Lohnzuwachs und Wegezeitvergütung nicht ausreichend

Enttäuschung am Bau

Im Bau-Tarifstreit gibt es einen Schlichterspruch. Er sieht für die rund 850.000 Baubeschäftigten unter anderem ein Lohn-Plus und eine Vergütung für Fahrzeiten zur Baustelle vor. Darüber sprachen wir mit Peter Köster.

UZ: Wie sieht der Schlichterspruch konkret aus?

Peter Köster: Vorweg bemerkt: Unsere Tarifverhandlungen sollten im März/April beginnen. Die Pandemieentwicklung und die Verordnungen der Regierung machten die bisher geübte Form der Verhandlungen zuerst unmöglich. In dieser Zeit schoss sich die Seite der Unternehmerverbände auf eine radikale Ablehnung von Lohn- und sozialen Verbesserungen ein.

Der Schlichterspruch vom 3. September, nach vier gescheiterten Präsenzverhandlungen der Tarifparteien, sieht für die Baubeschäftigten insgesamt ein Lohn-Plus von 2,6 Prozent im Westen und 2,7 Prozent im Osten vor. Darin enthalten ist erstmals auch eine Vergütung für Fahrzeiten zur Baustelle von 0,5 Prozent. Darüber hinaus soll es eine „Corona-Prämie“ von 500 Euro als einmalige steuerfreie Sonderzahlung geben. Die Laufzeit beträgt 14 Monate ab Mai 2020.

Der Schlichterspruch des Präsidenten des Bundessozialgerichts, Rainer Schlegel, muss nun allerdings noch von den Tarifparteien angenommen werden. Die IG BAU und die Arbeitgeberverbände von Bauhandwerk (ZDB) und Bauindustrie (HDB) haben dafür bis zum 17. September Zeit.

UZ: Wie bewertet die IG BAU den Schlichterspruch?

Peter Köster: Differenziert. Unser Bundesvorsitzender fasst es so zusammen: „Es ist gelungen“, so IG-BAU-Chef Robert Feiger, „das Fundament für eine Entschädigung bei der Wegezeit zu legen. Der Einstieg ist damit geschafft.“ Die „oft enorm langen Fahrten zu den Baustellen“ seien für einen Großteil der Beschäftigten das „Job-Problem Nr. 1 auf dem Bau“. Die IG BAU habe hierzu mit den Arbeitgebern von Bauhandwerk und Bauindustrie im Rahmen der Schlichtung eine konkrete Vereinbarung getroffen. Diese sehe vor, dass die Spitzen der Tarifparteien unter Leitung des Schlichters eine Lösung für eine verbindliche Einführung einer Wegezeit-Entschädigung erarbeiten. Ein Ergebnis dazu soll spätestens bis Juni nächsten Jahres vorliegen.

Azubis sollen im ersten Ausbildungsjahr 40 Euro mehr pro Monat bekommen. Im zweiten Ausbildungsjahr sollen dies 30 und im dritten dann 20 Euro zusätzlich sein. Dazu kommt dann noch einmal eine geplante „Azubi-Corona-Prämie“ von 250 Euro als Einmalzahlung.

Die Reaktionen der Kolleginnen und Kollegen, welche sich meist über soziale Medien gemeldet haben, gehen härter mit dem Spruch ins Gericht. Trittbrettfahrer, die eigentlich immer motzen, lasse ich mal weg. Aber darunter, und das schreibe ich groß, sind auch viele wirklich aktive Mitglieder, die sich enttäuscht zeigen. Ihnen ist der Lohnzuwachs wie vor allem der Teil der Wegezeitvergütung nicht ausreichend. Meine Einschätzung ist, dass wir die Kraft der Organisation nicht gut genug und zielgerichtet orientiert bündeln. Das mache ich als langjähriger Funktionär eines Bezirksverbandes an verschiedenen Punkten fest. Die Sichtbarkeit unserer Gewerkschaft vor Ort, auf Baustellen und in Betrieben hat, nicht zuletzt aufgrund schwindender Finanzmittel, zu stark nachgelassen. Bei vielen Beschäftigten bleibt allerdings weiterhin die Meinung, die Gewerkschaft macht das schon. Ich selbst muss nicht mitmachen. Wie falsch das ist, zeigt sich bei solchen Ergebnissen.

UZ: Mit welchen Erwartungen sind die Kolleginnen und Kollegen vom Bau in diese Tarifrunde gegangen?

Peter Köster: Stichwortartig: Bauboom, Durcharbeiten in Zeiten der Pandemie, nur etwa 2 Prozent der Branchenbetriebe in Kurzarbeit. Auftragslage unverändert gut, die Gewinnsituation nach vermuteten Einbrüchen steigt und damit die Erwartungen. Und die Branche kommt von einem sogenannten „Allzeithoch“ mit zehn Jahren kontinuierlicher Zuwachsraten.

Die Forderung von 6,8 Prozent erscheint hoch, aber im Vergleich zu anderen, durchaus gebeutelten Branchen, wahrlich nicht übertrieben. Die Erwartung, in dieser als Konjunkturmotor zu bezeichnenden Boombranche und ihren sehr guten Gewinnen mehr als den Brosamen zu bekommen, war hoch. Umso enttäuschter sind die Aktiven, dass sie wieder mit nur einem kleinen Lohnanteil an der Entwicklung beteiligt werden sollen. Die Konfrontationslinie der Unternehmerverbände war von Beginn an auf Null eingestellt.

UZ: Welche Bedeutung hat die Wegezeit-Entschädigung?

Peter Köster: Bemerkenswert ist in dieser Tarifrunde, dass die Themen Lebensqualität und Lebenszeit eine wachsende Rolle bei den Aktiven spielt. In den internen und Baustellendebatten wurden die enorm ausufernden Anfahrtszeiten zu Baustellen, welche bisher nicht mit Geld oder Freizeit vergütet werden, deutlich mehr in den Mittelpunkt gerückt. Durchschnittlich 64 Kilometer fährt ein Bauarbeiter heute zu seiner Tagesbaustelle. Also tägliche Lebenszeit auf der Autobahn und Landstraße. Ein Kollege berichtete, dass die Unternehmerseite in den Verhandlungen sich gerade hier extrem arrogant und provokativ verhielt. Zum Thema Wegezeit fiel einem Unternehmens-Vertreter die Aussage aus dem Gesicht, wer einen Bauberuf ergreift, müsse sich im Klaren über die Wegezeiten sein. Wer das nicht will, der muss sich halt einen anderen Job suchen.

UZ: Ein wichtiges Anliegen der IG BAU war die Erhöhung der Attraktivität für Berufseinsteiger in die Bauberufe. Ist das gelungen?

Peter Köster: Es sollte im ureigensten Interesse der Unternehmen liegen, die Vielzahl an qualifizierten Berufen in der Baubranche nicht mit, wie gerade benannt, mangelnder Wertschätzung und Arroganz zu belegen. Auch die Bauberufe sind, trotz fortschreitender technologischer Entwicklung, immer noch ein Knochenjob. Wer mit 65 Jahren seinen Beruf noch ohne gravierende gesundheitliche Probleme ausüben kann, wird schon als Wunder angesehen. Mit 67 in Rente – fast unmöglich.
Die Wertschöpfung aus der Arbeitskraft auch am Bau wächst stetig. Doch tarifliche Verbesserungen, die zum Beispiel Beruf und Familie in eine bessere Balance bringen sollen, werden mit dem mittelalterlichen Morgenstern abgewehrt. Ich würde die Frage, ob es gelungen ist, Bauberufe attraktiver zu machen, verneinen.

Die IG BAU sieht in einer Achtung und Wertschätzung der Bauberufe nicht nur ihre eigene Zukunft als Gewerkschaft. Also, mehr Beschäftigte bedeuten mehr Mitglieder! Es ist für unsere IG BAU auch eine gesellschaftliche Aufgabe und Notwendigkeit, diese Berufe modern und attraktiv zu halten. Unsere Arbeit schafft Wohnraum, Lebensumfeld und Lebensqualität.

Die andere Seite, die der Unternehmen, betrachtet es unter anderem so: „Es geht um Tätigkeiten, für die Sie bei uns niemanden finden – etwa Eisenflechter“, sagte der Verbandschef der Bauverbände NRW der „Rheinischen Post“ mit Blick auf das Jahr 2021. Allein in NRW könnten 52.000 Arbeitskräfte fehlen, wenn zum Jahresende die sogenannte Westbalkan-Regelung zunächst ausläuft. Erschwerend komme hinzu, dass in den kommenden Jahren etwa 150.000 der insgesamt 850.000 Beschäftigten in der deutschen Bauwirtschaft altersbedingt ausscheiden.

Für mich beweist das, Fachkräfte wollen diese Unternehmer nicht hier ausbilden, sondern weiterhin möglichst zum Baumindestlohn von 12,55 Euro einkaufen. Was heißt, werden diese nicht mehr gebraucht, kann das Unternehmen sie auch schnell und kostenfrei wieder loswerden.

Das Gespräch führte Werner Sarbok


Peter Köster ist auch der Kandidat der DKP zur Oberbürgermeisterwahl in Essen am 13. September. Der gelernte Speditionskaufmann war lange Jahre Betriebsrat in einer Hauptverwaltung der Baubranche und ehrenamtliches Bezirksvorstandsmitglied. Seit acht Jahren ist er Bezirksvorsitzender der IG BAU für Mülheim-Essen-Oberhausen, seit einiger Zeit Stellvertretender DGB-Vorsitzender in Essen. Peter Köster arbeitet in verschiedenen Bürgerbündnissen und Initiativen mit. Schwerpunkte sind bezahlbares Wohnen und wohnortnahe Gesundheitsversorgung.

In seinem Kandidatenbrief zur OB-Wahl heißt es: „Ich stehe mit meiner Kandidatur für diejenigen ein, die nur selten eine Lobby haben: für die Menschen die in Armut leben, für die Arbeiterinnen,Arbeiter und Angestellten, für die Mieterinnen und Mieter, für die Jugend und für die Menschen, die sich um unsere Zukunft und eine gesunde Umwelt sorgen.“

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"Enttäuschung am Bau", UZ vom 11. September 2020



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