„Ich verfestige keine Idee, die mir nicht passt“

Andreas Wessel

Im April vor 50 Jahren wurde in Ostberlin der Palast der Republik eröffnet. Ein Haus für das Volk. Anna Franziska Schwarzbach, studierte Architektin und Bildhauerin, war 1974 als junge Frau an dem Bau beteiligt. UZ sprach mit ihr über die Zeit am Bau, den Palast und seine Funktionalität, seinen Abriss und die Gedanken des Bauhauses. Anna Franziska Schwarzbach war nur ein Jahr am Palast, aber das hatte es in sich. Als 2006 der Abriss begann, hatte nicht nur sie Tränen in den Augen.

UZ: Du hast von 1986 bis 1973 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee Architektur studiert. Damals wurde an der Hochschule noch groß gedacht. Es war noch etwas von ihrem Gründungsgeist vorhanden, von dem der Grafiker Arno Mohr, Gründungsmitglied der Hochschule, sagte, dass es darum ging, nach dem Krieg „die Stadt wieder einzurichten für die Menschen“. Architektur wurde in der DDR eben nicht isoliert betrieben.

Anna Franziska Schwarzbach: Bei uns sowieso nicht. Deswegen bin ich ja so glücklich, in Weißensee und auch noch zwei Jahre bei Selman Selmanagić studiert zu haben. Wir haben in gesellschaftlichen Zusammenhängen gedacht, nicht gesamtstädtisch, sondern gesamtlebensmäßig: egal was du machst, es muss in irgendeiner Weise mit dir zusammenstimmen, es muss mit der Umwelt zusammenstimmen, es muss mit allem zusammenstimmen.

UZ: Es ging auch um das Menschenbild und darum, was wir für eine Gesellschaft haben wollen. Kunst, Gestaltung und Architektur lassen sich nicht trennen.

Anna Franziska Schwarzbach: Das ist alles eins. Guck dir Berlin-Marzahn an. Da wurde gesamtgesellschaftlich geplant. Natürlich war ein Neubaugebiet noch etwas kahl, da waren noch keine Bäume, aber es gab eben Vorgaben im sozialistischen Wohnungsbau, die sofort sichtbar wurden. Zum Beispiel die Besonnungsabstände – die sollte man übrigens unter Denkmalschutz stellen. Es wurde so gebaut, dass jeder im Hochhaus mindestens zwei Stunden am Tag Sonne in der Wohnung hat. Das gibt es ja im Märkischen Viertel oder in Gropiusstadt nicht. Da ist dicht an dicht gebaut, da ist jeder Quadratmeter in Geld umgerechnet worden. Das gab es ja bei uns ja gar nicht. Ich habe noch Architektur beigebracht gekriegt, wo die Luft, die Erde, das Wasser das Kostbarste ist, was wir haben. Und so haben wir, habe ich gedacht.

UZ: Wie bist du als junge Architektin, 24-jährig, am Palast der Republik gelandet?

Anna Franziska Schwarzbach: Ich habe bei Klaus Wever Theaterbau studiert und bei Wladimir Rubinow mein Diplom im Gesellschaftsbau gemacht. Wever gefiel mein Entwurf für ein Freizeitzentrum und er bot mir an, nach dem Studium in sein Büro zu kommen. Das hätte ich auch gerne gemacht, aber er war plötzlich weg, blieb bei einer Vorlesungsreihe in den USA.

In der Hochschule hieß es dann, wenn du wirklich Architekt werden willst, musst du als erstes in den Industriebau. Ich landete im IHB, Ingenieurhochbau Berlin, und sollte in Lichtenberg-Nordost quadratkilometerweit Lagerhallen projektieren. Projektieren heißt ja immer verfestigen, und darauf war ich überhaupt nicht aus: also ich verfestige keine Idee, die mir nicht passt, und gieße das dann in Beton.

Der Projektleiter vom Palast der Republik, Manfred Barg, merkte, dass ich im IHB überhaupt nicht zurechtkam, dass ich da nur kämpfte. Durch einen glücklichen Zufall hatte ich ein Gespräch mit ihm und sagte, ich würde gerne an den Palast. Da waren der Architekt Manfred Prasser und Peter Weiß, der auch bei Selman studiert hat. Da wusste ich, die denken ähnlich. Dort wollte ich hin und da war ich dann von heute auf morgen im Planungsbüro im Marstall.

UZ: Du bist 1974 an den Palast gekommen, da war er schon etwa ein Jahr im Bau …

Anna Franziska Schwarzbach: Ich hab noch miterlebt, wie die Wanne unten gegossen wurde. Der Berliner Baugrund ist ja irre. Das ist da wie auf einem schaukelnden Schiff, wie ein Morast. Als die Wanne noch nicht gebaut, aber der Grund dafür schon ausgehoben war, ist der naheliegende Dom, damals noch Ruine, abgesackt. Dann wurde die Wanne gegossen, es wurde immer schwerer und das hat den Dom drüben wieder hochgehoben. Es gab Risse, aber richtige – das ganze Terrain bewegte sich!

PdR Grosser Saal Rohbau Bundesarchiv Superres - „Ich verfestige keine Idee, die mir nicht passt“ - Anna Franziska Schwarzbach - Hintergrund
1975: Der große Saal im Rohbau. Anna Franziska Schwarzbach: „Genau, das Foto ist super und so kenne ich das noch.“ (Foto: gemeinfrei)

UZ: Wie war das Arbeiten im Palast-Kollektiv?

Anna Franziska Schwarzbach: Womit ich nicht zurechtkam, war, dass die überhaupt nicht wussten, was sie wollten. Der ganze Palastbau war eine gleitende Projektierung. Der Palast wurde gebaut, war aber noch gar nicht fertig entworfen. Klar war nur: Die Kiste kommt da hin, vorne ist die Volkskammer, in der Mitte das Foyer, wo auch Kunst et cetera stattfinden soll, und die Seite zum Marstall wird eine Mehrzweckhalle.

Ich kam dann nicht zu Peter Weiß, sondern zu Werner Rösler. Rösler war ein Verrückter, aber im positiven Sinne. Er hatte hundert Ideen, fünfundneunzig davon waren großer Mist, aber die fünf guten Ideen, die waren perfekt. Die waren so gut, und das war so eine Kraft … Aber mit ihm wollte keiner so recht zusammenarbeiten. Als Manfred Prasser zum Beispiel in die Runde fragte, was machen wir denn mit dem Dom da drüben, der so wackelt, kam Rösler am nächsten Tag mit Zeichnungen an: der Berliner Dom als öffentliches Dampfbad – wie im alten Rom!

Am Grundplan des Palastes konnten wir nichts mehr ändern, beim Sächsischen Stahl- und Brückenbau wurde ja schon das statische Gerüst produziert. Rösler und ich haben nur am großen Saal gearbeitet, den Prasser als Sechseck entworfen hatte.

Ein Sechseck in einem rechtwinkliges Kasten – da ergeben sich ganz blöde Winkel. Das haben wir zum Beispiel gemerkt, als wir beauftragt wurden, die Zentraltoilette zu machen – unsere 47. Variante wurde genommen. Wir haben viele Spiegel reingesetzt und wenn du vor einem Spiegel standest, konntest du dich durch diese 60-Grad-Winkel seitlich dutzendfach sehen, wie in einem Kaleidoskop – das war schon schön.

Wir haben bis nachts um zwölf gearbeitet, also entworfen, entworfen, entworfen. Am nächsten Tag mussten die technischen Zeichnerinnen das schon umsetzten und am dritten Tag wurde gebaut!

Das Schöne war, dass wir da eben nicht nur projektiert, sondern auch gedacht haben – und gesponnen. Rösler meinte zum Beispiel, im Jahr 2000 ziehen die Leute überhaupt nichts mehr an, die bemalen sich nur noch. Deshalb müssten wir Duschen in die Toiletten einbauen, denn wenn die schwitzen, dann geht ja die Farbe ab. Sie müssten sich also x-mal waschen am Tag, damit sie sich neu anmalen können.

UZ: Im besten Sinne utopisches Denken.

Anna Franziska Schwarzbach: Absolut!

UZ: Ihr hattet beim Palast keinen Mangel an Material zu verwalten, aber trotzdem sind 1.000 Tage Bauzeit enorm wenig – wie ging das?

Anna Franziska Schwarzbach: Wir standen unter enormem Druck. Wir haben Tag und Nacht gearbeitet. Ich war selten vor halb eins nachts zu Hause, und am nächsten Morgen um sieben musste ich wieder da sein – von Weißensee aus mit der Straßenbahn. Das habe ich selten geschafft und da gab es natürlich Theater. Und dann passierte etwas Verrücktes: Manfred Barg kam zu mir und sagte, „Morgen um sieben sitze ich an Ihrem Platz und lese Ihnen ‚Franziska Linkerhand‘ vor!“ Nun war ich ja auch noch Linkshänderin … Von da an musste ich um fünfe aufstehen, damit ich das schaffe – und Barg saß wirklich jeden Tag um sieben da und hat mir den Roman von Brigitte Reimann vorgelesen!

UZ: Gab es bei diesem Druck Probleme mit den Kollegen?

Anna Franziska Schwarzbach: Mein Hauptproblem war, dass ich nicht projektieren, also verfestigen konnte, was ich selber nicht wollte. Da hat sich in mir alles gesträubt. Letztlich haben wir ja nur Angebote gemacht, viele davon wurden nicht angenommen.

Eine große Sache war der Fußbodenbelag. Da kamen Riesenmarmorblöcke, so drei Meter Kantenlänge, und wurden in Scheiben geschnitten. Bei diesen Riesenscheiben hast du unglaubliche Bilder, wie die Schichten und Adern im Gestein da so durchgehen – Wahnsinn! Ich konnte mich daran gar nicht sattsehen.

Auf Wunsch von Erich Honecker sollte aus diesen großen Marmorplatten ein kleinteiliges „Parkett“ gemacht werden – möglichst bunt, bunt, bunt. Die Scheiben sollten in Riemchen geschnitten werden und es gab dann Riemchenverlegepläne. Werner Rösler und ich haben Tag und Nacht Marmorverlegepläne für den ganzen Palast gezeichnet, schwarze Fläche gegen grüne Fläche, große Flächen mit Adern durch – was haben wir geträumt! Da gibt es mindestens acht türrahmengroße Zeichnungen, unsere Entwürfe sind aber nicht durchgekommen …

UZ: Und das war für dich dann nicht hinnehmbar?

Anna Franziska Schwarzbach: Da bin ich richtig wild geworden. Wir hatten unten im Marstall keine Feuermelder, deshalb standen immer zwei Wassereimer neben dem Tisch, falls es brennt. Ich nahm die Eimer und hab die den Leuten über den Tisch gekippt, über die Riemchenpläne. Das war ein Riesentheater! Mir wurde das Gehalt gekürzt und ich wurde „strafversetzt“: Ich musste den Palast in Pappe bauen, so ein Riesenpappmodell. Aber das hat mir eigentlich unheimlich viel Spaß gemacht, weil jeden Abend die Architekten kamen und an dem Modell Sachen ausprobiert haben.

UZ: Ohne Computermodelle war es ja nicht so einfach, räumlich zu planen.

Anna Franziska Schwarzbach: Gerade die perspektivischen Ansichten und Durchsichten! Werner Rösler konnte das, aber ich hatte das vorher nicht gelernt – in dieser Drei-Fluchtpunkt-Perspektive Riesenpanoramen vom großen Saal zeichnen, hintereinander weg, um begreiflich zu machen, wie das alles so aussehen wird, wenn du die Treppe hochkommst oder durch eine Tür guckst.

Dabei sind wir auf ein Problem gestoßen: Der große Saal hing an Riesen-Fachwerkstahlträgern. Der ganze Saal war zwischen sechs Säulen statisch eingefasst und diese Säulen sollten im zweiten Geschoss – da waren sie sichtbar, im dritten und vierten waren sie eingemauert – mit Marmor eingefasst werden. In den gezeichneten Perspektiven konnte man gut sehen, dass der Blick durch die Marmorplatten komplett verstellt worden wäre. Honecker wollte eben überall Marmor haben. Aber wir konnten mit unseren Zeichnungen davon überzeugen, die Fachwerksäulen offen zu lassen.

UZ: Es gab also durchaus einen Dialog!

Anna Franziska Schwarzbach: Ja, das waren dann schöne konstruktive Verhandlungen, sie haben aber auch lange gedauert. Und dann kam das nächste Problem: Die Eisensäulen hatten keinen Feuerschutz. Zur gleichen Zeit wurde in Westberlin das ICC gebaut, und da ist Manfred Prasser, oder wer auch immer, rüber und hat sich angeschaut, wie dort Sprühasbest aufgebracht wurde. Letztlich hat dann die gleiche Firma auch unsere Säulen verasbestet. An diese Fachwerksäulen haben wir die Treppen gehängt. Ursprünglich sollten sie auch aus Marmor sein. Aber am Ende haben wir ganz leichte Edelstahltreppen mit Glas gemacht.

UZ: Noch einmal zu den Kompromissen bei der Ausstattung, wie siehst du das heute?

Anna Franziska Schwarzbach: Das mit dem Geschmack ist ja so eine Sache. Ich erinnere mich, dass Prasser einmal mit rotem Kopp runter in den Marstall gerannt kam und brüllte: „Der (Honecker) mit seinem Proletengeschmack, ich halt‘s nicht durch.“ Es ging um die goldgelben Plüschsessel, die roten Teppiche, den Marmor. Wir haben uns dann lange darüber unterhalten – das wäre eigentlich eine richtige Geschichtsvorlesung. Der einfache Arbeiter, der Prolet, wenn der den ganzen Tag an der Maschine gestanden hat, will er eben, wenn er ins Theater geht, in Plüsch und Plunder sitzen – „Ich bin der König jetzt“ – und nicht in Stahlrohrsesseln. Von dieser Haltung ging Honecker nicht ab. Proletengeschmack, das Wort ist nicht böse gemeint, sondern eine ganze Geschichtsbildung, das muss man sich vergegenwärtigen. Das Bauhaus kommt vom Bürgerlichen her. Die meisten Bauhäusler sind mit Plüsch und Plunder groß geworden und fanden es dann wunderbar, in einem Rohrsessel zu sitzen. Aber wie erklärst du das jemandem?

UZ: Eine Frage der ästhetischen Erziehung.

Anna Franziska Schwarzbach: Ganz genau, und da war der Palast sehr gut. Wir haben alles bedacht und gesagt: Das ist jetzt euer Palast.

UZ: Ohne Stuck und Stilmöbel, und den Leuten hat es gefallen! Wie würdest du den Palast architektonisch einordnen in die europäische Moderne, war das international konkurrenzfähig?

Anna Franziska Schwarzbach: Also erst mal rein logistisch, von der Funktion her, war der Palast super. Besonders das Foyer in der Mitte, und dann natürlich der große Saal. Er war sowohl Arena als auch Bühne und Konferenzsaal. Man konnte die unteren Ränge hochklappen, die Decken waren höhenverstellbar, die Parkette schwenkbar. Oder man schob die Teleskopwände rein, dann hattest du sechs Konferenzsäle mit den einzelnen Projektionsflächen. Also das war schon großartig. Qualität hatte es auf alle Fälle, da kannst du sagen, was du willst. Auch das Foyer mit den Riesenbildern. Der Palast, der war eben einfach ’ne „ordentliche Kiste“.

UZ: Ich erinnere mich gut, dass das Ganze auch für ein Kind etwas Offenes, Einladendes, Übersichtliches hatte.

Anna Franziska Schwarzbach: Der Palast hatte eine Klarheit, war übersichtlich und hatte eine ungeheure Funktionalität. Der Palast war kein Staatsgebäude, ein Staatsbau ja, aber für uns alle. Im großen Saal sind die besten Leute aufgetreten. Aber es gab auch wichtige kleinere Veranstaltungen, Lesungen, Vieles im TiP, dem Theater im Palast. Auch das war sehr flexibel. Man konnte es ganz klein machen, einen intimen Raum daraus machen. Da traf man sich und saß auch mal länger zusammen. Und dann gab es neben den Großrestaurants auch viele kleine gastronomische Ecken.

UZ: Das alles trägt den Bauhausgedanken in sich. „Bauhaus“ ist nicht nur eine ästhetische Angelegenheit, auch wenn es heute oft darauf reduziert wird. Es geht um Funktionalität innerhalb der Gesellschaft. Heute wird so getan, als sei das Bauhaus im Westen was ganz Großes gewesen und im Osten habe man es nicht gemocht. Dabei basierte die ganze Hochschule Weißensee auf dem Bauhausdenken! Leute wie Selmanagić kamen vom Bauhaus, und da ging es eben darum, wie Mohr sagte, die Stadt für die Menschen einzurichten. Es geht nicht darum, ob du einen weißen Kubus baust, sondern ob es funktioniert, und der Palast hat funktioniert. Er wurde angenommen von den Leuten, und die Ästhetik war von der Funktion her entwickelt.

Anna Franziska Schwarzbach: Es tut mir leid um diesen Bau. Es gab ja dann den Wettbewerb, was mit dem Palast geschehen soll. Weltarchitekten wurden angeschrieben, um eine Lösung für den Schlossplatz zu finden. Mehrere Architekten wollten den Palast in seiner ganzen Funktionalität erhalten. Sie wollten ihn zum Lustgarten hin öffnen. Das war so ein wunderbarer Entwurf – es musste aber das Schloss sein, unbedingt musste das Schloss wieder her, zumindest die Fassade. Das ist so unfunktionell, so fürchterlich. Das ist – die Langeweile eigentlich.

Selmanagic mit Studenten 1970 mod - „Ich verfestige keine Idee, die mir nicht passt“ - Anna Franziska Schwarzbach - Hintergrund
Selman Selmanagić (mit Zylinder) an seinem 65. Geburtstag, 1970, mit seinen Studenten vor der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. In der Mitte: Anna Franziska Schwarzbach. (Foto: Privatarchiv Schwarzbach)

UZ: Der Palast musste weg, um jeden Preis, weil er eben gut war. Das wäre doch jetzt der zentrale Ort für Veranstaltungen, Gastronomie, als Treffpunkt. Der Palast der Republik, das Zentrum Berlins – das durfte nicht sein.

Anna Franziska Schwarzbach: Eben, das durfte nicht sein. Selbst als der Palast abgerissen wurde, also als nur der Stahlbau noch stand, kamen Architekturgedanken von uns in die Diskussion: Was du in einem solchen Gerüst machen kannst, wie schnell man da was reinkriegt …

UZ: Du bist nach einem Jahr vom Palast weggegangen und ganz aus der Architektur raus und hast dich der Bildhauerei zugewandt.

Anna Franziska Schwarzbach: Am Palast, das war schon eine schöne Zeit. Das war wie ein Dorf, auch mit all den kleinen Intrigen. Ich bin vor allem gegangen, weil ich ein Kind gekriegt habe. Dann wollte ich aber auch nicht mehr in die Architektur zurück. Als Architekt bist du wie in einem Riesensinfonieorchester. Du musst dein kleines Tönchen irgendwo spielen und kriegst dann vielleicht auch Anweisungen, etwas zu machen, was du nicht willst. Wenn du Architekt sein willst, wenn du so ein Orchester auch dirigieren möchtest, dann musst du überzeugen können.

Manfred Prasser war da sehr gut. Er hat am Palast am Abend alle Architekten zusammengerufen – wir waren vielleicht so 20 im Marstall – und gesagt, „So, wir müssen jetzt eine Konzeption machen“. Es ging ja immer um die Frage, wie machen wir denn dies oder das? Es stand ja nichts fest. Und Prasser sagte dann immer: „Ich hab ’ne Ahnung, ich hab da so ’ne Ahnung“, und ich sagte, „Na welche Ahnung haste denn?“, „Na ja, ’ne Ahnung“. Und dann haben wir über die Ahnung gesprochen, wie man das eventuell machen könnte, und am nächsten Morgen kamen wir alle mit unseren Entwürfen an. Das Problem war nur, wir waren uns, sagen wir mal um Mitternacht, einig. Alle waren einer Meinung, und am nächsten Morgen hast du zwanzig verschiedene Entwürfe gehabt.

Das dann unter einen Hut zu bringen, das musst du können und du musst es auch wollen. Ich war jung, durchsetzen konnte ich mich meist nicht, und wenn du als Frau dann unzufrieden warst, hieß es schnell, „Hast wohl deine Tage“ oder solche Sprüche.

UZ: Wie viele Frauen wart ihr denn?

Anna Franziska Schwarzbach: Es waren schon einige Frauen, aber die meisten waren Technische Zeichnerinnen. Ich kam direkt vom Studium, mit frischen, lebendigen Ideen, wollte alles auf den Kopf stellen und alle Normen hinterfragen. Ich war immer so ein bisschen dagegen: Nee, das geht doch nicht so, so können wir das doch nicht so machen … da hing ich schnell fest. Im Saal gab es den vierten Rang für die Dispatcherzentrale, für Fernsehleute, Übersetzer und so. Den wollte keiner machen. Klar, dann hieß es: „Franziska, den machst du.“

Durch die schrägen Träger waren die Räume aber gar nicht geeignet für das, wofür ich sie vorgesehen hatte. Prasser schickte mich dann nach Dresden zum Sächsischen Stahl- und Brückenbau. Ich musste dort dann den Statikern, 50-Jährige und in meinen Augen uralte Männer, erklären, dass sie die Träger in Fachwerkträger auflösen müssen. Als sie den Palast abgerissen haben und ich sah von unten die kleinen Löchelchen in den Trägern dort oben, da hab ich geheult.

Anna Franziska Schwarzbach, geboren am 21. September 1949 in Rittersgrün (Erzgebirge), aufgewachsen in Schwarzenberg, lebt als Bildhauerin und Grafikerin in Berlin. Die Bauhäuslerin Marianne Brandt riet ihr, Architektur bei Selman Selmanagić (1905–1986) an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zu studieren. Nach dem Diplom war Anna Franziska Schwarzbach Architektin am Palast der Republik, seit 1977 freiberufliche Bildhauerin. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Porträts und Denkmalgestaltungen, zahlreiche ihrer Werke stehen im öffentlichen Raum, unter anderem in Berlin, Lüneburg, Göttingen, Erfurt, Magdeburg, Merseburg, Essen und Halle. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Medaillengestaltung. Schwarzbach arbeitet in Holz und Stein, ihr bevorzugtes Material für den Metallguss ist Eisen.
www.franziska-schwarzbach.de

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Selman Selmanagić (1905 bis 1986), geboren in Srebrenica, machte 1925 seinen Meister als Bau- und Möbeltischler. Seinem Interesse an Architektur folgend begann er 1929 ein Studium am Bauhaus in Dessau. Er gehörte zum letzten Lehrgang, der regulär am Bauhaus stattfand. Seinen Abschluss machte er 1932 mit dem Bauhausdiplom Nr. 100, unterschrieben von Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer. Kurz darauf wurde das Bauhaus gezwungen, Dessau zu verlassen. Selmanagić ging nach Berlin und war aktiv im Widerstand gegen den Faschismus. Von 1950 bis zu seiner Emeritierung 1970 war er Leiter des Fachgebietes Architektur an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Seit 1951 hatte er dort eine Professur für Bau- und Raumgestaltung inne.

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Werner Rösler (1936–1988), studierte Architektur an der Technischen Universität Dresden. Seit 1966 war er Mitarbeiter am Institut für Städtebau und Architektur der Bauakademie der DDR in Berlin. In seinen Entwürfen, unter anderem für die Akademie der Künste und den Deutschen Dom, kombinierte er postmoderne Formensprache mit historischer Bausubstanz. Er zeichnete zahlreiche Studien für den Palast der Republik und „aktivierte mit seinen variantenreichen Architekturvorstellungen den Planungsprozess des Palastes in eminenter Weise“ (Harald Engler). Der Nachlass Röslers wird vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung bewahrt, seine visionären Entwürfe finden zunehmend Interesse.

Ein politischer Willkürakt
Freundeskreis Palast der Republik veröffentlicht 20 Thesen

Nach 32 Monaten Bauzeit wurde der Palast der Republik am 23. April 1976 in Berlin, Hauptstadt der DDR, eröffnet. Das Volkshaus war 14 Jahre geöffnet und zählte etwa 70 Millionen Gäste. Täglich kamen mindestens 15.000 Besucherinnen und Besucher. 1990 wurde der Palast wegen Asbestbelastung geschlossen. 2003 beschloss der Bundestag den Abriss, der von Februar 2006 bis Dezember 2008 erfolgte.

Der „Freundeskreis Palast der Republik“, gegründet 2007, nennt die Schließung einen „politischen Willkürakt“ und die Asbestbelastung ein „Mittel zum Zweck“. Raumluftmessungen hätten ergeben, dass die zulässigen Grenzwerte nicht überschritten wurden, also kein dringlicher Grund zu Schließung bestand. Diese und weitere Informationen hat der Freundeskreis in „20 Thesen zum Palast der Republik – von gestern bis heute“ veröffentlicht. Im Vorwort heißt es: „Der Abriss des Palastes der Republik ist ein Beispiel dafür, wie Mandatsträger auf Bundes- und Landesebene mit demokratischen Prinzipien umgehen und dabei die Meinung der Bevölkerung missachten – ein Beispiel von vielen, wie das Sport- und Erholungszentrum (SEZ), das Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, die Großgaststätte Ahornblatt in Mitte, das Generalshotel am Flughafen Schönefeld und das Palasthotel zeigen – allesamt Bauten in Berlin, Hauptstadt der DDR.“ Der Freundeskreis will die Protestbewegung der vergangenen Jahre gegen die politisch motivierte Palastvernichtung fortsetzen. Er betrachtet dies als einen Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik und des sogenannten Einigungsprozesses: „Historische Wahrheit am konkreten Beispiel als Teil von Erinnerungskultur und als Protest.“ In einer Wanderausstellung hat der Freundeskreis die Geschichte des Palastes dokumentiert. Sie wurde bereits 37 Mal an verschiedenen Orten gezeigt.

UZ dokumentiert die „20 Thesen zum Palast der Republik – von gestern bis heute“ in ihrem Blog.


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"„Ich verfestige keine Idee, die mir nicht passt“", UZ vom 10. Juli 2026



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