Wie die Berliner Start-up-Szene in die Kriegswirtschaft integriert wird

Ökosystem der Kriegstreiber

Zalando, Rocket Internet oder Lieferando – Namen aus der Welt der sogenannten „New Economy“. Einst als Start-ups gestartet, sind diese sich gerne als Weltwunder an technologischem Fortschritt inszenierenden Unternehmen der Digital- und Plattformökonomie heute teils börsennotierte und international agierende Größen ihrer Branche. Alle haben ihren Ursprung im Berlin der 2010er Jahre.

Damals machte sich ein rot-roter Senat unter dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf, um Berlin zur „Hauptstadt der Start-ups“ auszubauen. Nichts weniger als das „deutsche Silicon Valley“ sollte entstehen. Mit dem Aufbau eines umfassenden Start-up-Ökosystems sollte aus der „Arm, aber sexy“-Hauptstadt der Nullerjahre eine „Global City“ mit vielen neuen Arbeitsplätzen wachsen. War der Slogan „Arm, aber sexy“ für einige ein gelungener Marketinggag, verhöhnte Wowereit damit real breite Teile der Berliner Bevölkerung, die zu Beginn des neuen Jahrtausends bei 20 Prozent Arbeitslosenquote ein unwürdiges Dasein fristeten. Insbesondere traf das die Menschen im Ostteil der Stadt, die nach einem Jahrzehnt des radikalen Ausverkaufs der Hauptstadt der DDR mit wenig Hoffnung in die Zukunft blicken konnten. Sie waren beim Start-up-Hype, bei Wirtschaftswachstum und Wohlstand ohnehin nie mitgemeint. Es folgte ein bis heute fortgesetzter radikaler Ausverkauf der Stadt. Ganze Kieze wurden plattgemacht und als „Betongold“ für das Kapital wieder aufgebaut. Steigende Mieten, Zwangsräumungen und Verdrängung sind die Folgen. Darauf ist der Berliner Senat bis heute besonders stolz: „Europäische Start-up-Hauptstadt“ – ein Gütesiegel für eine gespaltene und marode Stadt. Doch damit nicht genug, jetzt kommt die Kriegswirtschaft.

Neuer „Hype“ und alte Bekannte

Auch die Start-up-Branche stottert. Laut einer Studie von „dealroom.co“ sind die Risikokapital-Investitionen in den vergangenen 24 Monaten um insgesamt 50 Prozent eingebrochen. Davon betroffen sind beinahe alle Tech-Bereiche, die für die Rüstung nicht interessant sind. Der „Hype“ der Pandemiezeit ist nun auch in der Gründerszene Berlins abgeklungen und der neue „Hype“ um Kriegstechnologie noch nicht richtig angekommen. Während die Investitionen in Start-ups im „Defense, Security and Resilience“-Segment explodieren, fließt nur ein Bruchteil des investierten Risikokapitals in Berliner Defense-Tech. Für den Senat in der „Hauptstadt der Start-ups“ hat die strategische Neuausrichtung zum Aufbau eines DefTech-Ökosystems den Charakter „wirtschaftlicher Vernunft“ – zumal sich der Kreis der Kapitalgeber in den vergangenen Monaten sprunghaft erweitert hat. Nachdem die EU-Kommission im vergangenen Jahr die Regeln für Investitionen sogenannter Nachhaltigkeitsfonds (ESG-Regeln) um Rüstungsgüter ergänzte, boomt der Markt. Der Hype um die Rüstungsmilliarden soll jetzt auch in Berlin fruchten.

Berlin – Stadt der Rüstung?

Nur vier Monate nach dem Senatsbeschluss zum Defence-Hub Berlin kam es zur Eröffnung des „TechHub-SVI Ost“ von Senat und Industrie- und Handelskammer (IHK) (siehe UZ vom 8. Mai). Auf der Pressekonferenz zur Eröffnung nannte SPD-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ein paar bemerkenswerte Kennzahlen. Es seien bereits „130 Unternehmen aus der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in der Hauptstadtregion ansässig“ und „über 400 Unternehmen, die im Dual-use-Bereich Produkte, Software oder Technologien erarbeiten“. Die hohe Anzahl lässt aufhorchen, zählt Berlin doch, wie der Osten insgesamt, bislang eher zu den unterentwickelten Landstrichen der Rüstungsindustrie. Was sich allerdings gegenwärtig rasant wandelt, wie einige Fälle von Übernahmen ziviler Industriebetriebe durch Rüstungsschmieden darlegen. Der Senat will Berlin mit dem „TechHub SVI Ost“ zum Zentrum dieser Kriegsertüchtigung des Ostens machen.

Eine zentrale Rolle dabei spielt die Entwicklung der Technologien des modernen Krieges. Künstliche Intelligenz (KI), Cyber Security, Drohnen, Sensorik, Photonik, Robotik – all das, was in den vergangenen vier Jahren auf den ukrainischen Schlachtfeldern als „Innovationen“ der Kriegsführung hervorgebracht wurde. Dafür brauche es mehr Start-ups, mehr Forschung und Entwicklung und hierzu die umfassende Einbindung der Berliner Hochschulen und Universitäten. Gerade Letztere sollen die Dual-use-Fähigkeiten ihrer Forschungsvorhaben gleich mitdenken, heißt es im Positionspapier zum TechHub. Ziel ist es, das über fast zwei Jahrzehnte gereifte und komplexe Start-up-Ökosystem dafür zurechtzumachen.

Kamikazedrohnen-Einhorn „Stark Defence“

Ein Gewächs aus diesem über Jahre vom Senat gezüchteten und bevorteilten „Ökosystem“ aus „Entrepreneurs“, internationalem Risiko- und Finanzkapital sowie einer breit aufgestellten Forschungs- und Hochschullandschaft ist der Informatiker Johannes Schaback. Er hat über Jahre an der Start-up-Geschichte Berlins mitgewirkt und selbst als Gründer in der Digital- und Plattformökonomie sein Geld gemacht.

Strategisch klug also, wenn ein Offizier und Absolvent der Bundeswehr­universität in München diesen Berliner Netzwerker der Start-up-Szene für sich rekrutiert, um zum Jahresbeginn 2024 das erste Angriffswaffen produzierende Berliner Start-up zu etablieren: „Stark Defence“. Jener Bundeswehroffizier ist Florian Seibel. Er ist mit dem Münchener Drohnen-Start-up „Quantum Systems“ zur etablierten Größe auf dem Markt herangewachsen. Seine Zielsetzungen kommuniziert er ganz offen. Das Unternehmen solle zum „echten europäischen Champion“ aufsteigen, schildert er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in einem Interview.

Solche Ambitionen verlangen ein gut aufgestelltes Netzwerk: Im April wurde bekannt, dass Seibel eine gewisse Marie Theres Niedermaier, persönliche Referentin im Kanzleramt für Wirtschafts- und Finanzpolitik, zu Stark Defence rekrutierte. Der Verein „Lobbycontrol“ kommt deshalb zu dem Schluss, dass sich das Rüstungs-Start-up „offenbar um ein starkes Kontaktnetzwerk im politischen Berlin“ bemühe. Bereits im Sommer vergangenen Jahres wechselte der Sozialdemokrat Johannes Arlt nach dem Scheitern seiner Wiederwahl in den Bundestag kurzerhand zu „Stark Defence“. Er brachte die passende Expertise und sicherlich brauchbare Kontakte aus einer Legislatur im Verteidigungspolitischen Ausschuss mit.

Diese Bemühungen fruchten. Im Februar dieses Jahres war klar: Stark Defence darf der Bundeswehr Kamikazedrohnen verkaufen und erhält dafür zunächst 270 Millionen Euro, mit der Aussicht auf bis zu einer Milliarde. Mit dem Zuschlag haben Seibel und Co. dem Mitbewerber und Rüstungsriesen Rheinmetall einen deutlichen Schlag versetzt. Die Bundeswehr titelte in ihrer Mitteilung zum Kauf, die Kamikazedrohnen seien die „Gamechanger für die Bundeswehr“. Vorbei die Zeiten also, in denen der Panzerbauer seinen Leopard als „Gamechanger“ für die Ukraine inszenieren konnte. Die „Leos“ erfüllten das Merkmal auch nie. Spätestens dann nicht mehr, als Videos im Internet kursierten, in denen ein 30-Millionen-Euro-Koloss von einer für wenige hundert Euro zusammengebastelten Drohne zerstört wurde.

Soldaten im Smart-Casual-Look

Der Berliner Senat beginnt mit dem Aufbau des „Defence Hubs“ nicht bei Null. Bei genauerer Betrachtung besteht bereits ein sehr aktives Netzwerk aus Politikern, Militärs, Unternehmensberatungen und Risikokapital.

Ein zentraler Multiplikator ist das 2017 eröffnete Cyber Innovation Hub (CIH) der Bundeswehr in Berlin-Charlottenburg. Der Start-up-Szene nachahmend, in einem alten Loft direkt neben der Spree gelegen, ist das CIH als erste „digitale Innovationseinheit“ der Bundeswehr an den Start gegangen. In einer Zeit, in der in den Talkshows das Märchen von der Unterfinanzierung der Bundeswehr gesponnen wurde, entstand hier der Versuch eines frühen Treibers für den deutschen Defence-Tech-Bereich. Selbsterklärte Aufgabe sei es, „eine Schnittstelle zwischen Truppe, Start-ups und Forschung“ herzustellen mit dem Anspruch, „digitale Technologien radikal schnell in die Praxis zu bringen“, heißt es auf der CIH-Website.

Mit Sven Weizenegger hat sich die Bundeswehr einen nicht in ihren Reihen gedrillten Soldaten als Leiter herangezogen. Weizenegger arbeitete für die Telekom und gründete selbst mehrere Start-ups. „Für Start-Ups ist es eine große Chance, mit uns zusammenzuarbeiten“, sagt Weizenegger in einem Bundeswehr-Interview, „zum einen für die Entwicklung des eigenen Produkts, zum anderen aber auch, weil sie einen Beitrag zum Schutz der Demokratie leisten können“.

Das CIH-Programm „Intrapreneurship“ steht in diesem Geiste und will umgekehrt aktive Soldaten zum Einstieg in die Start-up-Szene ermuntern. Ein Paradebeispiel eines solchen Cyber-Soldaten ist Yorck Hesselbarth. Der KI-Spezialist ist am Berliner Start-up Orcrist Technologys beteiligt, das als „deutsches Palantir“ kursiert. Orcrist bewirbt sich um zahlreiche Förderungen aus Rüstungstöpfen des EU-Horizont-Programms und ringt derzeit mit anderen Start-ups um den Auftrag für ein „Palantir“ für die Bundeswehr. Dem gleichnamigen US-Ausspähunternehmen hatte die Bundeswehr zuvor eine Absage erteilt.

Leuchttürme des neuen Militarismus

Das Ökosystem der Start-up-Hauptstadt zeichnet sich durch ein weites und zuweilen undurchsichtiges Netz aus Hubs, Parks, Co-Working Spaces, Initiativen und Programmen aus, an dem Defence-Tech-Akteure bereits problemlos andocken konnten. Ein Beispiel findet sich am ehemaligen Flughafen Tegel. Dort ist in den vergangenen Jahren das Großprojekt „Berlin TXL“ entstanden. Das auf seiner Internetseite als „Leuchtturm für Nachhaltigkeit“ angepriesene Projekt ist als eine Art Start-up-Stadtteil konzipiert. Einen Platz fand hier unter anderem das zivil gestartete Drohnen-Start-up German Drones, das mit seinen Aufklärungsdrohnen mittlerweile im Ukraine-Krieg sein Geld verdient. Aber auch hinter Namen wie Project Q, Promethion, Radiant oder Sapper Intelligence verbergen sich Start-ups, die bereits im Defence-Tech-Bereich agieren. Wenig überraschend also, als der Regierende Bürgermeister bei der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstelung (ILA) Mitte Juni davon fantasierte, dass auf dem 500 Hektar umfassenden Tegeler Areal künftig ein „DefTech-Campus“ errichtet werden soll.

Ebenfalls auf der ILA gab Wegner eine weitere pikante Neuigkeit bekannt: Als Teil des Technologieparks Adlershof im Osten Berlins wird ein neues Innovationszentrum für „Luft- und Raumfahrt und Verteidigung“ entstehen. Dafür hat sich der CDU-Mann die Expertise eines seit Jahren an Krieg und Völkermord gewachsenen Players der Branche ins Berliner Boot geholt: Der Mitentwickler am bekannten Arrow-3-Raketensystem Israel Aerospace Industries (IAI) unterzeichnete zusammen mit der Senatskanzlei eine entsprechende Absichtserklärung. IAI wird federführend am Aufbau des Zentrums in Adlershof mitwirken. Mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Rhode & Schwarz und Jenoptic sind bereits namhafte Größen aus der ersten Rüstungsliga in Adlershof ansässig – in direkter Nähe zum angrenzenden Campus für Naturwissenschaften der Humboldt-Universität.

Ein weiterer bedeutender, aber unscheinbarer Ort liegt im südlichen Berlin. Auf dem Areal eines alten Gaskraftwerks existiert bereits seit 2013 der „Innovations-Hub“ Marienpark. Seit Kurzem macht der Park eine strategische Metamorphose durch. Wo früher ein Brauerei-Start-up Berliner Bier braute, steht jetzt der „Resilience Technology Campus“. Es vereint die Bereiche Künstliche Intelligenz, 3D-Druck-Technologien, „Cyber Security“ und DeepTech und kooperiert mit führenden europäischen Netzwerken der Branche. Um sich für die Szene in Position zu bringen, lädt es im Juli zum „European Defence Tech Hackathon“ ein. Ein europaweites Stelldichein von Militär, Defence-Tech-Startups und Hackern der Szene.

Begleitet wird der Resilience-Campus von der sogenannten „Expert Group: AI in Defence & Security“ des im Campus integrierten europaweiten Netzwerks „KI-Park“. Ein Prototyp eines „Experten“ für Tech-Militarismus ist Lars Ruth. Als Bankkaufmann bei der Deutschen Bank gestartet, hat er es bei der Bundeswehr-Marine zum Fregattenkapitän gebracht und verfolgte den lupenreinen Karriereweg eines Bundeswehr-Aufsteigers. Er hat einen Abschluss an der United States Naval Academy – einer traditionsreichen Militärakademie für Cyber-Warfare, Psychologie und Geheimdienste. Mit Zwischenstationen bei der NATO half Ruth dann zwischenzeitlich im Aufbaustab Cyber- und Informationsraum beim digitalen Umbau der Bundeswehr mit. Nach seiner Dienstzeit wechselte Ruth ins Unternehmensberatungsgeschäft und leitet seit 2021 die Abteilung „Defense, Security & Justice“ beim weltweiten Branchenprimus Deloitte. Ruths Biografie zeigt exemplarisch eindrucksvoll, welche Akteure im Rahmen des transatlantischen Militarismus für den angekündigten Umbau der „Hauptstadt der Start-ups“ zur Defence-Tech-Metropole stehen.

Für Berlin gilt: Die Voraussetzungen dafür sind längst geschaffen, wie der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bei der Eröffnung des „Tech Hub SVI Ost“ in die Pressemikros prahlte. Die in diesem Artikel erwähnten Strukturen und Netzwerke zeigen das, bilden aber nur einen Ausschnitt dieser Entwicklung ab. Hinter der fremd wirkenden Welt der Start-ups, Ökosysteme und des Risikokapitals verbergen sich bedeutende Triebkräfte für den Umbau zur Kriegswirtschaft. Gerade deshalb sollten sie im Bewusstsein der Kriegsgegner sein.

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"Ökosystem der Kriegstreiber", UZ vom 26. Juni 2026



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