Der deutsche Imperialismus zeigt inzwischen bei seinem dritten Anlauf zur Weltmacht, dass er erneut einen Weltkrieg in Kauf nimmt. Diesmal soll es mit der „souveränen“ EU gelingen. In der Finanzkrise um 2010 war es dem deutschen Imperialismus zeitweise gelungen, Frankreich auf seine Linie zur Hegemonie in der EU zu bringen. Die politische und militärische EU-Hegemonie, damals zum Greifen nahe, kommt aber seitdem nicht voran. Inzwischen drängt sich in der Diskussion um „Souveränität“, also die Unabhängigkeit vom US-Imperialismus und der chinesischen Wirtschaft, die Künstliche Intelligenz (KI) in den Vordergrund. Damit ist die Frage verbunden, woher die immensen Energiemengen für die KI-Datenzentren kommen sollen.
Hier kommt der französische Energiekonzern Total in den Blick. Ein Blick auf Total hilft, die feinen Risse in der Kooperation von Kapital und Staat zu verstehen. Das wird notwendig sein, um Strategien gegen den Weg in den Dritten Weltkrieg zu entwickeln.
Imperialistische Tradition
Um Energie-Souveränität der Großmächte ging es schon bei der Gründung von Total in den 1920er Jahren. Im Ergebnis des Ersten Weltkriegs hatte sich eine bedeutende Entwicklung gezeigt: Öl war imperialistische Rüstungsressource geworden, seit die Kriegsflotten von Kohle auf Öl umstellten. Zugang zum „Schwarzen Gold“ war deshalb überlebensnotwendig für imperialistische Großmachtpolitik. Hinzu kamen entscheidende Fragen für den französischen Imperialismus: Würden die deutschen Imperialisten das Ziel, Weltmacht zu werden, nach 1918 aufgeben? Würden die verbündeten Großmächte von 1918 – Briten und US-Amerikaner – Frankreichs Kolonialreich schützen? Ministerpräsident Raymond Poincaré glaubte beides nicht. Um Öl als imperialistische Rüstungsressource zu sichern, kassierte er nach 1918 die deutschen 25 Prozent der Turkish Petroleum Company. Damit konnte Poincaré die Compagnie Française des Pétroles (CFP) auf den Weg bringen. Die nahm im Zug ihrer internationalen Expansion den Markennamen Total an und stieg auf zu den Firmen, die bis heute das weltweite Ölgeschäft monopolisieren.
Die Firma hieß die längste Zeit ihrer 100-jährigen Existenz Total, mit wechselnden Zusätzen. Um 2000 firmierte sie als TotalFinaElf.
Das Fina im Namen kam von Petrofina. Dieser Konzern diente, gegründet 1920 in Belgien, ursprünglich zur Kontrolle von deutschen Erdölkonzernen nach 1918.
Das Elf in TotalFinaElf kam von der Elf Aquitaine. Der Konzern bildete sich im Übergang des französischen Imperialismus zum Neokolonialismus heraus. Elf entwickelte sich zu einer Zentrale der mehr oder weniger gewaltsamen Einflussnahme in Afrika. Aus dem afrikanischen Ölreichtum wurden gewaltige schwarzen Kassen generiert, mit denen nicht nur in Afrika bestochen wurde.
Daraus floss Geld nach Deutschland, als es nach 1989 um die Beteiligung des französischen Imperialismus an der Beute aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging. Der französische Imperialismus, an einem starken Deutschland nur bedingt interessiert, stimmte der „Wiedervereinigung“ schließlich zu, auch weil Elf am Minol-Tankstellennetz der DDR interessiert war. Darum hatte sich aber auch die britische BP beworben. Die Konkurrenten zogen ihre Angebote zurück, als die profitable Minol von der „Treuhand“ nur im Paket mit der Petrochemie in Leuna zu haben war, die Milliarden an Renovierungskosten erforderte. Für Elf kein Problem, weil die Renovierungs-Milliarden vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl für seinen Freund, den französischen Präsidenten François Mitterrand, als EU-Subventionen lockergemacht wurden. Gleichzeitig füllte sich Kohls Wahlkampfkasse durch schwarze Koffer. Über diese Spendenaffäre stolperte er, der mit seinem Schweige-Ehrenwort seine Geldgeber zu schützen suchte. Der britische „Guardian“ machte den Vorfall zur „größten Korruptionsaffäre Europas nach 1945“.
Die gigantische Elf-Korruptionsaffäre wurde in Frankreich unter Leitung der mutigen Untersuchungsrichterin Eva Joly mithilfe der Schweizer Justiz aufgedeckt. In Deutschland kommt die Aufklärung der Affäre bis heute nicht recht voran. Angela Merkel nutzte sie zwar geschickt, um Kohl zu stürzen, danach ließ ihr Aufklärungseifer aber stark nach. Mit dem „Neuanfang“ der CDU und dem Verschwinden des Namensteils Elf bei Total begann man, Gras über die Affäre wachsen zu lassen. Die französisch-deutsche Energie-Kooperation wandte sich neuen Themen zu wie den sibirischen Öl- und Gasvorkommen.
Staatsmonopolistisches Geflecht
Die Garantie der Energie-Souveränität des französischen Großmachtanspruchs im Gesamtinteresse des französischen Finanzkapitals bleibt Unternehmenszweck von TotalEnergies. Der neue Name soll darauf hinweisen, dass der Konzern eine Perspektive von Öl und Gas ausgehend in Richtung auf andere Energien hat.
Ein Blick auf die Zusammensetzung der Leitungsgremien von TotalEnergies zeigt die Verflechtungen im staatsmonopolistischen Kapitalismus.
Patrick Pouyanné, Jahrgang 1963, ist seit 2014 an der Spitze. Er absolvierte die elitäre École Polytechnique in nur drei Jahren so gut, dass er in das altehrwürdige Corps des Mines aufgenommen wurde, welches der Regierung zur Technologieberatung dient. Zwischen 1993 und 1996 war er Technologieberater der Premierminister Édouard Balladur und François Fillon. 1997 begann sein Aufstieg zur Spitze von Total, von wo er nun als staatsmonopolistischer Multiaufsichtsrat auch Einfluss auf die Entwicklung der Datenverarbeitung in Frankreich hat. Über seine Verbindungen zum Corps des Mines und zur École Polytechnique behält er die weitere Entwicklung des französischen Technologie-Spitzenpersonals im Auge.
Bei TotalEnergies hat Pouyanné inzwischen die maximale Machtposition. Als Président-directeur général (PDG) hat er den Vorsitz sowohl im Verwaltungsrat als auch im Comité exécutif, vergleichbar einem deutschen AG-Vorstand.
Unter ihm sind im Verwaltungsrat von TotalEnergies die Chefs von Orange (früher France Télécom, die aus der Privatisierung der PTT – Postes, télégraphes et téléphones – entstand) und von der La Poste Group (ebenfalls aus der PTT entstanden), die Milliardärin Marie-Christine Coisne-Roquette aus der Leitung des Großunternehmerverbands MEDEF und weitere Repräsentanten der alten und neuen Finanzoligarchie Frankreichs. Daneben ist das kanadische und brasilianische Öl- und Gasgeschäft mit einer Person vertreten. Schließlich sitzt im Verwaltungsrat mit Dierk Paskert noch ein Deutscher. Er startete seine Karriere bei VEBA, dem Vorgänger des E.ON-Konzerns. Dort entwickelte er strategische Konzeptionen für alternative Energiegewinnung. Verbindungen in die deutsche Politik baute er sich unter anderem als erster Geschäftsführer der „Allianz zur Rohstoffsicherung“, eines Projekts des Bundesverbands der Deutschen Industrie, auf. Der einzige größere Aktionär von TotalEnergies mit etwa 10 Prozent, die Crédit Agricole, als Zentralbank der Agrargenossenschaftsbanken ebenfalls dem staatsmonopolistischen Geflecht zuzuordnen, ist nicht im Verwaltungsrat vertreten.
Sichere Energie
Aktuell verlangt die Staatsräson des französischen Imperialismus, repräsentiert durch den TotalEnergies-Verwaltungsrat, dass sich der Energie-Souveränitätsgarant der Elektrizität zuwendet. Diese Transformation muss nun finanziert werden, die vorläufige „neutrale“ Lösung fand sich durch den Einstieg eines Investors.
Am 17. November 2025 meldete das „Handelsblatt“: „Der tschechische Investor Daniel Křetínský wird zu einem der größten Einzelaktionäre des französischen Energiekonzerns TotalEnergies. TotalEnergies habe mit Křetínskýs tschechischem Energieunternehmen EPH eine Abmachung zum 50-prozentigen Kauf einer Stromerzeugungsplattform getroffen (…). Im Gegenzug für den Anteil erhalte EPH TotalEnergies-Aktien im Wert von 5,1 Milliarden Euro. Dies entspreche 4,1 Prozent des Grundkapitals von TotalEnergies, womit EPH zu einem der größten Einzelaktionäre werde.
Die Plattform besteht aus Kraftwerken und Batteriespeichersystemen (…). Beide Partner wollen die Kraftwerke in einem Gemeinschaftsunternehmen betreiben.

Für den bisher primär auf die Förderung von Öl und Gas konzentrierten französischen Konzern passt der Deal nach eigenen Angaben in die Strategie, seine Position auf den europäischen Strommärkten zu stärken, unter anderem um der steigenden Nachfrage von Rechenzentren gerecht zu werden.“
Pouyanné bestätigte und begründete die neue Ausrichtung: Seitdem die USA die Fracking-Technologie entwickelt haben und so das weltweite Öl- und Gasgeschäft dominieren, sobald der Ölpreis über 60 US-Dollar pro Barrel liegt, und andererseits China uneinholbar führend in nichtfossiler Energie wurde, müsse man sich anpassen. TotalEnergies werde das Öl- und Gasgeschäft schrittweise reduzieren und in die USA verlegen, in der Elektrizitätsproduktion und -versorgung wachsen und diese zunehmend nicht-fossil generieren.
Interessanterweise verlässt man sich auf die Durchsetzungsfähigkeit der USA: Der Total-Geschäftsplan ist auf einem Ölpreis von 60 US-Dollar pro Barrel aufgebaut, dem Preis, ab dem im Fracking-Geschäft Geld verdient wird.
Pouyanné weiter: „Außerhalb von China sind wir unter den drei größten Investoren in erneuerbarer Energie. Unsere Ingenieure der Ölprospektion werden heute ausgebildet, Felder für Windkraftwerke zu berechnen.“
TotalEnergies will bis 2030 unter den zehn größten Elektrizitätsproduzenten der Welt sein. 2050 soll die Hälfte der Energieproduktion von TotalEnergies direkt auf Elektrizitätsproduktion entfallen, ungefähr 500TWh/a. Das entspricht in etwa dem heutigen jährlichen Strombedarf Frankreichs. Worauf Pouyanné abzielt, ist aber nicht die heimische Stromversorgung, wie aus der oben zitierten „Handelsblatt“-Meldung hervorgeht: Es geht vielmehr um die Stärkung der Position in den europäischen Strommärkten und die Versorgung von Rechenzentren.
Das Ökoinstitut von Greenpeace schätzt, dass sich der weltweite Strombedarf für KI-Rechenleistung in den Jahren bis 2030 gut verzehnfacht. Der Rechenaufwand allein für das Training der KI verdoppele sich etwa alle fünf Monate.
Das Schlagwort von den Daten als Öl des 21. Jahrhunderts passt dann auch zu der Bedeutung, welche die KI inzwischen in der Rüstung hat. Der bessere Algorithmus siegt auf dem Schlachtfeld. Die Schlachtschiffe, für die Total einst gegründet wurde, heißen jetzt Datenzentren, „KI-Gigafactories“.
Total und der deutsche Imperialismus
Es bleibt die Frage, ob hier das Gesamtinteresse der deutschen Finanzoligarchie mit dem Gesamtinteresse der französischen Finanzoligarchie diesmal zusammengehen wird und wie ihr politisches Personal das veranstalten soll.
Bisher haben bei diesen Möchtegernweltmachts-Souveränitäts-Projekten weder der nun sinkende Stern Emmanuel Macron noch seine „Partner“ Angela Merkel, Olaf Scholz und Friedrich Merz Lösungen im Geflecht der Interessen gefunden. Dieses Geflecht besteht nicht nur aus der Konkurrenz der Konzerne und ihrem Expansionszwang, der mangels Weltmacht auf dem Weltmarkt von der Dominanz des US-Imperialismus gebremst wird. Zur Weltmacht gehört die Atommacht, weiß nicht nur Markus Söder. In der EU hat Frankreich die Atommacht monopolisiert, es hatte einst auf Atomkraft als Hauptenergiequelle gesetzt. Nun sind die französischen Atomkraftwerke renovierungsbedürftig. Auch wegen der Renovierungskosten wurde die teilprivatisierte französische Atomindustrie inzwischen wieder ganz verstaatlicht. Macrons Nachfolger muss die Renovierungs-Milliarden finden. Die auch in Frankreich von der Finanzoligarchie beherrschte öffentliche Meinung lehnt allerdings Steuererhöhungen und noch höhere Staatsschulden ab. Die Energie-Souveränität der imperialistischen Datenschlachtschiffe soll wieder mit EU-Subventionen finanziert werden. Der für 2026 angekündigte „Aktionsplan zur Elektrifizierung der EU“ – noch ohne Atomenergie – wird gerade in den Medien ausgerollt. Er wird zeigen, wie sich das aktuelle Kräfteverhältnis zwischen den deutschen und französischen Finanzoligarchen und ihren Staaten entwickelt.
Der Artikel wird erweitert und auf dem Stand der anlaufenden EU-Diskussion in der „Kommunistischen Arbeiterzeitung“ (KAZ) 396 am 20. Juli 2026 erscheinen: kaz-online.de









