu behalten, die dem Druck und der Arbeitshetze standhalten.

Als Monopolist fördert Amazon zudem die Konkurrenz unter den Beschäftigten und bekämpft jeden Versuch einer gewerkschaftlichen Organisierung, mag aber selbst keine Konkurrenz. Deshalb wählt der Konzern vor allem Standorte, an denen die Masse an verfügbaren Arbeitskräften groß ist und es wenig Beschäftigungsmöglichkeiten gibt. Wo es dennoch Konkurrenz um Arbeitskräfte gibt, lockt Amazon in diesem Jahr sogar mit einem Einstellungsbonus von 3.000 US-Dollar.

Außerhalb des Weihnachtsgeschäfts stellt Amazon sich offenbar darauf ein, dass die stetige Expansion an Schwung verlieren wird. Denn die hohe Inflation führt zu einem schnellen Rückgang der Kaufkraft. Wie unter anderem „amazon-watchblog.de“ berichtete, trennt sich der Konzern von bereits bestehenden Lagern und gibt Pläne für den Bau neuer Niederlassungen auf. 42 Standorte sollen demnach entweder geschlossen oder die Baupläne gestoppt werden. An weiteren 21 Standorten werde die Eröffnung verschoben. Auch Projekte in Europa seien betroffen, vor allem in Spanien.

Da das Geschäftsmodell von Amazon auf Expansion angelegt ist, werden Rabattaktionen wie der „Prime Day“ vor allem dazu genutzt, der Konkurrenz Marktanteile abzujagen. Dass der US-Konzern dabei die spitzen Ellbogen ausfährt, ist bekannt. Zwei Hebel hat Amazon bisher genutzt, um Kunden dauerhaft an sich zu binden: Sofortige Verfügbarkeit und Preisvorteile. Angesichts gestörter Lieferketten und Inflation setzt der Monopolist Produzenten sowie Händler, die auf der Amazon-Plattform verkaufen, stärker unter Druck, um seine Extra-Profite zu erhöhen. Und er wird weiter versuchen, aus den Beschäftigten alles herauszupressen – ohne Rücksicht auf deren Gesundheit.

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Über den Autor

Lars Mörking (Jahrgang 1977) ist Politikwissenschaftler. Er arbeitete nach seinem Studium in Peking und war dort Mitarbeiter der Zeitschrift „China heute“.

Mörking arbeitet seit 2011 bei der UZ, zunächst als Redakteur für „Wirtschaft & Soziales“, anschließend als Verantwortlicher für „Internationale Politik“ und zuletzt – bis Anfang 2020 – als Chefredakteur.

 

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"Streiken schützt die Gesundheit", UZ vom 14. Oktober 2022



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