Vereinigte Arabische Emirate in Zeiten eines drohenden regionalen Krieges

Die zweite Ölmacht am Golf

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) sind das jüngste, das kleinste, vermutlich auch das unbekannteste neue Mitglied der neuen BRICS-Plus-Gruppe. Die VAE bieten – ähnlich wie auch das Königreich der Sauds – eine merkwürdige Kombination zwischen spätfeudalem Absolutismus, religiösem Fundamentalismus und technokratisch-kapitalistischer Moderne. Die am 7. Dezember 1971 gegründeten VAE bestehen aus einer Föderation von sieben souveränen absolutistischen Emiraten. Die sieben Staatschefs bilden den Obersten Föderationsrat, die oberste legislative und gleichzeitig exekutive Körperschaft. Der Oberste Föderationsrat wählt einen Präsidenten und zwei Vizepräsidenten. Der amtierende Präsident ist Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan – oder kurz MbZ. Die sunnitische Auslegung des Islam ist Staatsreligion für die rund eine Million Staatsangehörigen – bei zehn Millionen Einwohnern der VAE.

Die VAE sind mit 83.600 Quadratkilometern in etwa so groß wie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zusammengenommen. Sie wurden gebildet durch die Emirate Abu Dhabi, Adschman, Dubai, Fudschaira, Ra’s al-Chaima, Schardscha und Umm al-Qaiwain. Ursprünglich sollten auch Katar und Bahrain Mitglieder der Föderation werden – wofür es sicher gute Argumente gab. Allerdings entließ Britannien die beiden Emirate, wohl nicht unabsichtlich, frühzeitig in die Unabhängigkeit – und so blieb es bei sieben Mitgliedern. Die Briten und nach ihnen das US-Militär konnten sich in Bahrain einen der wichtigsten Militärstützpunkte in Südwestasien sichern.

Frühgeschichte

Die jahrtausendealten Stammesgesellschaften auf der arabischen Halbinsel wurden immer wieder von den sich seit der Frühantike bildenden Großreichen dominiert. Nach den iranischen Sassaniden (224 bis 632) sicherte sich die islamische Expansion unter Abu Bakr (632 bis 634) für fast neun Jahrhunderte die Herrschaft über die Region, bis der portugiesische Seefahrer Afonso de Albuquerque auf seiner Suche nach einem geeigneten Seeweg nach Indien 1510 auch den Persischen Golf unter portugiesischen Einfluss brachte. Anfang des 19. Jahrhunderts, die britische Royal Navy hatte gerade mit der Schlacht bei Trafalgar den Grundstein für ihre globale Seeherrschaft gelegt, begann die British East India Company – selbstredend gestützt auf die Kanonen der Navy – ihre „Persian Gulf Campaign“. Mit dieser wollten die Briten ihre europäischen Konkurrenten, vor allem Niederländer und Franzosen, weiter aus dem Indienhandel drängen. Der Persische Golf hatte und hat strategische Bedeutung für Handel und Transit. Die britischen Invasoren machten – wie üblich – mit überlegener Feuerkraft und verbrannter Erde klar, dass sie hier künftig das Sagen haben wollten. 1820 unterzeichneten die Briten und die kooperationsbereit geschossenen Golfemirate den „Generalvertrag zur Beendigung von Plünderung und Piraterie zu Land und zur See“. Damit waren die Golf­emirate zu Protektoraten des Empire geworden.

Koloniale Befreiung

Der Zweite Weltkrieg hatte die europäischen Mächte endgültig ruiniert – die Großmachtansprüche waren dahin. Frankreich bekam seine Grenzen in Dien Bien Phu aufgezeigt, Britannien in der Suezkrise 1956/57. Es war Zeit für eine Frontbegradigung. Ab 1966 wurde in London der Rückzug aus den Golf-emiraten offen diskutiert und 1971 dann auch vollzogen. Die VAE wechselten ins Lager der arabischen US-Vasallen, welches als strategisches Gegengewicht zum Panarabismus konzipiert war, der unter Führern wie Gamal Abdel Nasser, Muammar al-Gaddafi, Hafiz al-Assad, Ahmad Hassan al-Bakr und Dschafar Muhammad an-Numairi eine linke, sozialistische und antiimperialistische Ausprägung erhielt – für den US-dominierten Westen natürlich ein Alarmsignal. Auch der Aufbau des US-gestützten, militant-zionistischen Staates Israel vollzog sich vor diesem Hintergrund. In Bahrain übernahmen die USA nach 1971 den ausgedehnten Flottenstützpunkt der Briten und machten „Naval Support Activity Bahrain“ (NSA Bahrain) zum Stützpunkt der Fünften US-Flotte und der Marine des US-Zentralkommandos. NSA Bahrain wurde später zur Drehscheibe des „Global War on Terror“, der US-Kriege in der Region.

Neokolonialismus

Die Rolle des treuen, engagierten US-Hiwis spielten die VAE vor allem während des US-Versuchs, aus den nordafrikanischen und südwestasiatischen Staaten nach dem Ende der Sowjetunion ein Konglomerat abhängiger US-Vasallen zu formen. Im Krieg der USA gegen den Irak stellten die VAE der US Air Force schon ab 1991 ihre Al Dhafra Air Base zur Verfügung. In den folgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit ausgebaut, besonders nach den Kriegen, welche die USA angeblich gegen den „Terror“ führten. Am 15. September 2020 unterzeichneten schließlich der israelische Präsident Benjamin Netanjahu und der VAR-Außenminister Abdullah bin Zayed bin Sultan Al Nahyan im Weißen Haus die von Donald Trump vermittelten Abraham Accords, womit die VAR ihre Beziehungen zu Israel „normalisierten“. Damit sollten die historischen Rechte des palästinensischen Volkes beiseite geschoben und dem Vergessen anheimgegeben werden.

0910 Tabelle VAE - Die zweite Ölmacht am Golf - BRICS Plus, China, Erdölreserven, Iran, Neokolonialismus, Russland, Vereinigte Arabische Emirate, Wirtschaftsgeschichte - Theorie & Geschichte
Fast ein Fünftel der Importe der VAE kam 2022 aus China. (Grafik: UZ, Zahlen: UN Comtrade)

Hinwendung zu BRICS

Umso einschneidender ist die Entwicklung der letzten Jahre, während derer sich die VAE Russland, China und den anderen BRICS-Staaten annäherten. Zwei Monate nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 landete Wladimir Putin zu Gesprächen über die sich zuspitzende Situation in der Region. In den VAE wurde er als „lieber Freund“ mit außergewöhnlich glanzvollen Ehren empfangen. Am 7. Dezember 2023 empfing Putin den iranischen Präsident Ebrahim Raisi in Moskau und nur zwei Tage später telefonierte er mit Ägyptens Präsident Abd al-Fattah as-Sisi. Die Russen wie auch die Chinesen werden in der Region als wichtige Handelspartner, ehrliche Makler und zunehmend als strategische Verbündete wahrgenommen. Sie versuchen, vor allem auf der diplomatischen Ebene, das Morden in Palästina – und immer mehr auch darüber hinaus – zu beenden. Ein wichtiges Element dabei: Mit Russland verbinden die VAE-Herrscher wie auch die Sauds gemeinsame elementare Energieinteressen im Rahmen der OPEC-Plus.

Wirtschaftliche Interessen und Geopolitik

Die Emirate in BRICS-Plus

Die BRICS-Gruppe war zunächst ein ökonomisch basierter Zusammenschluss. Allerdings erzwingt die gegenwärtige Zuspitzung des Kriegskurses von USA und NATO in Osteuropa, Südwestasien und vor der Küste Chinas wichtige politisch-strategische Entscheidungen auch von BRICS-Plus.

Die VAE unterstützten die 2015 gestartete Intervention Saudi-Arabiens im Jemen. Dieser Krieg produzierte die größte humanitäre Katastrophe des 21. Jahrhunderts mit mehr als 400.000 Toten. Die Vermittlung Chinas zwischen Saudi-Arabien und Iran öffnete im Frühjahr vergangenen Jahres die Tür zu einer friedlichen Lösung. Der Krieg Israels gegen das palästinensische Volk und die Einmischung der USA in der Region gießen Öl ins Feuer. Die Menschen in der arabischen Welt stehen fest an der Seite der Palästinenser. Das zwingt die VAE dazu, Position zu beziehen.

Der Konflikt in Südwestasien könnte sich in der nächsten Zeit deutlich ausweiten. Israel hat mit Anschlägen in Libanon und Iran die Hisbollah und die iranischen Revolutionsgarden in Zugzwang gebracht. Gleiches gilt für die völkerrechtswidrigen angloamerikanischen Angriffe auf den Jemen. Das Rote Meer ist damit nicht nur für die israelische und israelorientierte Schifffahrt zum Kriegsgebiet geworden, sondern ganz allgemein für Frachtschiffe nicht mehr passierbar. Teheran hat damit begonnen, Mossad-Positionen und Stellungen vom Westen gesteuerter islamistischer Terrororganisationen mit Raketen zu beschießen. Iran und Russland stehen vor dem Abschluss eines strategischen Abkommens, welches auch eine militärische Komponente haben dürfte. Südafrika hat Israel wegen des Völkermords in Gaza verklagt. Die ökonomische Zusammenarbeit der BRICS-Staaten ist ohne eine diplomatische und zumindest in Teilen militärische immer weniger zu denken.

Wie am Beispiel Argentiniens erkennbar, bedeutet der Schwenk Saudi-Arabiens und der VAE in Richtung der OPEC- und BRICS-Kooperation nicht das Ende der Washingtoner Einflussmöglichkeiten. Der von den USA ausgeübte Druck auf Riad und Abu Dhabi ist vor dem Hintergrund der eskalierenden Kriegssituation gewaltig. Es erhebt sich nicht nur die Frage, ob diese dem Druck standhalten, fraglich ist auch, ob die von China vermittelte Annäherung zwischen Iran und den arabischen Staaten diesen Konflikt überdauert, wenn die Hisbollah und die Ansar Allah im Jemen ihre Unterstützung für die Palästinenser verstärken und Washington die militärische Unterstützung Israels hochfährt. Ebenso dürfte die von Jerusalem angestrebte Verwicklung Teherans in den Konflikt zu einer massiven Verschärfung, möglicherweise zu einem offenen Großkonflikt führen, der es massiv erschweren würde, eine neutrale Position zu bewahren. Klar ist ebenso geworden, dass Israel, unterstützt von den USA – beide Atommächte, die vor einem Ersteinsatz nicht zurückschrecken –, keinesfalls gewillt ist, von seinen Vertreibungsplänen Abstand zu nehmen. Im Gegenteil: Nach der Zerstörung der Ukraine bahnt sich in Südwestasien die nächste Katastrophe an.

Öl-Ökonomie
Die VAE verfügen über rund 100 Milliarden Barrel nachgewiesener Ölreserven (weltweit Platz 7, aktueller Marktwert: acht Billionen US-Dollar) und über sechs Billionen Kubikmeter nachgewiesener Gasreserven (weltweit Platz 8, aktueller Marktwert: 750 Milliarden US-Dollar). Trotz aller Diversifizierungsbemühungen beruht die Ökonomie der Golfemirate immer noch zu über 50 Prozent auf Fossilenergie aus dem Umm-Shaif-Feld in Abu Dhabi. Das kaufkraftbasierte Bruttoinlandsprodukt (BIP) lag 2023 bei 835 Milliarden US-Dollar, weltweit Platz 34 – bei der relativ geringen Bevölkerung der VAE bedeutet das knapp 85.000 US-Dollar pro Kopf. Das Wirtschaftswachstum lag 2023 bei 3,5 Prozent. Damit ist die VAE-Ökonomie die zweitstärkste des südwestasiatischen Raumes.
Während der Export breit gestreut ist und vor allem in die arabischen Staaten und in die ost- und südostasiatischen Staaten geht, kommt der Import vorwiegend aus China und Indien. Der Westen spielt auch hier eine immer geringere Rolle, lediglich die USA und in gewisser Weise auch Japan haben als Energiedestination sowie als Tech- und Luxusartikelproduzenten noch eine gewisse Bedeutung.
Der Fossilenergie-Reichtum der Golfemirate hat ihnen bislang eine relativ sorgenfreie ökonomische Existenz beschert. Der Staatshaushalt ließ sich lange zu mehr als drei Vierteln aus dem Verkauf von Fossilenergie finanzieren. Der Versuch einer Dekarbonisierung der Weltökonomie hat jedoch die ökonomische Monostruktur der VAE zunehmend problematisch erscheinen lassen. Dazu kommen der hochvolatile Ölpreis und die Begrenztheit der Lagerstätten, die eine langfristige Finanzplanung erschweren und ebenso eine Diversifizierung der Ökonomie notwendig machen. Vor allem Dubai, das Finanzzentrum der VAE, hat den Nobeltourismus als Einnahmequelle entdeckt und spektakuläre Bauten errichtet. 2019 erreichten die Tourismuseinnahmen ihr bisheriges Maximum mit einem Anteil von 9,2 Prozent am BIP.

✘ Leserbrief schreiben

An die UZ-Redaktion (leserbriefe (at) unsere-zeit.de)

"Die zweite Ölmacht am Golf", UZ vom 1. März 2024



    Bitte beweise, dass du kein Spambot bist und wähle das Symbol LKW.



    UZ Probe-Abo [6 Wochen Gratis]
    Unsere Zeit