Eine etwas andere Superheldinnen-Geschichte

Verstrahlt und verarscht

Endlich ein Job und eigenes Geld verdienen! Edna Bolz ist glücklich, als sie 1918 in New Jersey im Atelier eines Unternehmens anfängt, Zifferblätter für Uhren zu bemalen. Grace Fryer lernt sie nicht nur an, sondern nimmt sie auch in die Clique der jungen Fabrikarbeiterinnen auf. Die Frauen genießen den Freiraum, den ihnen das bisschen Geld bietet, das die Firma zahlt – und den Ruf, den ihnen die Arbeit einbringt. Die im Dunkeln leuchtende Farbe, mit der sie arbeiten, bleibt an Zähnen und Gesichtern hängen und findet mit Absicht den Weg auf die Fingernägel. Als „Ghost-Girls“ sind die jungen Frauen das Herz jeder Party. Zumindest, bis die erste von ihnen stirbt. Syphilis, sagen die Ärzte. Das ist unmöglich, sagen die Frauen. Oder war Mollies Lebenswandel doch nicht tugendhaft?

In Wahrheit spielte der „Lebenswandel“ Mollies und der anderen keine Rolle. Die Firma, bei der sie arbeiteten, war die US Radium Cooperation, die leuchtende Farbe Radium. Während den Frauen im Atelier dazu geraten wird, den Pinsel immer wieder mit den Lippen anzufeuchten, um nichts von der kostbaren Farbe zu verschwenden, schützen sich die Männer im Forschungslabor nebenan mit Bleiabschirmungen und Masken. Die Gefährlichkeit des Radiums war bekannt, den Frauen hat man nichts gesagt. Als sich die Krankheiten und Todesfälle häufen und ein Arzt den Frauen bestätigt, dass sie in Folge der Radiumvergiftungen unheilbar erkrankt sind, beschließt Grace Fryer, vor Gericht um Entschädigung zu kämpfen.

Die französische Zeichnerin Cy. hat über die Geschichte der „Radium Girls“ eine Graphic Novel gemacht. Mit leichtem Strich und nur acht verschiedenfarbigen Buntstiften zeichnet sie eine Geschichte von Lebensfreude und Verfall, von Trauer, Wut und Kampfesmut. Je deutlicher den Frauen ihr Schicksal wird, desto giftiger scheint das Grün, desto erdrückender und trauriger das Lila. „Radium Girls. Ihr Kampf um Gerechtigkeit“ ist die überfällige Erzählung einer Geschichte, die – zumindest in der Bundesrepublik – bisher kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. Der gleichnamige Film von Regisseurin Lydia Dean Pilcher hat es 2018 in kaum ein deutsches Kino geschafft und ist heute bei keinem der zahlreichen Streaming-Dienste zu finden. Dass sie den Frauen mit der im vergangen Jahr im französischen Original erschienen Graphic Novel wenigstens ein kleines Denkmal setzt, ist ein großer Verdienst von Cy.

Der Kampf von Grace Fryer und ihren Kolleginnen war der Grundstein für das Bisschen an Arbeitsschutz, das die USA heute zu bieten haben, und ihr Fall wurde zum Präzedenzfall – heute kann man in den USA seine (ehemalige) Firma im Krankheitsfall wegen „nachgewiesenem Leiden“ verklagen und auf Entschädigung hoffen.

Mit dem Gerichtsprozess haben die Frauen die US Radium Cooperation nicht in die Knie gezwungen, aber auch dort mussten Arbeitssicherheitsmaßnahmen umgesetzt und das Anfeuchten des Pinsels mit den Lippen verboten werden. Laut offizieller Statistik ist ab 1927 keine Arbeiterin und kein Arbeiter der US Radium Cooperation mehr an einem Strahlenschaden erkrankt, allerdings vermuten Forscher, dass viele Krebserkrankungen auf den Umgang mit Radium am Arbeitsplatz zurückzuführen sind.

Der Prozess endete 1928 mit einem Vergleich. Die US Radium Cooperation hatte auf Zeit gespielt und auf den Tod der Klägerinnen vor Prozessende gehofft. Der Vergleich sprach Grace Fryer und ihren Kolleginnen je 10.000 US-Dollar zu, das wären heute umgerechnet rund 131.000 Euro. Zusätzlich erhielten sie eine lebenslange jährliche Rente von 600 US-Dollar. Ein Hohn, wenn man bedenkt, dass die meisten Klägerinnen zum Zeitpunkt des Vergleichs eine Lebenserwartung von vier Monaten hatten.

Wenn in Comics jemand mit strahlenden Substanzen in Berührung kommt, ist das normalerweise der Anfang einer Superhelden-Geschichte. „Radium Girls“ erzählt die wahre Geschichte von Frauen, die über sich selbst hinauswachsen, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Das macht sie zu Superheldinnen aus dem wahren Leben.


Cy.
Radium Girls – Ihr Kampf um Gerechtigkeit
136 Seiten, Carlsen 2022, 20,- Euro


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Über die Autorin

Melina Deymann, geboren 1979, studierte Theaterwissenschaft und Anglistik und machte im Anschluss eine Ausbildung als Buchhändlerin. Dem Traumberuf machte der Aufstieg eines Online-Monopolisten ein jähes Ende. Der UZ kam es zugute.

Melina Deymann ist seit 2017 bei der Zeitung der DKP tätig, zuerst als Volontärin, heute als Redakteurin für internationale Politik und als Chefin vom Dienst. Ihre Liebe zum Schreiben entdeckte sie bei der Arbeit für die „Position“, dem Magazin der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend.

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"Verstrahlt und verarscht", UZ vom 4. März 2022



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