NATO-Quartier mitten in Florentiner Stadtteil geplant

Verschanzen unter der Zivilbevölkerung

Fast wären die Herrschenden klammheimlich damit durchgekommen, aber jetzt regt sich Widerstand im italienischen Florenz: Im dicht besiedelten Vorort Rovezzano wird in der Prediere-Kaserne das Hauptquartier der „Multinationalen Division Süd“ (Mnd-S) der NATO eingerichtet. Es ist das wichtigste Kommandozentrum in Südeuropa.

Seit Sommer 2019 ist die Predieri-Kaserne das Hauptquartier der italienischen Division Vittorio Veneto, einer großen Militäreinheit. „Die Einrichtung des neuen Kommandos“, so die italienischen Streitkräfte, „stellt einen grundlegenden Schritt für die Umgestaltung der Division Vittorio Veneto in ein NATO-Kommando dar, da es Italien eine moderne Infrastruktur bietet, die in der Lage ist, den Mnd-S-Stab und die Kommunikations- und Informationssysteme zu beherbergen, die für die Gewährleistung der Verbindung und Interoperabilität im NATO-Umfeld unerlässlich sind.“ Mit anderen Worten: In dem Vorort von Florenz entsteht eine für die Kriege der NATO unerlässliche Kommandozentrale.

Dagegen wendet sich jetzt das „Florentiner Demokratische Netzwerk“, in dem unter anderem der Nationalverband der Partisanen, der Gewerkschaftsdachverband CGIL, der Verband Demokratischer Juristen und mehrere Studentenvereinigungen zusammengeschlossen sind. „Die Sanierung der Predieri-Kaserne in einem äußerst gefährlichen geopolitischen Kontext, in dem die NATO in mehrere Kriegshandlungen verwickelt ist, beunruhigt uns sehr“, so das Netzwerk in einer Stellungnahme. „Gerade in diesen Tagen verkünden einige Länder, dass sie bereit sind, Truppen in der Ukraine zu stationieren, was automatisch das Risiko eines groß angelegten Krieges erhöhen würde.“ Hinzu kämen laut dem Netzwerk die anhaltenden Auseinandersetzungen im Kosovo, die auf ein sehr besorgniserregendes Klima auf dem Balkan hinwiesen. „Sollte eine dieser Situationen eskalieren, wäre das künftige Mnd-S der NATO von enormer taktisch-strategischer Bedeutung und damit eines der wichtigsten militärischen Ziele in einem Konflikt, an dem die NATO beteiligt ist.“

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(Foto: Fronte della Gioventú Communista Firenze via facebook)

Lorenzo Ballini von der florentinischen Ortsgruppe der Associazione Ricreativa e Culturale Italiana fasste die Situation bei „Novaradio“ so zusammen: „Zu einem solchen Zeitpunkt eine Militärbasis in einer Stadt zu haben, noch dazu die wichtigste Militärbasis in Südeuropa, macht uns besondere Sorgen.“ Neben Demonstrationen, von denen einige bereits in der vergangenen Woche stattfanden, plant das „Florentiner Demokratische Netzwerk“ mehrere Bürgerversammlungen in Rovezzano und angrenzenden Stadtteilen.

Für das Netzwerk steht außer Frage, dass der Kommandostützpunkt Rovezzano, Florenz und die gesamte Region bedroht: „Eine solche Änderung ist angesichts der äußerst gefährlichen geopolitischen Lage, in der sich die NATO befindet, für uns sehr besorgniserregend. Wir sind erstaunt, dass die Entscheidung für die Ansiedlung des Militärkommandos unter Berücksichtigung der hohen Dichte der Zivilbevölkerung und der Wohnbebauung in diesem Viertel von Florenz getroffen wurde. Außerdem geschah dies, ohne die Zivilbevölkerung einzubeziehen und ohne die Anwohner zu konsultieren. Wir bestehen darauf, dass es eine klare, auch geografische, Trennung zwischen Zivilbevölkerung und Militär geben muss, insbesondere wenn die Nachbarschaft des Letzteren ein Risiko darstellt.“

Die italienische Regierung versucht abzuwiegeln und den Stützpunkt als Vorteil für die Bewohnerinnen und Bewohner von Rovezzano zu verkaufen. Unter anderem wirbt sie ausgerechnet mit Umweltschutz für den Kriegsstützpunkt: „Für Rovezzano eröffnen sich dadurch reale, hervorragende Chancen. Bei der Planung wurde dem Umweltmanagement besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Kaserne wird das Wohlbefinden und die Sicherheit des Viertels verbessern und den Anwohnern keine Unannehmlichkeiten bereiten.“

Keine Unannehmlichkeiten – klar, bis die NATO einen so heißen Krieg vom Zaun gebrochen hat, dass das florentinische Rovezzano zum Angriffsziel wird. Dass sie es gut findet, Waffen und militärische Infrastruktur in Wohngebieten zu verstecken, zeigt die NATO gerade in der Ukraine.

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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Verschanzen unter der Zivilbevölkerung", UZ vom 4. August 2023



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