IG-Metall-Aktionstag der Beschäftigten der Autoindustrie: Wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst

Klare Ansagen von unten

Die IG Metall ruft die Beschäftigten der Automobilindustrie bundesweit zu betrieblichen Aktionen am 21. September auf. Sowohl Zulieferbetriebe als auch Hersteller werden einbezogen. Das Motto lautet: „Zusammenhalt ist unsere stärkste Marke“.

Dies ist der nächste wichtige Schritt, nachdem im Juli Zehntausende Beschäftigte bei Mercedes, VW, Audi, Porsche, MAN und CARIAD an Aktionen und Protesttagen teilgenommen hatten, um den Konzernvorständen und ihrer Regierung Druck zu machen. Sie sind es, die ständig neue Angriffe auf die Rechte der Beschäftigten durchführen und sie zu Sündenböcken machen wollen „für eine Krise, die sie nicht verursacht haben“, wie es im IG-Metall-Aufruf heißt. „Nicht länger werden sie die Zeche für Managementfehler und die Folgen geopolitischer Konflikte zahlen. Damit ist jetzt Schluss! Die Beschäftigten sagen: Jetzt reicht’s!“ Die Strategien der Konzernbosse seien „an Dreistigkeit nicht zu überbieten“, heißt es im Aufruf weiter. „Die Beschäftigten sollen mehr arbeiten, weniger verdienen oder gar ihren Job verlieren, während die Unternehmen Milliarden an Aktionäre auszahlen.“

Es ist höchste Zeit für einen gemeinsamen Kampf gegen die Arbeitsplatzvernichtung in der Automobilindustrie. Die Beschäftigtenzahlen sind innerhalb eines Jahres um 42.500 Kolleginnen und Kollegen gesunken – ein Minus von 5,8 Prozent. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) spricht von einem Verlust von bis zu 225.000 Arbeitsplätzen bis 2035. Die Beschäftigten werden für ihren Widerstand einen langen Atem brauchen, um einen weiteren Kahlschlag zu verhindern.

Positiv ist, dass der Druck aus den Betrieben für gemeinsame Aktionen groß ist. Ebenso groß ist die Wut, dass ausgerechnet die Beschäftigten, die die Fabriken am Laufen halten, für die Krise bezahlen sollen. „Wir sollen länger arbeiten. Später in Rente gehen. Und bei der Gesundheitsversorgung immer tiefer in die eigene Tasche greifen. Gleichzeitig sollen in den kommenden Jahren zehntausende Industriearbeitsplätze verschwinden. All das ist ein direkter Angriff auf uns Arbeitnehmer und auf die Zukunft unserer Kinder“, heißt es in einem Offenen Brief der IG-Metall-Vertrauenskörperleitungen bei Mercedes-Benz an den Bundeskanzler.

Untertürkheimer Betriebsräte und Vertrauensleute fordern in einem Offenen Brief an den Vorstand ihrer Gewerkschaft Arbeitskämpfe ein: „Unsere Inte­ressen werden nicht dadurch verwirklicht, dass wir die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit ausblenden. Sie werden allein durch Arbeitskampf, also durch Protest, Widerstand und notfalls durch Streik, durchgesetzt. Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht.“

Die Kolleginnen und Kollegen aus Untertürkheim nennen eine ganze Reihe von Forderungen: Sie wollen keinen Kompromiss bei der Arbeitszeit, keinen Rückschritt bei tariflichen und sozialen Standards, kein Zurückweichen in der Tarifrunde, keine weiteren Differenzierungsklauseln in Tarifverträgen und keine faulen Kompromisse. Sie verlangen echte Beteiligung und weitere Proteste. „Deshalb freut uns, dass es am 21. September einen bundesweiten Automobil-Aktionstag geben soll. Ebenso begrüßen wir die für den 26. September angekündigten DGB-Aktionen gegen Sozialabbau.“ Die Kolleginnen und Kollegen dürften nicht den Eindruck bekommen, dass die Gewerkschaft „nur mit angezogener Handbremse“ protestiere. „Wenn wir den Sozialabbau nicht entschlossen bekämpfen und in der Gesellschaft nicht unmissverständlich deutlich wird, dass die Gewerkschaften eine konsequente Gegenmacht zu Regierung und Kapitalseite sind, dann werden wir zwangsläufig einen weiteren Aufstieg der AfD bekommen“, heißt es im Offenen Brief weiter. „Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Inte­ressen konsequent vertritt (…). Die Angriffe der Bosse sind für uns alle spürbar – wenn wir jetzt klein beigeben, bedeutet das im Umkehrschluss direkten Zuwachs bei den Rechten.“ Jeder weitere Stimmenzuwachs der AfD sei eine Niederlage für die gesamte Arbeiterbewegung.

Die Untertürkheimer Betriebsräte und Vertrauensleute sind davon überzeugt, dass die Aktionen Ende September stärker werden müssen als die bisherigen. Zudem seien sie fortzuführen, bis die Unternehmer ihre Forderungen nach der Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche vollständig zurücknehmen und die Bundesregierung ihren sozialen Kahlschlag beendet. Bereits beschlossene Verschlechterungen müssten zurückgenommen werden. Das sind klare Ansagen. Den Kolleginnen und Kollegen ist dabei bewusst, dass, wenn sie ihre Ziele erreichen wollen, die zwei Aktionstage zu einem Ausgangspunkt für massiven Widerstand werden müssen – bis hin zum Streik.

So haben es auch die IG-Metall-Ortsjugendausschüsse von Stuttgart, Esslingen, Freiburg-Lörrach, Ludwigsburg-Waiblingen, Reutlingen-Tübingen und die JAV Mercedes-Benz Untertürkheim in einer Resolution formuliert: „Wir engagieren uns in unserer Gewerkschaft und fordern Demonstrationen gegen die Gier der Bosse, gegen die Regierung und für eine bessere Zukunft – bis hin zum Streik. Und wenn die Gewerkschaftsspitzen zögern, dann machen wir es selbst.“

In diesem Sinne: Nicht zögern, nicht abwarten. Die Kolleginnen und Kollegen sind aufgerufen, die Organisierung des bundesweiten Aktionstags in der Automobilindustrie selbst in die Hand zu nehmen. Diese Proteste brauchen aber auch eine Perspektive, die über die Abwehr der aktuellen Angriffe hinausgeht. Weitere Arbeitszeitverkürzungen bei vollem Lohnausgleich sind ein wichtiges Ziel – und auch die richtige Antwort auf die Angriffe des Kapitals auf die 35- beziehungsweise 40-Stunden-Woche.

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Kritischer Journalismus braucht allerdings Unterstützung, um dauerhaft existieren zu können. Daher freuen wir uns, wenn Sie sich für ein Abonnement der UZ (als gedruckte Wochenzeitung und/oder in digitaler Vollversion) entscheiden. Sie können die UZ vorher 6 Wochen lang kostenlos und unverbindlich testen.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Klare Ansagen von unten", UZ vom 21. August 2026



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol Herz.



    Spenden für DKP
    Unsere Zeit