Bauhauptgewerbe: Kapital will Ungleichheit zementieren

Trippelschritte ins Jahr 2104

Im Bauhauptgewerbe stehen die Zeichen auf Arbeitskampf. In der vergangenen Woche sind die Tarifverhandlungen nach der fünften Verhandlungsrunde für gescheitert erklärt worden. Die Bundestarifkommission der IG BAU hat daraufhin dem Gewerkschaftsvorstand vorgeschlagen, die Schlichtungsstelle anzurufen. Kommt es hier zu keiner Einigung im Tarifkonflikt, stehen Streiks auf der Tagesordnung.

Zum Hintergrund: In der aktuellen Tarifauseinandersetzung fordert die IG BAU neben einer Lohnerhöhung von 5,3 Prozent für die rund 890.000 Beschäftigten in der Branche eine Angleichung der Ostlöhne auf Westniveau. Trotz exzellenter ökonomischer Rahmenbedingungen und hoher Profitraten verweigert die Kapitalseite jedoch ernsthafte Verhandlungen.

Insbesondere bei der dritten zentralen Forderung der Gewerkschaft nach Vergütung der Wegezeiten stellen sich die Bauunternehmer stur. Als Bedingung für ein neues Verhandlungsangebot soll die IG BAU ihre Forderung zur Wegezeitentschädigung zurückziehen. In bester Gutsherrenart scheinen die Bosse zu glauben, der Gewerkschaft vorschreiben zu können, welche Forderungen diese aufzustellen hat.

Auch das Prinzip „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist für die Kapitalseite „sozialistische Gleichmacherei“ und man verweigert sich einer Angleichung der Ostlöhne auf Westniveau. Aktuell liegt der mittlere Lohn eines Vollzeitbeschäftigten in Westdeutschland bei 3.355 Euro brutto im Monat. In Ostdeutschland sind es nur 2.713 Euro. 2011 lag der mittlere Bruttomonatslohn für Vollzeitbeschäftigte im Westen bei 2.691 Euro und im Osten bei 1.972 Euro. Dies entspricht einer Differenz von 719 Euro. Heute liegt die Lohnlücke bei 642 Euro. Die Lohnlücke ist demnach in den letzten zehn Jahren gerade einmal um 77 Euro kleiner geworden. Ginge die Lohnangleichung in diesen Trippelschritten weiter, würde die Ungleichheit noch 83 Jahre bestehen und erst im Jahr 2104 würden auf den Baustellen in Ost und West gleiche Gehälter gezahlt.

Ein Grundproblem, das die Kolleginnen in Ost- und Westdeutschland gleichermaßen betrifft, ist, dass der anhaltende Boom im Bauhauptgewerbe seit Jahren an ihnen vorbei geht. Von 2010 bis 2020 nahmen die Umsätze der Bauwirtschaft in Deutschland um 93 Prozent zu. Die Löhne stiegen im selben Zeitraum lediglich um 26 Prozent. Nach Abzug der Inflationsrate bleiben den Beschäftigten der Branche lediglich 11 Prozent mehr Kaufkraft. Allein die Mietsteigerungen fressen inzwischen vielerorts die Lohnsteigerung auf. Infolge dessen können sich diejenigen, die die dringend benötigten Wohnungen bauen, sich selbst diese in vielen Städten nicht mehr leisten. Hinzu kommt, dass die Arbeit auf dem Bau durch ein besonders hohes Arbeitspensum gekennzeichnet ist. Laut IG BAU kommen Beschäftigte dort im Schnitt auf 1.468 Arbeitsstunden im Jahr. Das sind 138 Stunden und damit 10,4 Prozent mehr als der Durchschnitt aller Branchen. Auch Überstunden sind für viele Baubeschäftigte an der Tagesordnung. Diewenigsten Kolleginnen und Kollegen erreichen abschlagsfrei die Rente. Am Beispiel der Dachdecker wird dies besonders deutlich. Gerade jeder Zehnte arbeitet noch zwischen dem 60. und 65. Lebensjahr.

Zu Redaktionsschluss war noch nicht klar, ob der Arbeitskampf geführt wird. Bleibt es bei der Verweigerungshaltung der Kapitalseite, haben die Kolleginnen und Kollegen gute Gründe, die Arbeit niederzulegen. Denn Streik bleibt das beste Mittel, sich zumindest einen Teil der Werte wiederzuholen, die man selbst durch seine Arbeitskraft geschaffen hat.

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"Trippelschritte ins Jahr 2104", UZ vom 1. Oktober 2021



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