Christa Weber vom Weber-Herzog-Musiktheater über die aktuelle Situation

Theaterarbeit in schwieriger Zeit

UZ: Ihr habt als das Weber-Herzog-Musiktheater im letzten Jahr ein neues Stück entwickelt unter dem Titel „Lizzy will es wissen“. Warum gerade ein solches Thema, was waren eure Intentionen?

Christa Weber: Nach der Premiere unseres Stückes „Frau Kapital und Dr. Marx“ hat uns Hermann Kopp von der Marx-Engels-Stiftung gefragt, ob wir auch für den Engels-Geburtstag im November 2020 ein Stück schreiben und bei der Engels-Konferenz in Wuppertal aufführen könnten. Die Idee fanden wir verlockend. Wir hatten schon einige Schriften von und über Engels gelesen und machten uns jetzt daran, seine großen Werke, wie zum Beispiel den „Anti-Dühring“ oder die „Dialektik der Natur“ und den Briefwechsel Marx/Engels zu studieren. Wir überlegten, was für unsere heutige politische Situation von Belang sein könnte. In Engels‘ erstem, großartigen Buch „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ fanden wir Parallelen zu den Arbeitsbedingungen in Bangladesch oder bei Tönnies in Westfalen. Schon in diesem Buch hat Engels die revolutionäre Rolle des Proletariats betont. Darauf wollten wir Bezug nehmen, weil heutzutage vom „Proleten“ eher herablassend oder sogar negierend geredet wird. Engels war eine umfassend gebildete Persönlichkeit, er hat sich mit sehr vielen Wissensgebieten beschäftigt. Auch das wollten wir zeigen. So kam ich auf die Figur der Lizzy, die Engels mit ihren Fragen herausfordert.

UZ: Geplant hattet ihr – wie so viele Künstlerinnen und Künstler –, im Herbst damit auf die Bühnen zu kommen. Die Verbote der Behörden verhinderten das. Wie waren eure – nicht nur spontanen – Reaktionen?

Christa Weber: Zum Glück konnten wir unser Stück in Nürnberg zwei Tage vor dem zweiten Shutdown unter Pandemiebedingungen, also mit Mundschutz und Abstandsregeln für das Publikum, spielen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung, weil wir spürten, das Stück funktioniert, die Leute gehen begeistert mit. Die Premiere in Wuppertal bei der Marx-Engels-Stiftung und alle Berliner Aufführungen mussten wir absagen. Ein paar Termine konnten wir in den Dezember verlegen. Aber als der Shutdown bis 10. Januar verlängert wurde, war naheliegend, dass er womöglich bis zum Frühjahr 2021 hingezogen werden wird. Also vier Monate Aufführungsverbot. Kirchen und Konsumtempel dürfen besucht werden, die Hochkultur hat die Möglichkeit, mit aufwändigen Live-Streams weiter zu produzieren, aber die Kleintheater, die sich Pandemiekonzepte ausgedacht hatten, mussten schließen. Arbeiter und Arbeiterinnen und die Angestellten müssen sich in überfüllte Busse und Bahnen zwängen und an den Arbeitsplätzen wird fleißig weiter malocht und Mehrwert geschaffen – meist ohne Corona-Vorsichtsmaßnahmen. Zur gleichen Zeit gehen Firmen pleite, Arbeitende fliegen auf die Straße und viele, die ihre Mieten nicht mehr bezahlen können, auch aus ihren Wohnungen. Über diese irrationalen, inkompetenten und inkonsequenten Corona-Maßnahmen ärgern wir uns bis heute.

UZ: Ihr habt das Stück dann dennoch „aufgeführt“, zwar im Theater, aber ohne Publikum, als Streaming-Angebot war und ist es aber abrufbar. Eine seltsame oder sogar absurde „Vorstellung“, oder gab es sogar bei euch selbst und den weiteren Beteiligten auch positive Meinungen zu dieser Art der „Aufführung“?

Christa Weber: Die Leute von der Regenbogenfabrik hatten die Idee mit dem Streaming. Wir waren erst skeptisch, Kultur sollte es nicht zum Nulltarif geben. Christine Ziegler von der Regenbogenfabrik hatte dann die Idee mit dem Spendenaufruf. Abgefilmtes Theater ist immer ein Risiko, wenn es nicht professionell gemacht wird. Zum Glück hatten wir ein hervorragendes Filmteam. Außerdem wollten wir unser Stück noch im Engels-Jahr 2020 zeigen.

UZ: Zum Inhaltlichen und Musikalischen des Stücks: Wie man lesen und hören konnte, habt Ihr neben eigenen Texten, von mir als „Zwischenstücke“ empfunden, mit Gedichten, Liedern und Texten von vielen Großen der Literatur gearbeitet. Nenne uns doch ein paar Namen und warum diese Auswahl?

Christa Weber: Ein paar Liedtexte sind von mir, die anderen von Engels, Bertolt Brecht, Goethe, Nazim Hikmet, Erich Mühsam, Ernst Toller, Georg Weerth und Erich Weinert. Das sind Autoren der aufklärerischen Tradition, deren politische und ästhetische Entwicklungslinie wir fortsetzen. Die Lieder und Duette, die wir in und zwischen die Spielszenen setzen, spiegeln den Inhalt der jeweiligen Szene aus einer anderen, neuen Perspektive und ermöglichen so verschiedene Blickrichtungen auf das Geschehen. Sie sind teilweise als Äußerungen von Lizzy oder Engels und teilweise als Einwürfe und Haltepunkte zu verstehen. Das Montageprinzip haben auch Künstler wie Bertolt Brecht oder John Heartfield angewandt.

UZ: Dein Mann, Christof Herzog, hat die Musik komponiert, an welchen Stil- und Tonrichtungen hat er sich orientiert?

Christa Weber: Herzogs Musik ist der modernen Klassik zuzuordnen. Er orientiert sich an Komponisten von Mozart bis Kurt Weill und Hanns Eisler. Schon in seinem Studium bei dem jugoslawischen Komponisten Milko Kelemen hat er sich auf gesellschaftliche und politische Themen konzentriert und einen Weg aus dem Elfenbeinturm der zeitgenössischen spießbürgerlichen Avantgardeszene gesucht. Entscheidend für ihn ist der Gestus, also die gesellschaftliche und nicht psychologische, rein moralische Haltung oder gefühlsduselige Klangschwelgerei.

UZ: Die vielen doch weniger bekannte Lebensgefährtin von Friedrich Engels, die irische Arbeiterin Lizzy Burns, steht im Mittelpunkt des Stücks. Wie ist dein Blick auf diese Frau und ihr Wirken in der Arbeiterbewegung der damaligen Zeit und was kann man/frau von ihr lernen?

Christa Weber: Lizzy Burns war Baumwollspinnerin in der Fabrik Ermen und Engels. Sie war eine politisch sehr engagierte und selbstbewusste Frau, Mitglied der irischen Befreiungsbewegung, war mit führenden Vertretern des irischen Geheimbundes, der Fenier, befreundet, hat Flüchtige versteckt … Lizzy soll sehr temperamentvoll gewesen sein und hatte wie Engels viel Humor. Dazu war sie äußerst wissbegierig und hatte einen glasklaren Klassenstandpunkt.

UZ: Euer Streaming-Angebot gibt es seit dem 25. Dezember. Wisst ihr, wie viele Zugriffe es seitdem gab und – viel wichtiger – habt ihr Resonanz erfahren und wenn ja, welche?

Christa Weber: Das Streaming-Angebot bestand vom 25. bis 31. Dezember. Es gab 510 Zugriffe. Wir bekamen viele begeisterte Mails und Telefonanrufe von Leuten, die die Idee des Streamings, unser Stück, unsere künstlerische Leistung, das wunderbare Klavierspiel von Edén Galán und die gelungene filmtechnische Umsetzung der Leute von dokupool lobten. Unser Stück sollte im Geschichtsunterricht in allen Schulen aufgeführt werden, meinten viele. Wir hätten etwas „hoffentlich Bleibendes, Ehrliches, Unverstelltes, Mutmachendes“ geschaffen. Viele fragten auch, ob und wann wir es live aufführen und ob wir planen, eine DVD herauszubringen, damit auch Leute, die nicht so mit Internet-Streaming vertraut sind oder nicht ins Theater gehen können, die Möglichkeit haben, das Stück zu sehen. Eine Genossin räumte ein, dass wir da eine ganz schön harte Kost, eineinhalb Stunden höchste Konzentration, dem Internetpublikum zumuten, dies aber eine tolle Schulung und Auffrischung für Marxisten und Marxistinnen sei. Viele freuten sich über die Einführung in Dialektik und Materialismus sowie unseren Ausflug in die Gegenwart mit den vielen ungelösten Fragen zu Natur und Wirtschaft, für die Engels damals schon ein klares Gespür hatte.

UZ: Niemand weiß, wie lange die Verbote und Einschränkungen anhalten. Künstlerinnen und Künstler sind schon seit letztem Frühjahr heftig betroffen. Wenn ihr eure Situation einschätzt, wie lange haltet ihr noch durch, wann geht gar nichts mehr, und – wenn ihr einen Wunsch frei hättet – wann hofft ihr, wieder auf einer Bühne vor Publikum spielen zu können?

Christa Weber: Wir hoffen vor allem, die Regenbogenfabrik in Berlin und viele andere fortschrittliche Veranstalter halten durch. Es gibt immer weniger Kulturstätten, die so ein Stück wie unser Engels-Stück in ihrem Spielplan dulden. Die Marx-Engels-Stiftung hat unseren Auftrittstermin auf den 10. April verschoben. Wir hoffen sehr, dass der Shutdown bis dahin beendet sein wird und wir es auch in Berlin in der Regenbogenfabrik spielen können.

Am 1. Mail sollen wir in Zürich auftreten – vorausgesetzt, es gibt keine Schwierigkeit mit der Reise in die Schweiz. Unser Wunsch ist, dass sich bald ganz viele Veranstalter melden und uns buchen. Denn Engels gibt in unserem Stück auch Antworten auf die jetzige schwere Wirtschaftskrise, die geschickt hinter dieser Corona-Krise versteckt wird. Marx und Engels haben mit dem historischen Materialismus eine Methode aufgezeigt, die Geschichte zu analysieren und in die Zukunft weiter zu denken. Der Kapitalismus ist heute so verfault, so menschen- und naturfeindlich, dass wir einen radikalen Wechsel brauchen: den Sozialismus.

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Über den Autor

Herbert Becker (Jahrgang 1949) hat sein ganzes Berufsleben in der Buchwirtschaft verbracht. Seit 2016 schreibt er für die UZ, seit 2017 ist es Redakteur für das Kulturressort.

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"Theaterarbeit in schwieriger Zeit", UZ vom 15. Januar 2021



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