Ein Band zu queerer DDR-Literatur

Überraschungen für die Gegenwart

Das Inte­resse an DDR-Literatur sinke, so ist zu lesen; dabei hat Christoph Heins Roman „Das Narrenschiff“, erschienen vor einem Jahr, bewiesen, wie groß das Inte­resse daran ist, ist es doch trotz seines Erscheinungsdatums ein Werk der DDR-Literatur, ein wichtiges dazu.

Unauffälliger ist ein Buch vor einigen Monaten in der Öffentlichkeit angekommen, dessen Untertitel ankündigt, „queere DDR-Literatur“ vorzustellen. Zugegeben, das überrascht, denn beim Blättern traf ich auf bekannte Namen, die für mich auch ohne jenes Attribut „queer“ bedeutende Literatur, ja von Weltgeltung, geschrieben hatten: Christa Wolf, Irmtraud Morgner, Brigitte Reimann, Helga Königsdorf, Franz Fühmann, Lutz Seiler und andere. Es war ein Vergnügen, die Werke von Schriftstellern der DDR gewürdigt zu sehen und vor allen Dingen bestätigt zu bekommen, dass hier eine wichtige, notwendige und keineswegs wertlose Literatur von Dauer entstanden ist, die – wie aus den Untersuchungen hervorgeht – lebendig ist.

Dass dabei bereits im Vorwort der Herausgeberin Franziska Haug Fehlurteilen über diese Literatur entschieden widersprochen wird, macht Hoffnung: Man betrachtet sie als Ergebnis einer Gesellschaft des „Kollektiven“, nicht einer der „Singularitäten“. In keinem vergleichbaren Land sei „so viel Literatur produziert und rezipiert (worden) wie in der DDR“.

Speziell jedoch geht es in diesem Band um „queere Literatur“. Auch sie sei in der DDR entstanden, aber über Jahrzehnte übersehen worden. Aber: Diese Literatur wurde beachtet, nur war die Begrifflichkeit eine andere.

So stellten Paul Wiens und Franz Fühmann die Ehe als Institution in Frage und entwarfen eine „dritte“ Welt jenseits der bisher üblichen Beziehungen zwischen Frau und Mann. Mit den Veränderungen, die sich um 1980 europaweit vollzogen, beschäftigte sich eine deutsch-(DDR)-schwedische Konferenz „Gibt es weibliches Schreiben?“ (Halle/S. 1989). Zu Christa Wolf beispielsweise wurde festgestellt, sie unterscheide sich durch ihre Fragestellungen von Anna Seghers, Ingeborg Bachmann, auch von Maxi Wander und anderen. Wesentlich dabei sei, dass die „Partnerschaft immer eine individuelle Übereinkunft gegen bisherige Normen des gesellschaftlichen Umgangs und tradierte Muster des Zusammenlebens ist“. Da war die Öffnung in die unterschiedlichsten Formen der Beziehung vorhanden.

Bereits 1981 hatte in Perugia eine Konferenz „Die Frage einer weiblichen Literatur in der DDR“ mit deutschen und italienischen Wissenschaftlern stattgefunden, auf der bisher vertretene Positionen korrigiert wurden. Es hat mehr an frühen Verständigungen gegeben als vorliegende Untersuchungen aufnehmen.

231102 - Überraschungen für die Gegenwart - DDR-Literatur - Kultur

Das wirkte sich nicht nur in der Masse und Vielfalt literarischer Werke aus, sondern auch in der Bedeutung, die diese Literatur für die Menschen in ihrem Land und deren Verständigung miteinander hatte. Dadurch erhielt die Literatur Aufmerksamkeit von oben: In kurzen Abständen wurden wissenschaftliche Analysen gewünscht, ob denn und wie diese Literatur die Politik des Staates widerspiegele. Als die vorhandene Erwartungshaltung der Politiker von den Literaturwissenschaftlern nicht oder nur bedingt bestätigt werden konnte – im Laufe der Zeit geringer werdend –, hatten die Wissenschaftler das zuerst auszubaden. Aus der Literatur ist bis heute zu entnehmen, wie Menschen und System miteinander korrespondierten. Daran knüpft das vorliegende Buch an und erweitert die Fragestellungen: „Wie wirkt die DDR für Schwule und Lesben? Wie wirkt Kommunismus für Frauen und Queers; wie das sozialistische Kollektiv im Individuellen?“ Schwierigkeiten gab es insofern, als zwar „die rechtlichen Bedingungen in der DDR zugunsten der Homosexualität geändert worden waren“, aber die Gesellschaft das keineswegs problemlos aufnahm. Hier hat Christoph Hein mit dem Roman „Verwirrnis“ (2018) ein beeindruckendes Dokument vorgelegt; leider spielt Hein in den vorgelegten Untersuchungen keine Rolle. Dabei hatte er das angesprochene Problem mehrfach in seinem umfangreichen Schaffen berührt, schon in der frühen Novelle „Der fremde Freund“ (1982).

Die meisten Beiträge sind mindestens nachvollziehbar, manche nicht überzeugend. Kaum folgen kann ich Lisa Hellmanns Betrachtungen zu Erich ­Loest. Dessen kantig-lineare Menschenbilder sind männlich, treten Frauen hinzu. sind sie von ähnlicher Natur. Varianten finden sich nicht. Aber auch die untersuchte Situation – die Front im Kriege – zwingt mit ihren Vernichtungen, Qualen und Zerstörungen den Mann zu Hilfeersuchen, die alle bestätigen, die es erlebt, überlebt haben. Da grundsätzlich im Menschen beide Geschlechter, wenn auch sehr unterschiedlich, angelegt sind, was Schriftsteller und Schriftstellerinnen besonders interessant macht – man denke an Thomas Mann, aber auch Gerhart Hauptmann –, sucht der Mann in der extremsten Gefahrensituation, dem Krieg, Zuflucht beim Mütterlichen. Aber nicht einmal das findet sich bei Loest, die untersuchte Geschichte spricht nur vom ausgeprägten Ehrgeiz der Helden Loests, bei denen ich trotz aller Verbiegungen der Kategorisierungen nichts Queeres zu finden vermag. Und in der Maschinenpistole ein Phallussymbol – eine „queere Spur“ – zu lesen, dazu gehört eine beträchtliche Phantasie.

Es handelt sich um deutsche Literatur. Es wäre schön, den wissenschaftlichen Umgang mit ihr entsprechend sprachlich-literarisch zu gestalten, aber auch von den literarisch-ästhetischen Elementen wird nur selten gesprochen. Das Gegenteil ist der Fall: Der Begriff „Front“ – eindeutig ohne Erklärung und vielfach extrem vernichtungsdrohend – verliert durch die Übertragung in eine Definition jegliche Gefährlichkeit: „Die Front ist ein multivalenter Raum. Sie ist der Raum, in dem zwei Oppositionen gewaltsam aufeinandertreffen …“ usw. usf. Es war immer ein Anspruch bedeutender Literaturwissenschaftler, möglichst Deutsch und verständlich zu schreiben; man denke an Hans Mayer und seine berühmte Schule. Hier liegt für die Beiträger eine Aufgabe für die Zukunft. Der Band setzt erste Signale in eine Forschungslücke, die zu schließen noch viel Arbeit machen wird. Das Ergebnis wird sein, dass Schwule und Lesben einen Platz in der Literatur der DDR hatten, eine queere Literatur war es nicht.

Franziska Haug (Hg.)
„bin weiblich, bin männlich, doppelt“. Queere DDR-Literatur
Mitteldeutscher Verlag, 296 Seiten, 40 Euro

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"Überraschungen für die Gegenwart", UZ vom 5. Juni 2026



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