Zum 100. Geburtstag von Fidel Castro

Verteidiger der Verdammten dieser Erde

Bald werde ich 90 Jahre alt, das hätte ich nie gedacht“, bemerkte Revolutionsführer Fidel Castro vor zehn Jahren – wie nebenher gesagt – auf dem 7. Parteitag der Kommunistischen Partei Kubas in seiner letzten Rede. Am 13. August wurde er an seinem 90. Geburtstag im Karl-Marx-Theater in Havanna von über 5.000 Gratulanten mit Applaus und „Fidel, Fidel“-Rufen gefeiert. Internationale Medien zeigten sich ebenso überrascht wie er selbst, dass der am 25. November 2016 verstorbene Comandante en Jefe dieses Alter erreicht hatte. Denn kein anderer Mensch war schon zu Lebzeiten von seinen Gegnern so oft für tot erklärt worden wie er.

Für die Befreiung Kubas von Diktatur und Fremdherrschaft hatte Fidel Castro seit der Jugendzeit immer wieder sein Leben riskiert. Als Student verfolgt von der Polizei, beim Angriff auf die Moncada-Kaserne des US-freundlichen Diktators Batista von Soldaten beschossen, als Gefangener in den Kerkern der Unterdrücker ungebrochen, im Exil von Batistas Geheimdienst bespitzelt und schließlich als Guerillero in den Bergen der Sierra Maestra bis zu dem von der Bevölkerung bejubelten Einzug der von ihm angeführten Rebellenarmee in Havanna: Wort und Tat waren bei Fidel Castro immer eins. Nach dem Sieg der Revolution sahen die verjagten in- und ausländischen Ausbeuter in ihm das größte Hindernis zur Wiederherstellung der alten Machtverhältnisse. Fidel überlebte Dutzende von der CIA arrangierte Versuche, ihn zu ermorden.

Unentbehrlicher Angstgegner

Auch die bereits kurz nach der erstmals erkämpften tatsächlichen Unabhängigkeit begonnenen Sanktionen wurden zunächst mit der Begeisterung für den Comandante begründet. „Die Mehrheit der Kubaner unterstützt Castro“, stellte ein von US-Staatssekretär Lester Mallory verfassten Memorandum vom 6. April 1960 fest. „Das einzige Mittel, um ihm interne Unterstützung zu nehmen, besteht darin, mittels Enttäuschung und Unzufriedenheit aufgrund wirtschaftlicher Mängel und Elends das Wirtschaftsleben zu schwächen und Kuba Geld und Versorgung zu rauben, um die Löhne zu reduzieren, sowie Hunger, Verzweiflung und den Sturz der Regierung hervorzurufen“, schrieb der US-Politiker, um den Beginn der längsten und umfassendsten Wirtschafts-, Handels- und Finanzblockade zu begründen, die je gegen ein Land verhängt wurde.

Bis heute fürchten US-Regierungen Castros Einfluss wie der Teufel das Weihwasser. Zehn Jahre nach seinem Tod und gut drei Wochen vor seinem 100. Geburtstag veröffentlichte das US-Außenministerium Mitte Juli einen 100 Seiten langen „Bericht“, der mit einem Zitat Fidel Castros aus dem Jahr 1958 eingeleitet wird. Es soll die „Bedrohung“ belegen, die laut Außenminister Marco Rubio bis heute von Castros „heimtückischen“ Einfluss ausgehe. „Kubas materielle Schwäche war niemals das Maß seiner Gefährlichkeit. Seine Macht war stets ideologischer Natur – und sie hat sich als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen“, heißt es in dem im Stil einer Verschwörungstheorie verfassten Dokument mit dem Titel „Kuba: Die Hauptstadt des Kommunismus im 21. Jahrhundert“. (Cuba: The Capital of 21st Century Communism)

Rund 70 Jahre nach dem Ende der berüchtigten McCarthy-Ära hat das Regime unter Donald Trump das Gespenst des Kommunismus wieder zum Hauptfeind erklärt – mit ausdrücklichem Verweis auf den Einfluss Fidel Castros. Rubios Pamphlet offenbart indes lediglich die erkennbare Verzweiflung darüber, dass die größte Militärmacht der Welt bis heute weder mit Drohungen und Waffen, noch mit Sanktionen und milliardenschweren Propagandakampagnen etwas gegen das Selbstbewusstsein und die Widerstandskraft einer Mehrheit des kubanischen Volkes ausrichten konnte.

Fidel Castro hat mit seinem Leben ein Beispiel dafür gegeben, dass es Menschen möglich ist, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die Welt nach eigenen Vorstellungen zu verändern. Nicht auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern von seiner Vision getrieben, dass eine andere Welt möglich ist, wurde er zu einem „Unentbehrlichen“, wie Bertolt Brecht diejenigen nannte, die ihr Leben lang für dieses Ziel kämpfen. Die nach 500-jähriger Vorherrschaft fremder Mächte zum ersten Mal in Kubas Geschichte erreichte Unabhängigkeit und Souveränität ist für immer mit seinem Namen verbunden. Mit dem Kampf gegen Kolonialismus und Imperialismus, den er mit gelebtem Internationalismus verband, rührte er – wie einst Lenin – auch an den „Schlaf der Welt“. Castro war eines dieser „Individuen“, die – wie es der marxistische Philosoph Hans Heinz Holz formulierte –, „in ihrem persönlichen Tun das allgemeine Inte­resse der Menschheit, den Fortschritt verwirklichen“. Der Revolutionär und sein Einfluss haben die Mächtigen der Welt gerade deshalb immer gestört und ihre Pläne oft genug durchkreuzt, in Kuba, in Lateinamerika wie auf dem restlichen Globus, wo Fidel Castro zum Symbol dafür wurde, dass eine andere Welt möglich ist.

Verräter seiner Klasse

Als der Comandante en Jefe am 1. Januar 1959 an der Spitze der von ihm geführten siegreichen Rebellenarmee in Havanna eintraf, war Kuba noch ein von Korruption, mafiösen Strukturen und extremer sozialer Ungleichheit geprägtes Land. Analphabetismus, Rassismus und bittere Armut bestimmten den Alltag eines großen Teils der Bevölkerung. Die Revolution verstand sich von Beginn an als Antwort auf diese Missstände – und Castro selbst als politischer Ausdruck einer dagegen revoltierenden Generation, die im globalen Süden in den 1950er Jahren gegen koloniale Abhängigkeiten und soziale Hierarchien aufstand. Der gelernte Jurist war ebenso wie sein Vorbild José Martí davon überzeugt, dass politische Unabhängigkeit sinnlos sei, wenn sie nicht mit sozialer Gerechtigkeit einhergeht.

Unter seiner Führung wurde das einstige Mafia-Paradies von einer Vergnügungsinsel für die reiche US-Oberschicht in eine Gesellschaft mit beeindruckenden sozialen Errungenschaften verwandelt. Bereits wenige Monate nach dem Sturz der Batista-Diktatur setzte die neue Regierung radikale Maßnahmen wie die Agrarreform um. Die Beseitigung des Analphabetismus, die drastische Senkung der Kindersterblichkeit, kostenlose Bildung und Gesundheitsversorgung für alle wurden zur Realität. Das in der BRD (ganz zu schweigen von den USA) bis heute nicht erreichte Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist in Kuba seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Castro betonte, dass die Gleichstellung der Frauen ein zentrales Element des gesellschaftlichen Umbaus sei. Die von ihm geförderte Gründung der legendären Fraueneinheit „Las Marianas“ im September 1958 war dafür eine frühe Weichenstellung. In Kuba erhielten Frauen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten und öffentlichen Ämtern – lange bevor solche Forderungen in vielen westlichen Ländern auch nur mehrheitsfähig wurden.

Castros Entwicklung zum Revolutionär und Staatsmann war außergewöhnlich. Als Sohn eines wohlhabenden Grundbesitzers hätte ein privilegiertes Leben führen können. Stattdessen wurde er zum „Verräter seiner Klasse“. Angetrieben von der Überzeugung, dass „der wahrhaftige Mensch nicht darauf schaut, auf welcher Seite man besser leben kann, sondern welcher Seite man verpflichtet ist“ – ein Motto des kubanischen Nationalhelden José Martí –, tauschte er die schwarze Anwaltsrobe gegen die olivgrüne Uniform des Guerillero. Nach einem gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne 1953 wurde seine Verteidigungsrede „Die Geschichte wird mich freisprechen“ zum Manifest der Revolution. Der Sieg am 1. Januar 1959 machte Kuba zwar zum ersten Mal in seiner Geschichte souverän und unabhängig von fremden Mächten. Doch der Preis war hoch: Bis zu Fidels Tod versuchten elf US-Präsidenten – von Dwight D. Eisenhower bis Barack Obama – vergeblich, die Revolution zu stürzen. Hunderte Attentatspläne, die Invasion in der Schweinebucht und die bis heute aufrechterhaltene völkermörderische US-Blockade zeugen sowohl von den jahrzehntelangen völkerrechtswidrigen Versuchen der USA, die alte Herrschaftsform wieder herzustellen, als auch vom erfolgreichen Widerstand des kubanischen Volkes.

Sprecher des Globalen Südens

International trat der kubanische Revolutionsführer als eine der profiliertesten Stimmen der Entwicklungsländer und der blockfreien Welt hervor. In einer Rede vor den Vereinten Nationen analysierte er 1979 die weltweit vorherrschende Ungleichheit, kritisierte das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd, forderte eine gerechte Verteilung von Ressourcen, Technologien und Lebenschancen und prangerte die globalen Widersprüche an. „Es wird oft über Menschenrechte gesprochen, aber man muss auch von den Rechten der Menschheit sprechen. Warum müssen einige Menschen barfuß gehen, damit andere in Luxuslimousinen fahren können? Warum müssen einige bettelarm sein, damit andere steinreich sind? Ich spreche im Namen der Kinder der Welt, die kein Stück Brot haben. Ich spreche im Namen der Kranken, die keine Medikamente haben. Ich spreche im Namen derer, denen das Recht auf Leben und Menschenwürde versagt ist.“ Man könne nicht von Frieden sprechen, wenn jedes Jahr Millionen Menschen an Hunger oder heilbaren Krankheiten sterben. Und er warnte: Die Zukunft der Welt werde „apokalyptisch“ sein, wenn die gegenwärtigen Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten nicht auf friedlichem Weg beseitigt werden.

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Kurz nach seiner Freilassung aus der Haft des südafrikanischen Apartheidstaates reiste Nelson Mandela, später erster frei
gewählter Präsident Südafrikas, im Juli 1991 nach Kuba. Er bedankte sich für die kubanische Unterstützung des Befreiungskampf (Foto: cubahora.cu)

Seine Analysen verbanden stets soziale Fragen mit Warnungen vor den Folgen imperialistischer Politik. „Das Waffengeklirr, die lauten Drohungen und der Kampf um die Vorherrschaft auf internationaler Ebene müssen aufhören“, mahnte er in der UNO. Statt Ressourcen für Aufrüstung zu verschwenden, entwickelte Kuba unter seiner Anleitung „Waffen, um den Tod zu bekämpfen, um Aids zu bekämpfen, um Krebs zu bekämpfen“. Diese Argumentation verband er früh mit ökologischen Warnungen und wies auf Zusammenhänge zwischen sozialer Ungerechtigkeit und ökologischen Problemen hin. Bereits 1992 warnte er auf dem UN-Umweltgipfel in Rio: „Eine bedeutende biologische Gattung ist aufgrund der schnellen und progressiven Beseitigung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen vom Aussterben bedroht: der Mensch.“ Castro kritisierte, dass die Konsumgesellschaften mit 20 Prozent der Weltbevölkerung drei Viertel der Energie verbrauchen und forderte: „Der Hunger muss verschwinden und nicht der Mensch.“ – Die sozialen und ökologischen Krisen betrachtete er nie getrennt, sondern als Ausdruck derselben Logik eines ungerechten globalen Systems.

In Lateinamerika wirkte Castro weit über die Insel hinaus. Seine Unterstützung für antikoloniale Befreiungsbewegungen in Afrika und für linke Kräfte in Mittel- und Südamerika, sein Einfluss auf die Annäherung progressiver Regierungen seit den 2000er Jahren und seine Rolle als strategischer Vordenker einer eigenständigen lateinamerikanischen Integration verliehen Kuba Gewicht, das weit über Größe oder wirtschaftliche Möglichkeiten des Landes hinausging. Das Bündnis ALBA, der Nachrichtensender Telesur und das Staatenbündnis CELAC veränderten dauerhaft die geopolitische Architektur des Kontinents. Die OAS, jahrzehntelang ein Werkzeug der US-Außenpolitik, verlor sichtbar an Bedeutung. In Marco Rubios Bericht, der den Rückfall der USA in die finsteren Zeiten der McCarthy-Ära ankündigt, wird versucht, interne Probleme der USA, die aus Armut, sozialer Ungleichheit, Rassendiskriminierung, Polizeigewalt, Kriegen, der Besetzung Palästinas, dem Völkermord im Gaza oder der US-Migrationspolitik hervorgegangen sind, als Folgen einer kubanischen Verschwörung darzustellen. Der Verlust von Washingtons Dominanz im eigenen „Hinterhof“ wird auf Castros Einfluss zurückgeführt und behauptet: „Kubas Angriff auf die Vereinigten Staaten war … eine Revolution gegen die westliche Zivilisation selbst – die zum Teil mit der neuartigen und heimtückischen Methode geführt wurde, die Kinder des Westens dazu zu überreden, sich gegen ihr eigenes Erbe zu wenden.“

Unauslöschbares Erbe

Fidel Castros Vermächtnis ist indes untrennbar mit dem sozialen Modell Kubas verbunden, das das Trump-Regime derzeit endgültig auszulöschen versucht. Trotz der jahrzehntelangen Blockade der USA, trotz wirtschaftlicher Engpässe und geopolitischer Isolation erreichte das Land einst soziale Indikatoren, die international Anerkennung fanden: eine der niedrigsten Kindersterblichkeitsraten Amerikas, nahezu vollständige Alphabetisierung, kostenlose medizinische Versorgung und hohe Lebenserwartung. Kuba entsandte Ärzteteams und Gesundheitsspezialisten in Krisenregionen weltweit – eine gelebte Form internationaler Solidarität, die der Comandante selbst als moralische Verpflichtung verstand.

Fünf Jahre nach seinem Tod wurde 2021 in Havanna das „Zentrum für das Studium und die Verbreitung der Ideen und des Werks von Fidel Castro“ eröffnet. Es ist die einzige Institution des Landes, die offiziell seinen Namen trägt – denn Castro verfügte zu Lebzeiten ausdrücklich, dass keine Statuen, Denkmäler oder Straßen zu seinen Ehren entstehen sollten. Die Einrichtung des modernen Zentrums zeigt Archivdokumente, Reden, interaktive Tafeln sowie multimediale Darstellungen seiner politischen Vorstellungen. Sie verdeutlicht, wie aktuell viele seiner Warnungen heute sind: vor Waffen und Krieg, vor sozialer Spaltung, vor zerstörerischem Konsum und vor dem Verlust ökologischer Lebensgrundlagen.

Castros politisches Erbe und sein Einfluss in der Welt bleiben – allen Anfeindungen seiner Gegner zum Trotz. Auch für ihn gilt, was Bertolt Brecht über den Kommunismus schrieb: Die Dummköpfe nennen ihn dumm, die Schmutzigen nennen ihn schmutzig und die Ausbeuter nennen ihn ein Verbrechen. Für Kubas Feinde war Castro ein Diktator, für seine Anhänger ein Befreier. Für viele Menschen im globalen Süden ist er bis heute jedoch vor allem eines: der unermüdliche Verteidiger der „Verdammten dieser Erde“. Sein Einfluss auf die lateinamerikanische Integration, auf Debatten über globale Gerechtigkeit und auf die Suche nach alternativen Entwicklungsmodellen reicht weit in die Gegenwart.

Fidel Castro war überzeugt, dass Geschichte nicht von Privilegierten geschrieben wird, sondern von Menschen, die für ihre Würde und eine andere Welt kämpfen. In diesem Sinne wirken seine Ideen fort – in sozialen Bewegungen, in internationalen Allianzen, in Debatten über Frieden, Umwelt und soziale Gleichheit. Fidel Castro hat die Welt nicht allein verändert. Doch ohne ihn wäre sie eine mit weniger emanzipatorischen Visionen. Auch nach seinem Tod bleiben Castros Botschaften für Zigtausende in aller Welt eine Triebfeder des Engagements für Freiheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit.

Der Revolutionsführer selbst hat die Angriffe und Schmähungen derjenigen, die ihre auf sozialer Ungleichheit und Ausbeutung fremder Ressourcen beruhende Herrschaft mit Unterdrückung und Kriegen verteidigen, immer als Bestätigung seines Handels gesehen und kommentierte sie mit einem Satz seines literarischen Helden Don Quijote, der seinem Stallmeister Sancho Pansa erklärt hatte: „Solange die Hunde bellen, Sancho, heißt das, dass wir reiten.“

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"Verteidiger der Verdammten dieser Erde", UZ vom 14. August 2026



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