Anfang Juni wird NATO-Manöver in Polen fortgesetzt. Auch in Niedersachsen soll Krieg geübt werden

US-Militär setzt Defender 2020 fort

„Defender 2020“ heißt jetzt „Defender Europe 2020 Plus“. Das US-Militär setzt das wegen der Corona-Pandemie zurückgefahrene transatlantische Kriegsmanöver vom 5. bis 19. Juni in Polen fort. Auf dem Truppenübungsplatz „Drawsko Pomorskie“ werde es eine gemeinsame Übung von 6.000 Soldaten aus den USA und Polen geben, teilten die „US-Streitkräfte in Europa“ mit. Die Bundeswehr ist weiterhin militärischer Gastgeber des Manövers und Deutschland bleibt die zentrale Drehscheibe der Kriegsübung. Für die nächsten Monate sind weitere Manöver im Rahmen von „Defender Europe 2020 Plus“ angekündigt.

Neben dem Verlegen von Material und Soldaten stehen auch Manöver wie „Allied Spirit XI“ auf dem Programm. An ihrer Vorgängerin, „Allied Spirit X“ hatten im April 2019 über 5.600 Soldaten aus 15 Ländern teilgenommen. Unter dem Oberkommando der Bundeswehr probte man damals auf dem Truppenübungsplatz Hohenfels den „Ernstfall“ eines Gefechtes einer multinationalen Truppe gegen einen gemeinsamen Feind. Dass eine Übung mit ähnlichem Charakter im Rahmen von „Defender Europe 2020“ stattfinden soll, ist verwunderlich, wenn man den offiziellen Quellen glaubt. Laut NATO-Propaganda handelt es sich um ein rein defensives Unterfangen. Das Manöver richte sich „nicht gegen Russland“, versicherte der Kommandeur der Streitkräftebasis für die deutsche Logistikunterstützung der US-Truppen, Martin Schelleis.

Bei der Übung „Allied Spirit XI“ selbst werde die Bundeswehr wohl keine Rolle spielen, schätzt Jürgen Wagner von der „Informationsstelle Militarisierung“ ein. Es sei aber zu erwarten, dass Geräte einer gepanzerten Kampfbrigade, die sich weiterhin am Truppenübungsplatz Bergen-Hohne in Niedersachsen befinde, zum Einsatz kommen. Laut der Nachrichtenagentur dpa habe die Bundesregierung Kenntnis, dass es auch auf dem Truppenübungsplatz ein Manöver geben solle.

Die Partei „Die Linke“ fordert, während der Pandemie auf deutschem Gebiet keine Manöver zu dulden. Der Abgeordnete Alexander Neu kritisierte: „Das US-Militär führt ganz offensichtlich ein von allen anderen Lebensbereichen abgekoppeltes Eigenleben.“ Anders sei nicht zu erklären, dass die Militärs trotz Pandemie und Wirtschaftskrise nichts Wichtigeres zu tun hätten als „Kriegsspiele gegen einen behaupteten Aggressor – gemeint ist faktisch Russland – fortzusetzen“.

Ursprünglich sollte das größte Kriegsmanöver der US-Armee seit Ende des kalten Krieges zwischen Januar und Juni dieses Jahres stattfinden. Über 37.000 Soldatinnen und Soldaten sollten samt Kriegsmaterial an die russische Grenze verlegt werden. Der Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa verhalf der Machtdemonstration gegen Russland Anfang April zu einem abrupten Ende. Bis dahin waren laut NATO-Angaben bereits 6.000 der geplanten 20.000 US-Soldaten und 3.000 Fahrzeuge über den Atlantik transportiert worden.

Schon im April ging Reiner Braun vom Koordinierungskreis gegen „Defender Europe 2020“ im Interview mit dieser Zeitung (UZ vom 3. April) davon aus, dass Teile des Großmanövers nicht vom Tisch seien. Die Friedensbewegung habe eine Corona-erzwungene Atempause, die dazu genutzt werden müsse, den Widerstand effektiv und gut vorzubereiten und die neu gewonnenen Strukturen der Friedensbewegung – besonders im Osten – und die große Aktionsbereitschaft zu nutzen.

Über den Autor

Christoph Hentschel (Jahrgang 1980) ist Politikwissenschaftler und Redakteur für „Politik“. Er arbeitet seit 2017 bei der Zeitung der DKP.

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"US-Militär setzt Defender 2020 fort", UZ vom 22. Mai 2020



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