Iran befreit sich aus der imperialistischen Isolation

Von der antiken Großmacht zum BRICS-Plus-Staat

In der Region des heutigen Iran entwickelten sich einige der ältesten Kulturen der Menschheit. Die strategische Lage als Brücke zwischen Afrika und Asien machte den Landstrich seit der Antike zum Schauplatz zahlloser Kriege. Iran ist seit seiner Gründung ein zentrales Objekt der Begierde der imperialistischen Staaten.

Die technologischen und ökonomischen Fortschritte der Bronze- und Eisenzeit (etwa 3.000 bis 600 v. u. Z.) ermöglichten die Bildung von Großreichen. Die Dynastie der Achämeniden legte den Grundstein zum Persischen Weltreich. Unter dem „König der Könige“ Dareios I. (550 bis 486 v. u. Z.) erreichte es seine größte Ausdehnung – vom Indus bis nach Libyen. Das Reich der Achämeniden galt schon in der Antike als kulturell und religiös tolerant und geschlechtlich weitgehend gleichberechtigt. Es verfolgte wissenschaftliche, fiskalische und infrastrukturelle Modernisierungsprojekte. Nach 220 Jahren setzte der Makedonier-König Alexander der Große 330 v. u. Z. dem Achämeniden-Reich ein Ende und ließ die Hauptstadt Persepolis in Flammen aufgehen.

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Wie alle militärisch fundierten Reiche verfiel auch das Reich Alexanders sehr rasch. Schon 247 v. u. Z. formte sich im Nordosten Irans mit den Parthern eine neue Herrscherdynastie, welche die kulturellen, sprachlichen und ökonomischen Einflüsse aus der altpersischen und der hellenistischen Phase wie auch aus den Regionen zusammenführen konnte. Das Vielvölkerreich der Parther konnte einen für antike Verhältnisse relativ breiten Wohlstand durch seine mit ausgeklügelter Bewässerung unterstützte Land- und Viehwirtschaft sicherstellen. Um 120 v. u. Z. etablierten sich erste offizielle Kontakte zur Han-Dynastie in China. Die antike Seidenstraße wurde geboren.

Das Römische Imperium stieß bei seiner Ostexpansion in Persien auf ernsthaften Widerstand. Daher verwickelten sich Persien und Rom – später Ostrom beziehungsweise Byzanz – über sieben Jahrhunderte immer wieder in erbitterte Kämpfe.

Erschöpft von den jahrhundertelangen Kämpfen wurde der sassanidische Iran ebenso wie die Staaten Südwest-asiens, Nordafrikas und der Iberischen Halbinsel eine leichte Beute der muslimischen Expansion (622 bis 750). Verdrängt wurde somit auch die uralte Religion des Zoroastrismus. Die christlichen und islamischen Religionen hatten sich in den spätantiken Machtkämpfen als die deutlich schlagkräftigeren Ideologien herausgestellt. Ab dem 9. Jahrhundert setzte eine „Re-Persifizierung“ ein – eine Rückbesinnung auf iranische Kultur und Wissenschaft. Dieses „Goldene Zeitalter“ der islamisch-iranischen Zivilisation mit seiner Sammlung und Übersetzung des antiken Wissens war eine bedeutende Quelle der europäischen Renaissance.

Diese Phase endete abrupt durch die mongolische Invasion 1219 unter Dschingis Khan. Mitte des 14. Jahrhunderts raffte eine Pestepidemie rund 30 Prozent der Bevölkerung dahin. 30 Jahre später forderten die Kriegszüge des turkmongolischen Eroberers Timur weitere etwa 17 Millionen Opfer.

Die Reiche der kriegerischen Reiterdynastien verfielen ebenso schnell wie das Reich Alexanders. Es dauerte nach Timurs Tod noch fast ein Jahrhundert, bis sich die Region – ab 1501 – unter den Safawiden zu erholen begann.

Nach der arabisch-muslimischen Eroberung Irans wurde der sunnitische Islam zur dominanten Religion. Im Zuge ihres Aufstiegs machten dann die Safawiden die schiitische Glaubensrichtung zur Staatsreligion – wohl nicht zuletzt aus machtpolitischen Erwägungen gegenüber den sunnitischen Osmanen. Heute bekennen sich rund 90 Prozent der Bevölkerung zum Schiismus. Die Herrschaft der Safawiden erreichte unter Schah Abbas I. (1571 bis 1629) ihren Höhepunkt. Trotz nach wie vor stattfindender Kriege wird für den Iran des späten 17. Jahrhunderts ein höherer Lebensstandard angenommen als für Mitteleuropa.

Die ständigen Kriege gegen Osmanen, Usbeken oder Russen führten zum wirtschaftlichen Niedergang und zu Aufständen. Das Großreich der Safawiden zerfiel auch deswegen, weil das zuletzt ökonomisch dramatisch in Rückstand geratene Land erhebliche Gebietseinbußen hinnehmen musste. Auf den damit einhergehenden Verlust des Lebensstandards deutet die Hungersnot zwischen 1870 und 1872 hin, der zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Mit dem Aufkommen der europäisch-imperialistischen Eroberungspolitik wurde Iran immer mehr zu einem Spielball, stießen doch die neuen Akteure in dieser Region auf die historischen Expansionsgelüste Russlands und des Osmanischen Reichs.

Die spätfeudale Kadscharen-Dynastie (1796 bis 1925), bereits in zunehmender Abhängigkeit von den europäischen Mächten, war nicht in der Lage, die erforderlichen Maßnahmen zur Industrialisierung und Demokratisierung zu ergreifen. 1905 begann der sechsjährige Kampf um eine Verfassung und die Etablierung eines Parlaments. 1925 konnte Reza Pahlavi sich mit britischer Hilfe an die Macht putschen. Pahlavi versuchte in den folgenden Jahren den britischen Imperialismus auszuspielen und ließ Berater aus dem faschistischen Deutschen Reich ins Land. 1941 marschierten Britannien und die Sowjetunion im Iran ein und setzten Pahlavi ab. Sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi folgte ihm auf dem Thron, verlor aber an Macht gegenüber dem Parlament. Nach 1945 spielte Premierminister Mohammad Mossadegh eine immer größere Rolle. 1951 verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz zur Verstaatlichung der Ölindustrie, London organisierte daraufhin den Boykott iranischen Öls. Als das nichts half, griff die CIA ein: Sie organisierte einen Putsch gegen Mossadegh und beförderte Pahlavi wieder auf den Thron – bis ihn der iranische Widerstand 1979 hinwegfegte.

Ähnlich wie der von Tschiang Kai-shek geführte rechte Flügel der Kuomintang 1927 in Shanghai die verbündeten Kommunisten durch Massenmord auszuschalten versuchte, so wandten sich auch die von Ruhollah Chomeini geführten islamischen Fundamentalisten ab 1982 gegen die „atheistischen Teufel“ der Tudeh-Partei oder der Volksfedajin. So wie seinerzeit in Shanghai und anderen Teilen der Welt fielen dem Versuch, das „kommunistische Problem“ durch Folter und Massenmord zu lösen, auch in Iran Tausende zum Opfer – hierin waren sich Chomeini, der Schah, die CIA und all die Schlächter von Tschiang über Haji Mohamed Suharto bis Augusto Pinochet einig.

Was sich geändert hat, ist die geoökonomische und geostrategische Lage: Selbst in der Wahrnehmung der Golfmonarchien ist „die einzige Weltmacht“ USA mittlerweile vom engen Verbündeten zum globalen Problem mutiert.

Über die Entwicklung des Iran seit 1979 haben wir hier berichtet.


Iran im BRICS-Plus-Bündnis
Dass Iran, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Ägypten und Äthiopien nun Teil eines Wirtschaftsverbands geworden sind, der sich explizit als antihegemonialer Gegenentwurf zur US-beherrschten unipolaren Weltordnung versteht, ist eine Entwicklung, die kaum überschätzt werden kann. Immerhin geben hier Politiker den Ton an wie der Kommunist Xi Jinping, der dabei ist, die VR China zur ökonomisch und politisch wichtigsten Macht des Globus aufzubauen, oder wie ein Wladimir Putin, der den Untergang der Sowjetunion für „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ hält. Dass die Golfmonarchien Putin und Xi wie Superstars feiern, wäre noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen.
Mit dem Schwerpunkt der BRICS-Erweiterung auf Fossilenergie produzierende Staaten steht BRICS-Plus nun für 43 Prozent der globalen Ölproduktion und wird, zusammen mit OPEC-Plus, unabhängig von den Direktiven Washingtons die Fossilenergieversorgung des Globus weitgehend kontrollieren. Die Fossilenergiestaaten werden eine zentrale Rolle bei der Durchsetzung der De-Dollarisierung und beim Aufbau von Sanktionsresilienz in Asien und im Globalen Süden spielen. Für Iran kommt die aufgrund seiner geostrategischen Bedeutung wichtige Mitgliedschaft in der Shanghai-Kooperation und die Mitarbeit in der Belt and Road Initiative hinzu. Nicht zu unterschätzen sind auch die militärischen Fähigkeiten Irans, etwa hinsichtlich einer drohenden Eskalation im Zusammenhang mit dem israelischen Völkermord in Gaza und der Westbank. Iran und Saudi-Arabien haben sich durch chinesische Vermittlung einander angenähert, was zu einer deutlichen Entspannung in der Region geführt hat.
BRICS-Plus wird insbesondere für Iran einen erheblichen Aufschwung bedeuten, da es ihm ermöglicht, seine Wirtschaftsbeziehungen zu den wichtigen Staaten des indopazifischen Raumes neu zu organisieren und der Isolierung durch die Staaten des USA- und NATO-Lagers immer weiter zu entkommen. Es ist für BRICS-Plus von zentraler Bedeutung, dass außer der antihegemonialen Grundorientierung auf eine ideologische Festlegung verzichtet und das Prinzip der strikten Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eingehalten wird. Alles andere würde die Kooperation der – nach der Absage Argentiniens – nunmehr zehn Staaten sofort sprengen.


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"Von der antiken Großmacht zum BRICS-Plus-Staat", UZ vom 26. Januar 2024



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