Aufgrund der Hitzewelle in Europa und der katastrophalen Waldbrände im Süden des Kontinents ist das Thema Klima zurück auf der politischen Agenda. Lange Trockenperioden, sinkende Wasserstände von Seen und Flüssen, Hitzerekorde in Astana in Kasachstan, 42 Grad Celsius in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt und Plusgrade an mehreren Messstationen in der Antarktis – der Klimawandel ist schon lange keine Entwicklung mehr, die erst in ferner Zukunft oder nur in weit entfernten Regionen zu spüren ist. Wegen fehlendem Kühlwasser abgeschaltete Atomkraftwerke, Tausende Hitzetote, Ernteausfälle und Verteuerung der Binnenschifffahrt zeigen: Auch in Europa geht es beim Klima nicht um besseres Badewetter.
„Klima“ ergibt sich aus den Wetterentwicklungen über lange Zeiträume. Per Übereinkunft betrachtet man Zeiträume von 30 Jahren. Insofern ist ein heißer Sommer allein kein „Beweis“ für eine Klimaveränderung. Doch der Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperaturen und der Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre sind schon lange bekannt. Und es gibt schon lange Prognosen und Versuche, den Ausstoß der klimarelevanten Gase zu verringern – bisher jedoch ohne durchschlagenden Erfolg.
CO₂ -Austoß steigt
Statt zu stagnieren oder zu sinken ist der weltweite CO₂-Austoß von rund 35 Milliarden Tonnen im Jahr 2015 auf etwa 38,6 Milliarden Tonnen im Jahr 2024 gestiegen – ein Anstieg von rund 10 Prozent in zehn Jahren. Eine der Ursachen ist der steigende Energiebedarf in Industrie und Verkehr. Ein zunehmend wichtiger Faktor ist zudem der Strombedarf für Datencenter und KI. Und häufig wird dieser Energiebedarf durch den Klimakiller Kohle gedeckt.

Beim Einsatz von Kohle zur Energiegewinnung (Strom oder Wärme) wird weitaus mehr CO₂ freigesetzt als bei anderen fossilen Energieträgern. Hohe Gaspreise als Folge des Krieges in der Ukraine machten den Einsatz von Kohle zur Energiegewinnung zeitweise wieder wirtschaftlich. In den USA führte das 2025 zu einem Anstieg des Kohleverbrauchs um 37 Millionen Tonnen. In der EU sollte der Einsatz von Kohle bei der Energieerzeugung zurückgehen, doch der Rückgang fiel geringer aus als erwartet. Die Ursache waren geringere Erträge aus Wind- und Solarenergie. Weltweit stieg der Kohleverbrauch im Jahr 2024 um 1,5 Prozent auf 8,80 Milliarden Tonnen, 2025 folgte ein weiterer leichter Anstieg auf 8,85 Milliarden Tonnen.
Ohne die Entwicklungen in Indien und China wäre der Anstieg noch deutlicher ausgefallen. In Indien sorgte das Wetter (Monsun) für einen geringeren Strombedarf. In China stieg der Bedarf zwar, doch der Anteil erneuerbarer Energiequellen stieg noch schneller. Der Anteil der Kohle sank somit zum ersten Mal seit 2015.
Stromfresser KI
Weltweit wird der Energiebedarf weiter steigen. Bevölkerungswachstum und die Entwicklung von Industrie und Verkehr tragen dazu bei. Elektrische Energie wird dabei in besonderem Maße nachgefragt. Der Ausbau der Informationstechnologie, Datencenter, „Soziale Netzwerke“ und „Künstliche Intelligenz“ verbrauchen bereits jetzt circa 1,5 Prozent des weltweit erzeugten Stroms. Auch wenn verschiedene Prognosen zum künftigen Strombedarf der Informationstechnologie weit auseinandergehen, sind sich alle Untersuchungen einig: Der Bedarf wird rasant steigen. Vor allem die Infrastruktur der KI wird die Nachfrage nach Energie weltweit so schnell ändern, wie es bisher nur im Rahmen der industriellen Revolutionen der Fall war.
Auch die EU fördert den Ausbau der KI-Infrastruktur. Mit bis zu 30 Milliarden öffentlichen und privaten Geldern sollen sieben „Gigafactories“ aufgebaut werden, eine europäische Ergänzung zur überwiegend in den USA beheimateten IT-Infrastruktur.
Laut einer Studie des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft wird durch die geplanten KI-Rechenzentren in der EU bis 2030 ein Strombedarf entstehen, der nur bedingt gedeckt werden kann und womöglich den Ausbau der fossilen Energieerzeugung verlangt. Modellrechnungen für die kommenden Jahrzehnte zeigen einen zusätzlichen Bedarf von mehreren Hundert Terawattstunden (TWh) bis 2050 – bei einem bisherigen Stromverbrauch von beispielsweise 470 TWh pro Jahr in Deutschland.
Kriegspolitik statt Klimapolitik
Kriege haben die Klimapolitik aus der öffentlichen Wahrnehmung verdrängt. Und nicht nur aus der Wahrnehmung, sondern auch aus den Handlungen und Maßnahmen. Ein Beispiel: Das „Aus“ für das Verbrenner-Aus. Die CO₂-Emissionen in der EU entstehen zu circa 20 Prozent im Straßenverkehr, größtenteils durch Pkw. Sie sind in den letzten 25 Jahren nicht etwa gefallen, sondern sogar um 20 Prozent gestiegen. Lange Zeit galt das Ende der Verbrennungsmotoren in der EU als Mittel der Wahl, um die Emissionen zu senken. Der Schlusspunkt sollte 2035 gesetzt werden. Ab diesem Jahr sollten keine Verbrenner-Motoren mehr hergestellt werden. Diese Regelung soll jedoch aufgehoben werden. Ein bisschen Verbrenner darf sein.
E-Fuels sind synthetische Kraftstoffe, die mittels elektrischer Energie aus Wasser und CO₂ hergestellt werden. Nur wenn die elektrische Energie vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt und das CO₂ aus der Atmosphäre gewonnen wird, ist der Einsatz klimaneutral.

Für die europäische Autoindustrie sind dies Schlupflöcher im vollständigen Verbrenner-Aus: E-Fuels, Elektroautos mit Range-Extender, bei denen ein kleiner Benzinmotor die Batterie während der Fahrt lädt, und Hybrid-Fahrzeuge. Die bereits gemachten Zugeständnisse werden der Industrie aber nicht weit genug gehen.
Wo einmal Nachhaltigkeit gefordert war, steht heute die Rüstung im Mittelpunkt, ein Klimakiller wie kein zweiter. Alle militärischen Güter sind der Zerstörung gewidmet. Im besten Fall werden sie erzeugt und Jahrzehnte später ungenutzt verschrottet. Ansonsten dienen sie im Krieg der Zerstörung und enden mit ihrer eigenen Zerstörung.
Kriege haben ihren Preis – nicht nur an Menschenleben und Zerstörung. Kriege steigern auch den Ausstoß klimarelevanter Gase, doch die Quantifizierung ist schwierig. Ob Krieg oder Frieden – die Länder sind nicht verpflichtet, militärisch verursachte Emissionen zu melden. Diverse Klimaabkommen haben diesen Bereich ausgeklammert.
Die ersten 18 Monate des Ukraine-Krieges sind verhältnismäßig gut dokumentiert. Untersuchungen schätzen den CO₂-Ausstoß für diesen Zeitraum auf 77 Millionen Tonnen, während der weltweite Ausstoß in dieser Zeit mehr als 50 Milliarden Tonnen betrug. Sollte es aber nach einem Krieg zum Wiederaufbau kommen, steigen die Zahlen. Der Bau mit Beton und Stahl gehört zu den CO₂-intensivsten Wirtschaftszweigen. Insgesamt verursacht das Militär, unablässig über das gesamte Jahr und die gesamte Welt hinweg betrachtet, geschätzt mehr als 5 Prozent der CO₂-Emissionen.
Prognosen
Wo schon der Wetterbericht in der Prognose für wenige Tage häufig scheitert, ist eine Prognose für die Klimaentwicklung zu erstellen umso schwieriger. Anhand der physikalischen Gegebenheiten und Entwicklungen aus der Vergangenheit, die unter anderem anhand von Eisbohrkernen aus Grönland gewonnen wurden, werden Klimamodelle erstellt. Die Modellerwartungen werden dann mit den realen Entwicklungen verglichen, um Klimaprognosen zu erstellen.
Der Weltklimarat der Vereinten Nationen, in dem 195 Regierungen als Mitglieder vertreten sind und weitere 190 Organisationen als Beobachter fungieren, ließ mehrere Szenarien zur Entwicklung der Treibhausgase darstellen. Diese laufen unter dem Namen „repräsentativer Konzentrationspfad“ (RCP). Ein extremes Szenario war RCP 8.5, eine Prognose unter der Voraussetzung, dass die Entwicklung so weiter liefe wie in der Vergangenheit (bezogen auf das Jahr 2010), also ohne weitere Maßnahmen zum Klimaschutz.
Obwohl die Prognosen dieses Modells kurzfristig sehr gut mit den realen Entwicklungen übereinstimmten, wurde es inzwischen zurückgezogen. Die getroffenen Maßnahmen und die Preisentwicklungen für erneuerbare Energieerzeugung ließen das Modell nicht mehr realistisch erscheinen.
Bei Kritikern des Weltklimarates führte das zu großem Triumphgeheul. Dabei ging es dem Weltklimarat nur darum, die Prognosen an die durch die Politik geänderten Rahmenbedingungen anzupassen. Doch womöglich kam die Zurücknahme des RCP 8.5 sogar zu früh. Angesichts von Kriegen, brennenden Tankern und Ölanlagen, zunehmenden internationalen Spannungen und fehlender internationaler Zusammenarbeit ist die Zukunft des Klimas weiterhin ungewiss. Für die Temperatur bleibt die Tendenz: steigend.









