Lothar Geisler über die neue Ausgabe der Marxistischen Blätter

„Unser Lenin-Jahr 2020 ist eröffnet“

UZ: Im Editorial der jüngsten Ausgabe schreibt ihr: „Es ist wohl kaum zu erwarten, dass es 2020 um W.  I. Lenins 150. Geburtstag so viel Trubel geben wird, wie um den gewesenen 200. von Karl Marx und den kommenden seines Kampfgefährten Friedrich Engels. Wir feiern trotzdem „Lenin 150“ – „aus Gründen“ – wie man so sagt“. Was sind die Gründe?

Lothar Geisler: Binsenwahrheiten, dass und warum Marx, Engels und Lenin für uns seit jeher zusammengehören, lasse ich mal außen vor. Ein spezifischer Grund ist Lenins überragender Beitrag zur Oktoberrevolution 1917 wie zur Gründung der „Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken“ (UdSSR), die 70 Jahre lang als globales Gegengewicht zum Kapitalismus wirkte und auch die Hauptlast der Befreiung Europas von Krieg und Faschismus trug. Das dürfen wir angesichts der offensiven Geschichtsfälschungen des EU-Parlaments nie und nimmer in Vergessenheit geraten lassen. Dazu empfehle ich den Beitrag von Marc Botenga, MdEP unserer belgischen Bruderpartei, im Heft. Er verdeutlicht, ohne es zu erwähnen, warum die aggressive NATO-Kriegsübung „Defender 2020“ gegen Russland ausgerechnet im Umfeld dieses Jahrestages 8. Mai 1945 stattfindet.

UZ: Lenin war aber nicht nur kommunistischer Politiker, Revolutionsführer, Staatsgründer, sondern auch Theoretiker …

Lothar Geisler: Klar doch. Von bleibendem Nutzen für Gegenwart und Zukunft sind insbesondere Lenins Verdienste um die Entwicklung der marxistischen Theorie in Zeiten des Imperialismus. Wie nachhaltig das nützt, zeigen z. B. Beiträge wie die des US-amerikanischen Marxisten John Bellamy Foster über „Imperialismus im Anthropozän“ (MBl 6_2019). Und zeigen nicht gerade auch die Kämpfe in Lateinamerika die Gültigkeit und Aktualität der marxistischen Staatstheorie, wie Lenin sie in „Staat und Revolution“ prägnant zusammenfasste?

Die Erinnerung an Lenin wachzuhalten ist für uns also nicht nur eine Aufgabe wahrhaftiger, das heißt im Wortsinn der Wahrheit verhafteter Geschichtsarbeit. Es bleibt eine hochaktuelle und eine Zukunftsaufgabe, wenn ich daran denke, vor welchen Umbrüchen, Krisen und strategischen Herausforderungen wir stehen und wie viele Menschen spüren, dass es mit diesem kapitalistischen System so wie bisher nicht weitergehen kann. Und wie auf der anderen Seite die Herrschenden massig viel Kraft und Geld verschwenden, um die ersten erfolgreichen Ausbruchsversuche sozialistischer Staaten – auch auf deutschem Boden – zu diskreditieren, zu delegitimieren und aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit zu löschen. Und damit natürlich Lenin, seine Ideen und sein Lebenswerk. Da werden Mauern und Warnschilder errichtet, die leider auch in der Linken wirken: „Weiterdenken verboten!“ Da halten wir gegen. 2020 mehr als sonst. Weshalb wir unter anderem Herbert Münchow für dieses Heft gebeten haben, mal genauer hinzuschauen, wie linke Lenin-Entsorger wie Michael Brie „Lenin neu entdecken“, um ihn auf die Anklagebank zu setzen.

UZ: Diese Ausgabe betrachtet ihr als Einstieg in „Lenin 150“. Was heißt das? Wie sieht der konkrete Schwerpunkt aus, in dem es laut Titelunterzeile um „Staat, Nation, Internationalisierung“ geht?

Lothar Geisler: Wir haben uns bewusst beschränkt auf diesen unter Linken – und selbst in unserem Parteivorstand – kontrovers diskutierten Komplex. Wir wollten keine allgemeine Festschrift zum Geburtstag Lenins machen. Wir wollten den aktuellen Gebrauchswert Lenins, seiner Ideen und Argumente, beim Erkennen und Verändern der Verhältnisse unter Beweis stellen. Weitere Themen und – auch internationale – Beiträge werden im Lauf des Jahres 2020 folgen. So lassen wir gerade den Vortrag eines chinesischen Autors über den historischen Wert der Lenin­schen Neuen Ökonomischen Politik (NÖP) für Chinas Weg zum Sozialismus übersetzen. Denn die NÖP gehört zu Lenins politischem Erbe, das unter anderem in besonderem Maße illustriert, wie er Binsenwahrheiten der Theorie durchbrach und Neuerungen wagte, um einen Weg zum Sozialismus zu erforschen, der den nationalen Verhältnissen entspricht.

UZ: Wenn man sich das Inhaltsverzeichnis anschaut, schlagt ihr im Schwerpunkt den Bogen von der Gründung der Sowjetunion bis zur EU-Krise bzw. zur Frage, ob es Vereinigte Staaten von Europa geben kann?

Lothar Geisler: Stimmt. Dazu lassen wir zum Einstieg den Jubilar Lenin ausführlich und unkommentiert selbst zu Wort kommen, auch aus methodischen Gründen. Am 30./31. Dezember 1922 diktierte Lenin seine – in vielerlei Hinsicht – lehrreichen Aufzeichnungen „Zur Frage der Nationalitäten und der ‚Autonomisierung‘“. Hintergrund waren tiefgehende grundsätzliche Differenzen mit Stalin und anderen über die Frage, ob die verschiedenen jungen Sowjetrepubliken einfach der russischen beitreten sollen. Lenin schlug eine prinzipiell andere Lösung der Frage vor: den freiwilligen Zusammenschluss aller Sowjetrepubliken zu einem neuen Staatsgebilde, der Union der Sowjetrepubliken, auf der Grundlage ihrer vollen Gleichberechtigung! Ohne falsche Parallelen zur heutigen EU und ihrer Krise zu ziehen, versucht Alfred Kosing in seinem Beitrag „Sind ‚Vereinigte Staaten von Europa‘ möglich?“ eine Antwort in diesem internationalistischen Geiste Lenins.
In brandheiße aktuelle Debatten greift auch Beate Landefeld mit ihrem Beitrag ein. Sie erläutert, warum Lenin in seinem 1913 verfassten Artikel „Kapitalismus und Arbeiterimmigration“ der Migration eine „fortschrittliche Bedeutung“ beimaß. Ihr Beitrag handelt von den systembedingten Ursachen für Migration, den Veränderungen in den Migrationsströmen und vom Ringen der Arbeiterbewegung und der Linken um eine richtige Stellung zur Migration – jenseits von Rassismus und Nationalismus.

Mit dem Schwerpunktthema korrespondieren auch Beiträge in anderen Rubriken. So beispielsweise das, was Werner Ruf über Samir Amins Buch „Eurozentrismus“ schreibt. Oder die Nachlese von Volkmar Schöneburg zur Kampagne gegen den „Unrechtsstaat“ DDR. Oder der Diskussionsbeitrag zum Thema „EU und Nationalismus“, den uns unsere Mitherausgeberin Anne Rieger (Graz) vermittelt hat: Ortwin Rosner, junger Journalist, Blogger und nicht Mitglied der KPÖ, hat ihn als „Festrede“ bei einer Veranstaltung der KPÖ Steiermark zum österreichischen Nationalfeiertag gehalten.

UZ: Seit einiger Zeit bemühen sich die Marxistischen Blätter mit ihrem Digital-Archiv, mit MASCH-Skripten und Heftbeilagen intensiver um die Vermittlung marxistischer Grundlagen. Was gibt es da im neuen Heft?

Lothar Geisler: Wenn man sich das Niveau mancher linker Debatten anschaut, ist das auch dringend nötig. Das kriegt man nicht mit dem Nürnberger Trichter geändert oder allein mit abstrakter „Grundlagenschulung“. Vermittlung marxistischer Grundkenntnisse ist ein Grundanliegen unserer Zeitschrift und integrierter Bestandteil vieler Artikel zu aktuellen Themen. Unser Autor Holger Wendt, der an einem Buch zur Einführung in die politische Ökonomie des Kapitalismus für Jugendliche arbeitet, das wir möglichst im Herbst 2020 rausbringen wollen, hat uns einen Beitrag mit der Überschrift „Monopoly mit Lenin“ geschrieben. Darin geht er der Frage nach, ob sich die Ideen der marxistischen Monopoltheoretiker des 20. Jahrhunderts mit dem Marxschen „Kapital“ vereinbaren lassen oder sie dazu querliegen. Dabei verteidigt er leninistisch inspirierte Monopoltheorien gegen – kenntnisfreie – „Kritiker“, greift aber fundierte Einwände argumentativ auf. Und unser Autor Hannes A. Fellner (Wien) – auch noch einer der jüngeren – vermittelt in seinem Beitrag „Staat bei Lenin und Gramsci“ Basics, ohne die man aktuelle Streitfragen kaum beantworten kann. Last but not least: Begleitend geben wir den schon etwas älteren Beitrag von Hans Heinz Holz über «Lenins philosophisches Konzept“ als MASCH-Skript heraus. Also: unser Lenin-Jahr 2020 ist eröffnet.

Die Fragen stellte Werner Sarbok


Das neue Heft der Marxistischen Blätter
ist beim Neue Impulse Verlag erhältlich
www.neue-impulse-verlag.de

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"„Unser Lenin-Jahr 2020 ist eröffnet“", UZ vom 10. Januar 2020



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